Am Anfang ist das Entsetzen. Es ist 1980 und in der Kunsthalle Basel ist die Hölle los: Das amerikanische Künstlerduo «Kipper Kids» steht sturzbetrunken auf einer Bühne und bewirft das Publikum mit dem Inhalt von Einmachgläsern. Später lassen sie mit Juckpulver gefüllte Ballons mit Knallkörpern steigen. Dann ziehen sie sich aus, schnallen sich Kunststoff-Penisse ins Gesicht und singen «Diamonds Are a Girl’s Best Friend». Und zum Schluss bedrohen sie sich mit leer getrunkenen, kaputten Bierflaschen.

«Was für eine grossartige Wucht!» denken da die ganz Mutigen. Der Rest – und das sind die meisten – verlässt verstört den Raum. Ein paar panische Gemüter sind sogar schon vorher geflohen. Was hat man da gerade erlebt? «Eine Publikumsbeschmierung!», sagt die «Basler Zeitung». Eine grosse Kunstform, sagen die Kundigen.

Die Stunde der Antihaltung

Während diese Kunstform im Ausland schon seit einer Weile die Gemüter erhitzt, ist sie für die Schweizer Öffentlichkeit relativ neu. Klar hörte man bereits in den sechziger Jahren von den verrückten «Happenings» berühmter Künstler – Yoko Ono, wie sie zu live Orchestermusik ihren Kopf auf den Boden schlägt. Oder Valie Export, die sich einen mit Vorhang versehenen Karton um die nackte Brust schnallt und durch die Strassen Münchens läuft. Aktionen, die das Wesen der 68er-Bewegung spiegeln: Kunst als revolutionärer Akt, als Empowerment, als politisches Statement gegen die hohen Rösser und starren Strukturen.

Als kurz darauf der Begriff «Performance» auftaucht, ist es die Kunst der Stunde: Eine Antihaltung, immer und überall durchführbar, ob es dem Publikum passt oder nicht. In einer Performance «ist der Zuschauer dem Künstler in weit höherem Masse ausgeliefert, als wenn er Kunstwerke betrachtet, die an der Wand hängen und für die er sich beliebig Zeit nehmen kann», schreibt die Kunsthistorikerin Jacqueline Burckhardt 1980 im Magazin «Du». Sie bringt es auf den Punkt: Die bildende Kunst verfügt über einen Sicherheitsraum, das Kunstwerk ist ein Objekt, über das der Zuschauer immer die Kontrolle behält. Er kann entscheiden ob er sich zwei Stunden oder zwei Sekunden damit befassen will. Bei Performance ist das radikal anders: Das Kunstwerk ist kein Objekt mehr, sondern eine Situation.

Die grosse Schmelze

Früher stand man andächtig vor einem Rothko und bewunderte seine Tiefe, heute steht man schockiert vor einer Marina Abramovic und schaut ihr dabei zu, wie sie ein Kilo Honig isst, einen Liter Wein trinkt, sich einen Stern in den Bauch ritzt, sich auf ein Kreuz aus Eis legt und den zerschnittenen Bauch von einem Wärmestrahler aufheizen lässt. Damit das Blut besser fliesst.

Während die internationale Kunstwelt schockiert-fasziniert auf diese neue Ausdrucksform blickt, stellen sich auch die Basler Künstler immer mehr in die Öffentlichkeit und reagieren auf lokale Ereignisse. Als 1988 die Polizei gewaltsam die alte Stadtgärtnerei räumt, veranstalten Bernhard Batschelet, Daniel Häni und weitere Künstler eine Performance auf dem Barfüsserplatz: Während 36 Stunden schmelzen sie drei Tonnen Eis. Die Künstler wollen performativ auf den Konflikt reagieren, indem sie die Situation in eine Metapher und dann wieder in eine Situation verwandeln: harzige Strukturen verflüssigen.

Daniel Häni zieht die eisgewordene Gedankenübung bald weiter: Zusammen mit anderen Künstlern und der Journalistin Dagmar Brunner eröffnet er Ende der Achtziger die «Gedankenbank». Häni und seine Kollegen sitzen auf einer Bank vor der Kantonalbank und verteilen Karteikärtchen. Kunden kommen und eröffnen ein Konto, indem sie Gedanken auf die Kärtchen schreiben. Die gewinnen an Wert, wenn ein Kunde kommt und weitere Gedanken zum Urspungsgedanken hinzufügt. Das Resultat: Eine riesige Gedankenbank mit dutzenden Gedanken und Aberdutzenden Zinsgedanken. Ein Zinssatz von mehr als 1000 Prozent.

