Es sind grosse Worte für eine Zwanzigjährige. Vivien Bieger spricht sie überlegt aus, ohne Pathos. «Ich möchte mithelfen, Leben zu retten.» Leben retten, das heisst für junge Menschen in unseren Breitengraden meist eines: Medizin studieren. Doch die junge Frau schüttelt den Kopf. Sie könne sich nicht vorstellen, in einem Spital zu arbeiten.

Die angehende Zahnärztin kämpft mit anderen Mitteln. Sie kommuniziert, sensibilisiert, klärt auf. Alles mit einem Ziel: Ihre Mitmenschen zu einer Stammzellenspende zu überzeugen und damit Leukämiepatienten zu retten. Vor drei Jahren noch ein Uni-Frischling, wurde sie von Mitstudenten auf den Verein Marrow aufmerksam gemacht. Dieser wurde ursprünglich in England gegründet und hat zum Ziel, Menschen über die Blutstammzellenspende zu informieren.

Die Bewegung hat mittlerweile Niederlassungen an den meisten Schweizer Universitäten. Bieger ist die Co-Präsidentin der Basler Sektion und als solche äusserst beliebt. Zuverlässig sei sie, «wahnsinnig speditiv», so ihr ehemaliger Kollege Cédric Stoll. «Und das stets mit einem Lächeln!»

Spenden durfte sie noch nicht

Wie alle Mitglieder von Marrow arbeitet Bieger ehrenamtlich. Ihr Team ist bereits damit beschäftigt, den diesjährigen Lauf gegen Leukämie zu organisieren, mit dem letztes Jahr zusammen mit dem Lauf in Bern über 72'000 Franken gesammelt wurden. Vor allem aber planen die Studierenden Registrierungsaktionen für mögliche Spender.

Diese werden in einer weltweit vernetzten Datenbank vermerkt. Da die Bluteigenschaften von Spender und Patient bis ins Detail übereinstimmen müssen, braucht es möglichst viele Leute, die mitmachen. Schlägt bei einem Leukämiepatienten die Chemotherapie nicht mehr an und ein Spender mit passendem Blut ist in der Datenbank registriert, erhält der Spender einen Anruf. Es ist ein Anruf, der Leben retten kann. Und einer, auf den Bieger selbst noch wartet: Bisher wurde sie als Spenderin noch nicht angefragt.

In der Schweiz ist die Blutstammzellenspende anonym. Patient und Spender erfahren nichts über das Schicksal des anderen. Doch auch ohne über den Verlauf der Erkrankung einzelner Patienten Bescheid zu wissen: Der Job kann emotional eine Herausforderung sein. Dennoch scheint Bieger ihr Engagement nicht zu belasten. Die Arbeit für Marrow beanspruche Zeit, bringe ihr aber auch Erfüllung. «Mit den Patienten habe ich nicht direkt zu tun. Aber es ist schön, einen kleinen Beitrag leisten zu können und damit Mitmenschen eine Chance auf ein gesundes Leben zu ermöglichen.»

Die Kämpferin bleibt sachlich. Sie wirkt älter, als sie ist, reif. «Ausgeglichen», nennt es ihr ehemaliger Klassenlehrer Fabio Wettstein. Beinahe geht vergessen, dass Vivien Bieger mitten in der Ausbildung steckt, noch einen langen Weg vor sich hat.

Das Studium als Leidenschaft

Dass die Frau auch jung sein kann, zeigt sich am Gespräch über ihre Ausbildung. Mit ihrer aufgestellten Art trägt Bieger eine Frische mit sich, die nicht nur von der halbstündigen Velofahrt, vom Elternhaus im Baselbiet nach Basel, herrührt. Den Rucksack, die vollbepackte Tasche und den Velohelm neben sich auf den Boden gelegt, sitzt sie im Foyer des Zentrums für Lehre und Forschung der Uni Basel und erzählt aus ihrem Alltag.

