Kippe in der linken Hand, ein Glas Prosecco auf dem Tisch. Tom Brunner sitzt zurückgelehnt auf seinem Stuhl, die letzten Sonnenstrahlen des Tages fallen auf sein gebräuntes Gesicht. Von der Terrasse der Wohnung, die er sich auf dem Hafenareal eingerichtet hat, geniesst er den Ausblick auf die umgenutzten Containers, Wohnwagen und Holzbauten. Diese stehen hier dank dem Verein Shift Mode, den er mit seiner Frau Katja Reichenstein führt. Sie sind seit 2014 für die Zwischennutzung des Hafenareals zuständig.

Das Unterfangen stellt sich abenteuerlicher heraus, als Tom Brunner es sich jemals hätte vorstellen können. Von Anfang an steht ihr Verein im Kampf von Akteuren mit unterschiedlichen Interessen: Von der Stadtverwaltung und deren Vorschriften über Freiraumaktivisten, die nach mehr Konfrontation gegen die Autorität aufrufen, bis zu lauten Partygängern und lärmscheuen Anwohnern.

Trotz aller Hürden wird die Zwischennutzung fortgesetzt werden. Diese Woche teilte die Stadt mit, dass sie das Areal noch fünf Jahre lang dem Verein Shift Mode anvertrauen will, mit einer möglichen Verlängerung von weiteren fünf Jahren. Brunner schaut auf eine erlebnisreiche Zeit zurück: «Bei diesem Projekt, wie auch im Leben, komme ich mir manchmal wie in einem Putschauto vor: Ich werde von allen Seiten hin und her gestossen. Und manchmal stosse ich auch entgegen.»

Die Leitplanke durchbrechen

Das Entgegenstossen beginnt schon früh. Der 42-jährige erklärt, dass er sich während seiner Kindheit oft eingeengt gefühlt habe. Er wächst in Adelboden und im Berner Mittelland auf. Im christlichen Familienhaushalt fühlt er sich unverstanden und eigenartig. «Für meinen Vater war alles, was ich liebte, für den Teufel: Die Musik, die ich hörte, die Kreise, in denen ich mich bewegte.»

Er absolviert in Bern eine Lehre als Elektriker, ganz nach den Vorstellungen seiner Eltern, aber er entfaltet sich vor allem in der Musik. Diese erlaubt ihm, auszubrechen. Ins Putschauto zu steigen und durch die Leitblanke zu fahren. Mit zwanzig gründet er ein Tonstudio, mit dem er sein Lebensunterhalt verdient.

Dass er stets eigenwillig von den Vorstellungen seiner Familie abweicht, macht ihm auch zu schaffen: Tom hat sich lange gewünscht, dass sein Vater ihm mal sagt: Du hattest Recht und hast den richtigen Weg für dich eingeschlagen. Bisher wartet er vergebens. «Er kann das gar nicht aussprechen, aber ich habe das Gefühl, dass er es trotzdem akzeptiert hat. Er hat gemerkt, dass ich von all seinen Kindern am meisten ausgeglichen bin.»

Seine DJ-Karriere bringt ihn nach Basel. Der Berner wird oft gebucht. Die Stadt spricht ihn sofort an: «Hier genoss ich eine kulturelle Vielfalt, die mir in Bern fehlte.» Tom lernt 2005 seine zukünftige Frau kennen: Katja Reichenstein, Moderatorin bei Radio Basilisk. Er holt sie an Bord seines eigenen Radioprojektes, Livingroom FM. 2006 zieht er nach Basel und ist seither mit Katja Reichenstein in der Kulturszene aktiv.

Neben seinen ehrenamtlichen Aktivitäten im Kulturbereich ergänzt er seine Ausbildung mit einem Studium an der ETH in Elektronik und Akustik, einem Diplom als Audio-Ingenieur und einem Master in Kulturmanagement. «Was ich auf dem Bau gelernt habe, ist aber immer noch das Nützlichste.» Dort hat er allen Berufsgattungen auf die Finger geschaut und kann nun das handwerkliche Wissen für die Arbeiten am Hafenareal anwenden.

Die letzten fünf Jahre haben ihn stark geprägt. Anfänglich hat sein Umfeld vor dem Projekt am Hafen gewarnt: Es seien zu viele Interessen im Spiel, es sei zu kompliziert. Tom glaubt aber an seine Träume und stösst sein Putschauto durch. Manchmal wird er von seiner Spur abgelenkt, manchmal muss er zurückfahren, eine andere Richtung eingehen oder dreht sich im Kreis. «Aber ich bleibe dem treu, was ich für richtig halte». Er ist zielstrebig, hat jedoch auch gelernt, loszulassen.

Von der Vergänglichkeit des Lebens

«Durch das Projekt am Hafenareal habe ich eine Art Gleichgültigkeit entwickelt.» Was meint er damit, wenn er doch vorher gesagt hat, dass er stets an seinen Ideen festgehalten hat? «Es ist gut, sich für etwas einzusetzen, aber man darf nicht zu verbissen an etwas klemmen. Ich könnte mich damit abfinden , dieses Projekt und dieses Leben aufzugeben und zurück auf die Baustelle um als Elektriker zu arbeiten.»

Wenn Leute zu stark versuchen, ihr Leben bedeutungsvoll zu machen, würden sie eben daran verzweifeln. «Alles ist vergänglich, genau wie dieses Areal. Im Grunde genommen ist das Leben auch eine Zwischennutzung. Wir sind nicht lange hier, und müssen das Beste daraus machen. Danach verschwindet wieder alles.»

Auf was könnte er denn nicht verzichten? «Ich kann nicht auf Katja verzichten. Sie und ich sind ein sicherer Hafen füreinander.» Er beschreibt eine Beziehung, in welcher beide sich entfalten und keine der beiden dem anderen etwas vorspielen muss. Er empfindet es nicht als bedrückend, dass sie gemeinsam an vielen Projekten arbeiten und die stürmischen Zeiten des Hafenareals miteinander durchstehen müssen.

«Unsere Projekte sind sozusagen unsere Kinder. Sie machen unsere Beziehung umso interessanter. Katja und ich haben eine krasse mentale Verbindung. Wir finden immer zueinander zurück. Der Hafen, den wir füreinander sind, kann nicht weggeschwemmt werden.»

Die letzte Runde

Das Leuchtturmschiff, das nun bis Ende Jahr auf dem Areal aufgestellt sein wird, ist für Tom Brunner der Höhepunkt der Zwischennutzung. Morgen reist er nach Rotterdam, um sich den Kahn anzuschauen und ihn für seine Reise auf dem Rhein vorzubereiten. «Das wird das grösste und vielleicht letzte Projekt.» Er träumt manchmal davon, zurück nach Adelboden zu ziehen und dort handwerklich tätig zu sein. Weg vom Stadtleben und vom Getümmel. Aber zuerst wird noch eine letzte Runde auf der Putschautobahn gedreht.