Links das Münster, rechts die Martinskirche, dazwischen die herrschaftliche Altstadtfassade. Im Vordergrund fliesst der Rhein mit der Fähre in der Mitte. Dieser Bildausschnitt ist wohl das bekannteste und beliebteste Sujet der Stadt. Hundertfach wurde es gemalt, millionenfach fotografiert. Es ziert Postkarten, Souvenirs und Reisebroschüren. Und genau diese Fassade hat sich in den letzten Monaten verändert. Die Häuser auf dem Münsterplatz werden neu vom 89 Meter hohen Turm des Baloise Park am Bahnhof SBB überragt.

Aufgefallen ist das Geri Stocker. Der Amateurfotograf beschäftigt sich schon seit langem mit der Stadt. «Dieser Tage bei meinem Stadt-Spaziergang ist mir die Galle hochgekommen», schreibt er. In den letzten Jahren habe man sich aufgrund der Hochhäuser an viele neue Stadtansichten gewöhnen müssen. «Bei allen Veränderungen war ich bisher allerdings davon ausgegangen, dass die klassischste aller Basler Stadt-Silhouetten gesetzlich oder aus Respekt sakrosankt sei.» Mit dem Baloise-Turm werde nun definitiv eine städtebauliche Grenze überschritten, so Stocker. «Für mich ist klar: Basel legt sich damit selbst ein Ei, sabotiert sein historisches Erbe und sein Tourismus-Kapital.»

Auch Roger J. Rebmann, besser bekannt als Stadtführer Grabmacherjoggi, hat Mühe mit der neuen Ansicht. «Das ist eine Zäsur, die bedauerlich und schmerzhaft ist. Auch wenn man natürlich damit leben muss.» Ähnliche Beispiele seien etwa das Meret Oppenheim Hochhaus, das den Bahnhof SBB überragt oder der Blick das Imbergässlein herunter in Richtung Marktplatz. «Früher schaute man direkt auf den Turm des Rathauses. Nun hat man dahinter noch den Roche-Turm.» Die Hochhäuser stehen für Grabmacherjoggi auch für eine Werteverschiebung. An die Stelle des Kulturellen, Politischen und Historischen als Kirchen oder Tore treten die Prestigebauten von Grosskonzernen.

«Bereicherung für die Stadt»

Auch Basel Tourismus wirbt oft mit der Münster-Silhouette. Direktor Daniel Egloff kann allerdings die Bedenken gegenüber dem Baloise-Turm nicht teilen: «Die Stadt Basel vereint in vielerlei Hinsicht Gegensätzliches. Insofern finde ich den Bau wie etwa auch den Roche-Turm eine Bereicherung des Stadtbildes.» Ihm gefalle die Kombination der Altstadt mit modernen Hochhäusern. «Das finde ich spannender als etwa New York oder Ballenberg», meint Egloff.
Moreno Marconi, Projektleiter des Baloise Parks, sagt: «Verdichtung ist das Leitwort in der heutigen Stadtentwicklung. Aufgrund seiner geografischen Lage macht es in Basel Sinn, in die Höhe zu bauen, um neuen Raum für Wohnen und Arbeiten zu schaffen.» Diese von der Stadt gewünschte Verdichtung bedinge, dass sich das Stadtbild verändert. Das sei mit den Verantwortlichen des Kantons so besprochen worden. «Das Hochhaus im Baloise Park ist ein hoher, erhabener, selbstbewusster und dennoch eng mit der Stadt und deren historischen Steinbauten verbundener Bau.» Bei der Materialwahl habe man solche Fragen berücksichtigt. «Der Turm wird durch die Glasfassade auch nochmals ganz anders aussehen, wenn er 2020 fertig ist», sagt Marconi.

Und auch Baudirektor Hans-Peter Wessels outete sich bereits als Fan des Baloise-Hochhauses: In einem Beitrag für die Baloise schrieb er bei der Grundsteinlegung im Sommer 2017: «Dank der florierenden Wirtschaft und der Attraktivität Basels als Lebensraum entstehen seit etlichen Jahren zahlreiche Projekte, welche das Erscheinungsbild der Stadt auf lange Zeit prägen werden.» Und weiter: «Mit dem Hochhaus entsteht ein weiteres Wahrzeichen der Stadt.»