Dieser dreht sich ums Studium: In der Regel verbringt Bieger jeden Tag acht Stunden an der Uni. Doch der Tag hat 24 Stunden, wie die Studentin betont. Und die nutzt sie: Abends bereitet sie sich auf die Kurse am nächsten Tag vor. Ende Januar schreibt sie ihre Jahresprüfungen. Wenn sie im Sommer den Bachelor besteht, darf sie demnächst mit echten Patienten arbeiten.
Bislang muss sie sich mit Phantomköpfen aus Kunststoff und künstlichen Zähnen begnügen. Nach dem Gespräch wird sie beim Spezialisten eine Lupenbrille abholen. Diese wird ihr dabei helfen, hochpräzise Arbeiten im Mund des Patienten durchzuführen. Das alles erzählt Bieger, die früher selbst eine Zahnspange trug, mit echter Freude. «Es ist schön, am Ende des Tages zu sehen, was man erreicht hat.»

Erholung statt Party

In ihrem jungen Alter ist die grösste Leidenschaft der Studentin bereits die Arbeit. Einfach mal nichts tun, das fällt ihr schwer. Bieger bringt Bestleistungen, egal, was sie tut. Am Freien Gymnasium, wo sie die Matura absolvierte, war sie eine Überfliegerin. «Das Gymnasium war wie ein zweites Zuhause für mich«, sagt sie heute.

Für ihre schulischen Leistungen erhielt sie den Förderpreis der Novartis. Dass die Schülerin keine verschrobene Streberin war, zeigt die Laudatio ihres damaligen Klassenlehrers. Nebst der Neugier und der Eigeninitiative fiel Wettstein an seiner Schülerin vor allem ihr soziales Wesen auf. An Schulanlässen machte sie Crêpes für die ganze Klasse, vor der Matura leitete sie die Redaktion der Abschlusszeitung. Auch heute mag sie den Zusammenhalt innerhalb ihrer Studiengruppe. Seit drei Jahren ist sie an der Uni Basel von den gleichen KommilitonInnen umgeben. Es ist eine geborgene Welt, wie früher im Gymnasium.

Nur manchmal, da mag Bieger nicht dabei sein. Im Gegensatz zu vielen Studentinnen und Studenten geht sie abends nicht gerne aus. Viel Zeit dazu hat sie ohnehin nicht. Wenn andere am Freitagabend durch die Basler Clubs ziehen, dann ist sie oft schon zu Hause. «Meistens freue ich mich aufs Bett.» Bereut habe sie das noch nie. «Ich liebe, was ich tue. Da vermisse ich es nicht, abends auszugehen.»

Doch selbst die vernünftigste Studentin braucht einmal eine Pause. Für Bieger ist das der Sport. Möchte sie abschalten, dann spielt sie Tennis oder tanzt Ballett. Ist sie in den Winterferien in den Bergen zu Besuch bei den Grosseltern, dann fährt sie Ski. Auch das nicht einfach nur zum Plausch: Sie arbeitet als Skilehrerin.

Kann sie auch Dinge tun, ohne ambitioniert zu sein? «Ein gewisser Ehrgeiz steckt immer dahinter», gibt sie zu. Letztes Jahr lief sie mit Freundinnen den Strongman-Run in Engelberg, kämpfte sich erfolgreich durch den Schlamm. Auch darauf bereitete sie sich vor, ging joggen, obwohl sie das eigentlich gar nicht mag.

Dem Zufall überlässt Bieger nicht viel. Dennoch ist sie nicht verbissen. Das zeigt die Gelassenheit, mit der sie in die Zukunft blickt. Als Zahnärztin möchte sie arbeiten. Und irgendwann Kinder haben. Alles andere weiss sie noch nicht. Nur eines, das wird sie wohl immer tun: Vollen Einsatz zeigen.

Infos zur Spende: www.marrow.ch, www.sbsc.ch.