Der Autor und Publizist Gabriel Heim hat in seinem neuen Buch «Diesseits der Grenze – Lebensgeschichten aus den Akten der Fremdenpolizei», das dieser Tage im Christoph Merian Verlag erscheint, zehn Schicksalswege rekonstruiert, die zwischen 1925 und 1955 nach Basel geführt haben. Mehr als einen Laufkilometer Akten umfassen die ursprünglich mehr als 570'000 Personendossiers. Sie lagern im Staatsarchiv und sind seit 1996 öffentlich zugänglich.

Staatsarchivarin Esther Baur schreibt im Vorwort: «Der Wert dieser Akten ist unbezifferbar. Denn in ihnen spiegeln sich globale Umbrüche und individuelle Schicksale ebenso wie die baslerische Stadtgeschichte in ihren politischen, sozialen und mentalen Aspekten.» Heim, geboren 1950, ist den Akten erstmals bei den Recherchen über seine Mutter begegnet. Er war früher bei verschiedenen ARD-Sendern in leitenden Positionen tätig und lebt heute in Basel.

Unter den zehn Biografien findet sich die Geschichte von Harry, der aus einem Deportationszug nach Riga springt und nach zwei Monaten Fussmarsch in Basel ankommt. Jacky überquert die Grenze als mittelloser Artist und wird bald darauf vom Publikum mit Ovationen gefeiert. Die Baslerin Alma wird aus Liebe zur Spionin, Carlos zieht 1922 in die Schweiz, um eine spanische Weinhalle zu eröffnen, und der Japaner Rikichi verkauft Blumen auf dem Basler Markt.

Beim ersten Anblick der unzähligen Akten war Heim «eher ratlos denn hoffnungsvoll, diese Terra incognita auch nur bruchstückhaft erkunden zu können». Eine seiner ältesten «Bekannten» sei die deutsche Chefsekretärin Hedwig (Hetty) Baukloh gewesen. Der Grund dafür war, dass ihre Akte in einem Karton mit einer sehr niedrigen Laufnummer in Augenhöhe griffbereit lag.

Baukloh kam 1931 nach Basel, um für Jacob Hecht, den jüdischen Direktor und Eigentümer der Basler Neptun-Reederei, zu arbeiten. Schnell sollte die Chefsekretärin für diesen unverzichtbar werden, sich aber auch als überzeugte Nationalsozialistin entpuppen. Trotz der nach dem Krieg einsetzenden Entnazifizierung, der «Naziputzete», gelang es ihr, sich bis 1948 in Basel zu halten. Wir drucken das Kapitel über Baukloh und die Neptun-Reederei in Auszügen ab.

Die Wacht am Rhein:
Hedwig (Hetty) Baukloh

Hettys Ankunft in Basel ist unauffällig und alltäglich. Am 4. Mai 1931 wendet sich der Direktor der Neptun-Reederei, Jacob Hecht, an die Basler Fremdenpolizei. Er bittet darum, Fräulein Hedwig Baukloh, geboren am 2. November 1901 in Gevelsberg, Preussen die Einreise in die Schweiz zu genehmigen. Er beabsichtige, die Dame per 1. Juni 1931 als Sekretärin der Direktion einzustellen. Da Direktor Hecht die bisherige Stelleninhaberin, ebenfalls ein deutsches Fräulein, nicht weiter beschäftigen möchte, hat das Arbeitsamt keine Einwände, denn es handelt sich nur um einen Tausch und nicht um eine Neuanstellung, durch die eine Schweizerin ihre Arbeit verlieren würde.

Für die Zustimmung der Behörde dürfte dies allein allerdings nicht ausschlaggebend gewesen sein: Die Neptun-Reederei gehört zu Basel wie die Sandoz, die Ciba, die Geigy. Ihr Siloturm ragt hoch über die Hafenanlagen hinaus, ganz oben der weithin lesbare Schriftzug der Reederei, die seit ihrer Gründung im Jahr 1920 zu einer wirtschaftlichen Macht in Basel herangewachsen ist. Ihre über zwanzig Schleppkähne und der imposante Raddampfschlepper «Neptun» versorgen die Schweiz emsig und verlässlich mit lebenswichtigen Rohstoffen und den Hafen mit Arbeit.

Dem allseits bekannten und auch beliebten Direktor Hecht kann demnach die Bitte nach einer ausgezeichneten Fachkraft nicht abgeschlagen werden. Jacob Hecht, Gründer der Neptun-Reederei und Mitbegründer der Mannheimer «Rhenania», des grössten Binnenschiffers auf dem Rhein, zählt, trotz seiner jüdischen Herkunft, zur Elite der Basler Unternehmer.

