Er mag Hochwasser, da er Herausforderungen liebt. Schon bei gewöhnlichem Pegelstand ist Rheinlotse Peter Christ überzeugt, dass er den anspruchsvollsten Job der Rheinschifffahrt ausübt: «Wir arbeiten hart an der Grenze des Machbaren.» Bei hohem Rheinpegel werde die Fahrt mit einem Frachtschiff durch Basel wirklich gefährlich. In der Führerkabine wird dann kein Wort mehr gesprochen. «Man darf keinen einzigen Fehler machen, sonst kracht es», weiss der 64-Jährige, der seine Karriere auf dem Rhein als 17-Jähriger mit einer Lehre als Schiffsjunge begonnen hat.

Wie auf eisiger Fahrbahn

Die Fahrt eines grossen Frachtschiffs durch das Basler Rheinknie vergleicht Christ mit einer Autofahrt in einer vereisten Kurve. Ein Kampf gegen die Natur. Die durchschnittlich 1000 Tonnen schweren Frachtschiffe, die rund 3000 Tonnen laden können, lenkt der Lotse erst im letzten Moment in die Fahrrinne unter der Mittleren Brücke. Sonst würden sie von der Strömung weggedrückt.

Nur etwa jeder zehnte Schiffsführer besitzt das Basler Patent. Alle anderen müssen auf der Fahrt durch Basel das Steuer und die Verantwortung dem Rheinlotsen abgeben. Der Schiffsführer wird vorübergehend zum Matrosen degradiert. Christ steigt jeweils unter der Dreirosenbrücke zu und fährt normalerweise bis zur Schleuse in Birsfelden mit.

An manchen Tagen gibts kein Geld

Bezahlt werden die fünf Basler Rheinlotsen direkt durch die Schiffer. Täglich ist immer ein Lotse während sechzehn Stunden abrufbereit: von fünf Uhr morgens bis 21 Uhr abends. Bezahlt wird er jedoch nur pro Schiff: mit 58 Euro. Durchschnittlich passieren vier Frachtschiffe pro Tag Basel. Manchmal keines. Dann hält sich Christ vergeblich abrufbereit und verdient nichts. «Das Warten ist mühsam. Aber man gewöhnt sich daran», sagt er. Nur mit der Anerkennung seiner Arbeit hat er Mühe: «Selbst bei Hochwasser, wenn es wirklich gefährlich ist, erhalten wir in der Regel weder ein Danke noch ein Trinkgeld.» Seit dem Zweiten Weltkrieg sei die Bezahlung in der Rheinschifffahrt nie so schlecht gewesen wie heute.

Der 64-Jährige würde in einem Jahr gerne in Pension gehen, wird aus finanziellen Gründen aber bis
67 weiterarbeiten. «Wir werden wie der letzte Dreck behandelt», sagt Christ und versichert auf Nachfrage, ja, das solle man ruhig so schreiben. «Wir erhalten null Anerkennung.»

Kein Lotsen-Nachwuchs in Sicht

Der Kleinhüninger schwärmt zwar für seinen Beruf und sieht sich als selbstständigen Künstler. Sein Gesicht strahlt, wenn er über die hohe Kunst referiert, 180 Meter lange Kuppelschiffe durch das Basler Nadelöhr zu manövrieren: «Das hat einen ähnlichen Reiz wie Hochleistungssport.» Doch weiterempfehlen würde er seinen Job, den er seit 1985 ausübt, nicht. Die Bezahlung sei einfach miserabel. «Das ganze Geld kassiert die Befrachtungsmafia», kritisiert er. Damit meint er die Logistikfirmen, die ihre eigenen Schiffe längst verkauft haben. Für seine Branche sieht Christ schwarz. Von den fünf Basler Rheinlotsen werden in den nächsten Jahren drei pensioniert. Nachwuchs sei nicht in Sicht: «Wer hat schon Lust, bei dieser Bezahlung 16 Stunden pro Tag zu arbeiten und mit dem Velo bei Minustemperaturen nach Birsfelden zu radeln?»

In seiner Karriere ist Christ nur einer Person begegnet, welche die Herausforderung seiner Arbeit verstanden habe. Martin Roth, der Chef des Basler Krisenstabs, habe nach einer Fahrt mit ihm gesagt: «Das ist ja, wie wenn man mit einem Jumbojet im Sturm landen müsste.» Ein schwacher Trost.