Wäre Christian Fluri ein Musikstück, es wäre ein Allegro mit einer Vortragsbezeichnung wie «con spirito», «espressivo» oder «con fuoco» – also beseelt, ausdrucksvoll, mit Feuer. Christian Fluri ist keiner jener Kulturkritiker, die mit bitterem Ausdruck über die Künstler herfallen. Er verstand es, seine Leidenschaft für Musik, insbesondere die Oper, für Kunst und Literatur in seinen Texten sicht- und spürbar zu machen. Er war damit für die Region Basel ein wichtiger Kulturvermittler und -förderer im besten Sinn – ein Glücksfall für die Kulturszene Basel und für unsere Zeitung.

Christian Fluri, 1950 in Baden geboren, hat ursprünglich in Zürich die Handelsschule besucht und sie mit dem Handelsdiplom abgeschlossen. In Basel hat er im Frühling 1973 die Matura nachgeholt und dann an der Universität Basel Germanistik, Geschichte und Philosophie studiert. Vom dritten Semester an hat er parallel zum Studium Schule gegeben. Daneben spielte er Querflöte. 1983 bis 1989 unterrichtete er an der Minerva. Noch heute outen sich erstaunlich viele Basler als ehemalige Schüler von Christian Fluri.

1989 suchte die Basellandschaftliche Zeitung einen Kulturredaktor. Mathis Lüdin, der damalige Verleger der bz, wollte das Experiment mit Quereinsteiger Fluri wagen und stellte ihn an, zunächst nur 50 Prozent, ab 1990 dann mit einem 100-Prozent-Pensum. Von Beginn an setzte sich Fluri intensiv mit der Oper auseinander. Das Theater Basel, damals unter Frank Baumbauer, hat viel zu bieten.

Damit Fluri wusste, wovon er schreibt, nahm er Gesangsunterricht und setzte sich intensiv mit dem Theater auseinander. 1998 machte er in seinen Ferien sogar ein Dramaturgie-Stage bei Herbert Wernicke. Inszeniert wurde die Oper Giulio Cesare von Händel – Fluri schwärmt heute noch davon. Und zehrt in seiner Arbeit bis heute vom Gelernten.

Obwohl er sich immer mit der klassischen Musik beschäftigt hat, ist Fluri in den 68er-Jahren mit Rock sozialisiert worden. «1968 war ich 18 Jahre alt und natürlich hörte auch ich damals die Beatles, Rolling Stones und Jimi Hendrix», erzählt er. Als er etwa 20 Jahre alt war, sei er in einem Plattenladen auf die klassische Avantgarde gestossen. «Ich hörte zum ersten Mal Musik von Karlheinz Stockhausen, das hat mich bekehrt.» Es war also die Neue Musik, die Fluri zur Klassik brachte. Auch das ist seinen Texten bis heute anzusehen: Kaum jemand in der Region Basel setzt sich so intensiv mit dem zeitgenössischen Musikschaffen auseinander.

Das Theater hat Fluri früh fasziniert. Schon als Kind habe er mit seinen Eltern in Zürich das Theater besucht. Er habe da die kurze Zeit mit Peter Stein erlebt, zum Beispiel Steins «Torquato Tasso» mit dem jungen Bruno Ganz. Das Theater sei auch ein Grund dafür gewesen, dass er nach Basel gekommen sei: «Damals leitete Werner Düggelin das Theater Basel – ich habe wahrscheinlich jede einzelne seiner Inszenierungen gesehen.» Im Theater hat Christian Fluri auch viele Freunde gefunden. Als Höhepunkt bezeichnet er selbst die Freundschaft mit Herbert Wernicke, die in einem Buch über Wernicke mündete.

Über die Jahre der Beschäftigung mit dem Theater hat Fluri auch das Sparen immer begleitet: Schon 1992 setzten die ersten Sparrunden am Theater ein. «Sparen bei der Kultur hat mich mein ganzes Berufsleben begleitet und ich habe mich immer mit Händen und Füssen dagegen gewehrt.»

Eingestiegen in die Welt der Musik ist Fluri über die Moderne, am Schluss hat er aber auch die Alte Musik entdeckt, die «Radikalität eines Monteverdi, der einem wirklich neue Welten öffnet», wie er sagt. Verantwortlich dafür war die Begegnung mit Andrea Marcon, Professor an der Schola Cantorum in Basel und Leiter des Barockorchesters «La Cetra». Wenn Fluri von diesem Orchester erzählt, kommt er sofort ins Schwärmen. Er musste sich an den Redaktionskonferenzen deshalb so manchen Spruch anhören. Diese (zugegebenermassen manchmal schwärmerische) Zuneigung zur Musik, zur Kultur ganz allgemein ist es, die Christian Fluri auszeichnet.

Manche betrachten die Kultur (in der Zeitung und in der Wirklichkeit) als Randerscheinung. Das ist ein Trugschluss. Eine Zeitung, die sich mit der Stadt Basel beschäftigt, muss sich zentral mit ihrer Kultur auseinandersetzen. Ohne Kultur wäre eine Stadt lediglich eine Ansammlung von Häusern. Entsprechend spielt die Kultur in der Zeitung eine wichtige Rolle. Sie sollte die ganze Zeitung durchziehen. Mit der Zeit sollte die Zeitung selbst zur Kultur der Stadt dazugehören. Bei Christian Fluri war das zweifellos der Fall.

Pensionierung heisst auf Hochdeutsch «Ruhestand» – den müssen wir bei Christian Fluri Gott sei Dank nicht befürchten. Er hatte als Ältester oft das jüngste Herz: Es klopfte heiss, voller Liebe zu Musik und Kunst. Er hat seiner Zeitung damit das Beste gegeben: seine Leidenschaft. Sie wird uns allen fehlen. Zum Glück sind Pensionierungen im Journalismus nie so endgültig wie in anderen Berufen. Wir freuen uns deshalb darauf, Christian Fluri wieder zu begegnen – im richtigen Leben und schwarz auf weiss.

Die bz dankt Christian Fluri für seinen leidenschaftlichen Einsatz für die Kultur in Basel und in der Zeitung und wünscht ihm fortissimo alles Gute, im Parkett und in der Galerie.