Am Samstag, dem 30. Mai 1931, trifft Hedwig Baukloh mit der Bahn von Oberhausen kommend am Badischen Bahnhof in Basel ein. Sie ist 29 Jahre jung, offenbar flink, sehr beflissen und ehrgeizig genug, um sich in ihrem neuen Leben erfolgreich behaupten zu wollen.

Am Montag macht sie sich auf den Weg zum Ostquai des Hafenbeckens, zu ihrem Arbeitsplatz an der Hafenstrasse 19. Auf ihrem Schreibtisch in der Direktionsetage stapelt sich schon die Arbeit, und bereits nach kurzer Zeit entwickelt sie ein Gespür dafür, wie unentbehrlich sie hier noch werden könnte. Als Stenotypistin wird sie mehrmals täglich von Direktor Hecht zum Diktat gerufen; man bleibt sich nicht lange fremd. Jacob Hecht fasst Vertrauen in die junge Frau und zieht sie, neben der geschäftlichen Korrespondenz, auch zur Bearbeitung seines persönlichen Briefverkehrs heran.

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Es dauert nicht lange, da hat Hetty Baukloh eine Vertrauensstellung inne, die von den anderen «Büralistinnen», alles Schweizerinnen, später als «unerfreulich» erinnert werden wird. Hetty ist aufgrund ihrer Herkunft sprachlich gewandter und nicht auf den Mund gefallen. Sie erkennt sehr wohl, dass sie auf den Rückhalt des Direktors zählen kann, denn sie ist in Dinge eingeweiht, die in der Firma nicht die Runde machen sollten. Auf sie ist im Groben wie im Diskreten Verlass – unverzichtbar eben. (...)

Schnell und ohne Umschweife findet die dezent, doch immer schick gekleidete Frau einen ihr genehmen Bekanntenkreis in Basel: Landsleute – und von denen gibt es in der Stadt viele –, die aus ihrer Begeisterung für das «erwachende Deutschland» keinen Hehl machen und mit wachsender Anteilnahme die Entwicklungen im «Reich» unverhohlen willkommen heissen.

Zu ihnen gesellt sich Hetty, die bald verlässliche Verbindungen zum Personal des deutschen Konsulats am Steinenring pflegt, insbesondere zu Botschaftssekretär Josef Gläser. Gläser, Mitglied der NSDAP, hinterlässt etliche Spuren in Hettys Dossier – und auch in ihrem Leben. In einem Detektivbericht wird notiert, dass Sekretär Gläser zu Hedwig Baukloh ein intimes Verhältnis unterhalten habe. «Familiärer Anschluss», nennt sie das später.

Die deutsche Landsmannschaft ist gesellig. Man lädt sich gegenseitig ein und verbringt manches Wochenende auf Ausflugsfahrten nach Südbaden, in den Schwarzwald oder besucht «schöne Veranstaltungen». So viel Nähe macht aus Hetty bald einmal ein aktives Mitglied der sogenannten deutschen Kolonie und der «Arbeitsfront», der NS-Einheitsorganisation für Angestellte, Arbeiter und Arbeitgeber. (...)

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Im Jahr 1908 gründen Jacob Hecht und sein älterer Bruder Hermann in Mannheim die deutsche «Rhenania Speditionsgesellschaft», den späteren Rhenania-Konzern. Das Unternehmen begibt sich auf einen rasanten Expansionskurs und modernisiert in nur wenigen Jahren die gesamte Rheinschifffahrt, von Holland bis in die Schweiz. Die Rhenania errichtet Hafenanlagen und Lagerhäuser und beteiligt sich in ganz Europa an prosperierenden Schifffahrts- und Speditionsunternehmen. Trotz den Rückschlägen im Ersten Weltkrieg verfügt der Konzern 1921 wieder über 94 Kähne, 19 Dampfer und weist einen täglichen Warenumschlag von 13'000 Tonnen aus.

Um sich gegen die galoppierende Inflation mit soliden Schweizer Werten zu wappnen, gründen Jacob und Hermann Hecht 1920 in Basel die «Neptun Transport & Schiffahrts AG». Sie lassen am Hafenquai moderne Verladeanlagen bauen, und schon bald signalisiert ihr hoch aufragendes Silo die wachsende Bedeutung des Rheinhafens Basel. Die Reederei entwickelt sich in wenigen Jahren zur grössten Binnenschifffahrts-Gesellschaft der Schweiz.