Zur selben Zeit gründen die Künstlerinnen Teresa Alonso, Regina Florida Schmid und Muda Mathis eine feministische Band, deren Konzerte über das übliche One two three hinausgehen: jedes Konzert eine Performance, jede Performance ein Konzert. Sie nennen sich «Les Reines Prochaines» – die nächsten Königinnen. Der Name ist Programm: Mathis und ihre Bandkolleginnen, zu denen später kurze Zeit auch die heute hochgefeierte Pipilotti Rist gehört, regieren mit skurrilen Aktionen das Stadtbild. Sie veranstalten Konzerte, an denen sie gleichzeitig Suppe kochen, Konzerte im Bassin in der Stückfärberei, Konzerte, an denen sie eine 18 Meter lange Schürze in einem schäumenden Ungetüm auf der Claramatte waschen.

Spätestens jetzt sind Performances fester Bestandteil der Basler Kunstlandschaft. Neue Kunsträume in der ehemaligen Grossgarage Schlotterbeck an der Viaduktstrasse oder im Kaskadenkondensator in der Warteck-Brauerei schaffen Raum für Experimente und Aktionen: Thomas Rakoshi steht im Kaskadenkondensator mit einem leeren Stapel Blätter und lässt sie eins nach dem andern zu Boden fallen. Chen Tan hat sich die Haare strähnenweise an der Decke festgemacht, wie Struwwelpeter steht er regungslos in einer Bodenvertiefung im Warteck. Nao Bustamante läuft mit einem mit Wasser gefüllten Plastikbeutel um den Kopf die Marmortreppe im Unternehmen Mitte hinunter. Zwei Monate später wiederholt sie die Aktion – während der LISTE auf dem Flachdach des Warteck. 1995 findet das erste «Performance Index» statt, ein Festival mit internationalen und lokalen Künstlern, Vorträgen und Veranstaltungen.

Trügerischer Trend

Auch in den Kunsthochschulen wird Platz für Performance geschafft. Das «Act Perform Net» entsteht. Eine Info-Webseite des Performance Festivals aller Kunsthochschulen der Schweiz. Forschungsprojekte werden initiiert – wie Generation Gap um die Hauptinitiantin Andrea Saemann. 2002 schreibt der Kunstkredit einen nationalen Performance Wettbewerb aus, 2005 werden unter dem Titel «Sicht auf das Original» im Zuge des gleichen Wettbewerbs sieben Positionen ausgewählt und in einer öffentlichen Abendveranstaltung in Basel gezeigt sowie juriert. Im gleichen Format  und auf Initiative und in Koordinaten des Kunstkredits wird seit 2011 der Performancepreis Schweiz vergeben.

Das Entsetzen der Achtzigerjahre hat sich gelegt, die Kunstform ist angekommen. Das sieht auch das Tinguely Museum so: Im Vorfeld der nahenden Ausstellung ist von der «Kunst der Stunde!» die Rede. Die Künstlerinnen Muda Mathis und Sus zwick reden indes von einer Hoch-Zeit, einer Mode geradezu.

Performance – der aufs Neue neue Kunst-Trend? Für Künstler und Kuratoren vielleicht. Das breite Publikum hingegen kennt höchstens Superstars wie Tino Sehgal oder Anne Imhof. Wenn im Alltag das Wort «Performance» fällt, rollen oft die Augen. Viel zu verkopft, zu kryptisch, zu unzugänglich! Wer in Basel heute Performances besucht – etwa von grossartigen stadteigenen Performance-Künstlerinnen wie Sophie Jung oder Ariane Koch und Sarina Scheidegger – der steht nur mit einer Handvoll Menschen im Raum.

Das kann auch schön sein. Und bedeutet mehr Apéro für alle. Und vielleicht ist es auch besser als entsetzt flüchtende Menschenmassen. Aber eine grosse Kunstform hat mehr verdient.