Um die Firma vor Ort zu leiten, übersiedelt Jacob Hecht 1920 mit seiner Familie von Mannheim nach Basel, wo er an der Benkenstrasse ein üppiges Stadthaus erwirbt. 1933 wird die Familie eingebürgert. In den Zwanzigerjahren erreicht der Mutterkonzern Rhenania auf seinen Routen eine marktbeherrschende Stellung, und die wendigen Kähne der Unternehmenstochter mit dem Schriftzug NEPTUN-EXPRESS und dem Schweizerkreuz am Bug sind auf vielen Wasserwegen von Budapest bis Antwerpen unterwegs.

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Dem steilen Aufstieg der Rhenania bereitet das Jahr 1933 ein jähes Ende. Nur wenige Monate nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten machen sich die deutschen Ministerien daran, die Wirtschaft auf Linie zu bringen. Ein Ziel dabei ist, die jüdischen Unternehmen aus dem Wettbewerb zu drängen. (...)

Anfang Mai 1940 verlegt Jacob Hecht angesichts der unmittelbaren Gefahr eines deutschen Angriffs auf die Schweiz den Sitz der Neptun nach Lausanne. Er möchte verhindern, dass seine Geschäftsunterlagen in deutsche Hände geraten, denn die Grenzstadt Basel ist unmittelbar gefährdet. (...)

Zur selben Zeit, im Juni 1940, beantragt Hedwig Baukloh erstmals ihre Niederlassung in Basel. Sie ist nun beinahe seit zehn Jahren im Kanton und sollte nach geltender Praxis den unbefristeten Aufenthalt erhalten. Damit würde sie aus der Kontrolle der Fremdenpolizei entlassen und hätte die Erlaubnis zur freien Stellenwahl. Doch offenbar ist sie inzwischen aufgrund ihrer engen Verbindungen zu den Führungsleuten der NSDAP unliebsam aufgefallen, denn es wird – wie schon seit Jahren – erneut nur ihre befristete Aufenthaltsgenehmigung verlängert. Unliebsam ist auch, dass eine Stenotypistin der Neptun ihre Stelle wegen Streitigkeiten mit Fräulein Baukloh freiwillig aufgegeben hat und eine weitere Dame das Sekretariat verliess, ohne dass die Stellen besetzt worden wären. Hetty ist unantastbar. (...)

Den Sommer 1940 muss Hetty im Rausch der beinahe täglich eintreffenden deutschen Siegesfanfaren erlebt haben. Es gibt für sie keinen Zweifel mehr an der Überlegenheit der «Herrenrasse». In der Neptun agitiert sie nun ungeniert und feiert «ihre» Siege. Sie fordert alle für das Unternehmen arbeitenden deutschen Schiffer auf, in den Kriegsdienst einzutreten, und droht, dass sie keinen sehen wolle, der als Deserteur einem Aufgebot der Wehrmacht keine Folge leiste. So vermerkt denn auch ihr Dossier bei der Politischen Abteilung des Polizeidepartements:

Die nationalsozialistische Einstellung der Baukloh sei derart dreist gewesen, dass sich kein Schiffer oder Angestellter getraut hätte, etwas Nachteiliges über Deutschland auszusagen. Noch im selben Jahr wird der nun bis in den Kern «arisierten» Mannheimer Rhenania von der deutschen Aussenhandelsstelle für Baden, Pfalz und das Saarland mitgeteilt: «Einer uns zugegangenen Meldung zufolge sind Sie in der Schweiz durch die Firma Neptun Transport und Schiffahrts AG vertreten. Diese Firma ist als jüdisches Unternehmen politisch unzuverlässig.» Es dauert nicht lange, da kann Hetty Baukloh ihrem Direktor ein Fernschreiben aus Mannheim vorlegen, in dem er lesen muss, dass die jüdischen Kader und Angestellten der Neptun AG eine Weiterführung der vertraglich vereinbarten Zusammenarbeit verunmöglichen würden.

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Der Rhein wird immer deutscher, der Druck auf Jacob Hecht nimmt zu. Die Rhenania teilt unmissverständlich mit, dass sie ihre Kooperation mit der Neptun im europäischen Frachtgeschäft nur mit loyalen Partnern fortführen könne. Damit stellt sich für die Neptun die Überlebensfrage. Und mehr noch: Würde die grösste Versorgungsflotte der Schweizer Rheinschifffahrt auf diesem Weg boykottiert, kämen unweigerlich Versorgungsengpässe bei der Lieferung von Kohle, Brennstoffen, Futtermitteln oder Zellulose auf das eidgenössische Kriegs-Transport-Amt zu.

Der Neptun-Präsident Felix Iselin sieht ein Dilemma nahen: Neptun oder Hecht? Und da die Reederei kaum mehr Aufträge aus Mannheim erhält, scheint es für ihn im Sommer 1940 nur eine Frage von wenigen Monaten zu sein, bis er seinen Direktor – auf deutschen Druck hin – aus dem Verkehr zu ziehen hat. (...)

Und die Neptun? Die Herren Iselin und Hecht, zwei Männer, die sich weder durch Herkunft, Erziehung noch durch eine gemeinsame Weltanschauung nahestehen, müssen im Winter 1940 eine Lösung für ein gemeinsames Problem finden. Felix Iselin, Jahrgang 1884, alteingesessener Basler, verheiratet mit einer ebenso alteingesessenen Merian, Advokat, Oberst im Generalstab, der reformierten Kirche und ihren Missionswerken zugetan. Dieser Mann hat von Geburt an alle Zutaten, die es für die Basler Nomenklatura, den «Daig», braucht.

Wie er es damals mit Deutschland hielt, ahnen wir nur, wollen aber nicht spekulieren, denn ihm muss es vordergründig darum gehen, die Neptun aus Staatsräson – und eigenem Prestige – flott zu halten. Peinlich wäre es allerdings, den Direktor abwählen zu lassen und damit als Vollzugsgehilfe einer Nötigung ins Gerede zu kommen. Also will Iselin einen Weg finden, bei dem Hecht zur Wahrung vordringlicher Interessen seinen Stuhl räumt, mit Anstand und diskret, à la bâloise. (...)

Am 17. Februar 1941 legen sie vertraglich fest, dass Jacob Hecht dem Felix Iselin 23,3 Prozent seines Aktienbesitzes an der Neptun AG verkauft. Damit gibt Hecht seine beherrschende Mehrheit ab.

Für Iselin ein rundum genehmes Arrangement: Er erwirbt eine profitable Nutzniessung zu günstigen Konditionen und kann nun ohne «haut goût» als Patron der Neptun auftreten. Für Jacob Hecht ist es die Flucht nach vorne – wenn auch nur auf Zeit, denn er sichert sich im Vertrag den Rückkauf seines Anteils innerhalb von fünf Jahren. Bis zum Februar 1946 sollte der Krieg doch zu Ende sein, rechnet er sich aus. Bis dahin wird Iselin unbehelligt schalten und walten können, denn Hecht verlässt kurz darauf die Schweiz in Richtung New York, und die restlichen Aktionäre, französische und holländische Transportunternehmen, lassen sich während des Krieges nicht mehr in Basel blicken.

Kaum ist Jacob Hecht ausser Sichtweite, ernennt der Verwaltungsrat die beiden Prokuristen Reuter und Wittmann zu Vizedirektoren. In ihrer ersten Amtshandlung stellen diese die noch in der Firma angestellten jüdischen Mitarbeiter frei. Die Neptun AG ist nun nach deutschem Muster, wenn auch stillschweigend, «judenfrei»›. Bald treffen wieder Transportaufträge aus Mannheim ein, und die flinken Neptun-Express-Kähne kreuzen wieder längs und quer auf den europäischen Wasserwegen. (...)

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Hetty Baukloh ist nach dem unfreiwilligen Abschied von Direktor Hecht dank ihrem langjährigen Herrschaftswissen am Ziel ihrer Träume angelangt: Die Direktionsetage der Neptun ist nun «gleichgeschaltet». (...)

Auch Felix Iselin hat nicht nur Freude mit der Neptun. Zwar stimmen Gewinn und Dividende, doch im Mai 1942 setzen ihn die USA auf ihre schwarze Liste der mit dem Feind kooperierenden Unternehmer – in der Schweiz ist er damit in bester Gesellschaft –, und im November figuriert auch die Neptun im Anhang der amerikanischen «Proclaimed List of Certain Blocked Nationals». (...)

Im August 1944 nehmen die alliierten Bombardierungen der Verladeplätze entlang des Rheins und die Beschiessung der Schleppzüge in einem Masse zu, dass Rheinfahrten von und nach der Schweiz nicht mehr verantwortet werden können. Auch die Neptun beklagt etliche Havarien: Die «Neptun 19» ist im Rhein-Herne-Kanal gesunken, die «Neptun 17» bei Ruhrort gekentert, die «Neptun 12» liegt manövrierunfähig bei Braunschweig, und «Neptun» 13, 14, 15, 16 und 18 liegen ohne Mannschaft bei Braunschweig still. Trotz der Gefahren gelingt es, einen Grossteil der Schweizer Rheinflotte in den Heimathafen Basel zurückzuführen. Die Hafenbecken I und II sind voll: Schleppkahn an Schleppkahn, Bordwand an Bordwand. Abwarten, was da noch kommt. (...)

Pünktlich zum Tag der bedingungslosen deutschen Kapitulation ist in Basel das Wort von der «Naziputzete» in aller Munde. Schon am frühen Morgen des 8. Mai 1945 erhalten die führenden NSDAP-Funktionäre Besuch von der Bundespolizei und den kantonalen Polizeiorganen; auch in Basel, wo die Liste der braunen Amts- und Würdenträger besonders lang ist. Das deutsche Konsulat wird versiegelt, dem diplomatischen Personal werden die Ausreisefristen diktiert, und im Deutschen Heim wird sichergestellt, was nicht in letzter Stunde verbrannt oder weggeschafft werden konnte. Es soll ein grosses Aufräumen beginnen. (...)

Den ganzen Sommer 1945 über bleibt die «Naziputzete» in Basel das Thema. Die von der Politischen Polizei geführten Listen werden länger. Immer neue Verdachtsmomente kommen hinzu und die Denunziationen häufen sich – mit und ohne Absender. Auch Hetty, die etliche Abreisen im Bekanntenkreis zu beklagen hat, wird denunziert. (...)

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Wäre Hetty nicht «zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl», sie hätte ihre Koffer gepackt, ihre Wohnung aufgelöst und wäre innerhalb von vierzehn Tagen über die Grenze bei Lörrach-Stetten aus unserem Blickfeld verschwunden. Ihre Geschichte, soweit sie aus den Akten der Basler Fremdenpolizei zu rekonstruieren ist, wäre an dieser Stelle zu Ende – was ich sehr bedauert hätte.

Die schöne Gelegenheit, mehr über Hetty, über den Umgang der Basler Behörden mit ihr und über das Malaise, das sie dem Regierungsrat verursachen wird, zu erfahren, wäre dahin gewesen. Doch Hetty lässt sich so schnell nicht wegputzen. Sie legt beim Basler Regierungsrat Rekurs gegen ihre Ausweisung ein. Es geht weiter! (...)

Am 18. Juli kehrt Jacob Hecht nach über vierjähriger Abwesenheit in sein Büro an der Hafenstrasse zurück. Auf dem Rhein kann er wenig bewirken, denn es wird noch dauern, bis sich Basels «Tor zur Welt» wieder öffnen wird. Doch auch in der Neptun muss geputzt werden, um der anbrechenden Nachkriegszeit frisch und unbelastet begegnen zu können. An erster Stelle muss die Reederei aus den schwarzen Listen verschwinden, denn seit Mai 1945 fliesst der Rhein nicht mehr deutsch, sondern französisch, amerikanisch und britisch durch die Besatzungszonen.

Auch die Schweiz hat ein hohes Interesse an einer manövrierfähigen Neptun AG, denn «die volle Einsatzbereitschaft ihrer Schiffe für die schweizerische Einfuhr von Kohle, etc. ist schon in der allerersten Zeit nach dem Waffenstillstand besonders wichtig». (...)

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1948 stehen in Deutschland die Zeichen auf Neuanfang. Die Bundesrepublik ist gegründet, die D-Mark eingeführt, das Wirtschaftswunder kündigt sich an. Das alles will Hedwig Baukloh, sie ist nun 47 Jahre alt, nicht verpassen. Sie beschliesst, ihre Duldungsstarre in der Schweiz aufzugeben, und packt die Koffer. Am 5. Januar 1949 reist sie ab. Achtzehn lange Jahre war sie in Basel gewesen. Nun geht sie, wie sie gekommen war, mit leichtem Gepäck.

Was dazwischen liegt, sind weit verstreute Spuren, die uns zu vielerlei Menschen dieser Stadt geführt haben. Unbekannte Chronisten haben dabei Buch geführt. Einem möchte ich das Schlusswort überlassen: Die Verwechslung unseres Landes mit jenem Lande, in dem der Führergedanke und die Intoleranz zum Prinzip werden konnten, hat Hedwig Baukloh auf jeden Fall begangen und sich damit als unerwünscht erwiesen.

(Ad acta 13. April 1949)