Der Oberkellner liebt seine Hotelchefin, diese liebt aber den Stammgast und Rechtsanwalt Dr. Siedler, der wiederum die Tochter seines Feindes anschmachtet. Nichts passt zu Beginn im Hotel Weissen Rössl am Wolfgangsee in Österreich zusammen. Trauer und Eifersucht dominieren in der weltweit bekannten Revue-Operette von Ralph Benatzky, die 1930 in Berlin uraufgeführt wurde und nun mit viel Pep und Witz in einer Eigenproduktion im Tabourettli auf die Bühne gebracht wird. Es wird geflirtet, geturtelt und gelitten – und dies in einem beeindruckenden Gesang des siebenköpfigen Schauspielensembles.

Oberkellner Leopold, gespielt von Roland Herrmann, wächst einem schnell ans Herz. Er leidet seit Jahren, will doch seine Chefin und Wirtin, gespielt von Stefanie Verkerk, nichts von ihm wissen. «Kann nichts Schöneres mir denken, als dir mein Herz zu schenken», singt er liebesgetrunken. Auch nützen die täglich anonym hinterlegten Rosen nichts, die er extra von Kathi (Myriam Wittlin) der Postbotin, Touristenführerin und Präsidentin des örtlichen Jungfrauenvereins geliefert bekommt. Denn diese weiss genau, wie in St. Wolfgang der Hase läuft. Ihr bleibt nichts verborgen. Keine Liebesgeschichte, kein Drama. Mit der Handorgel und einmal mit dem Piccolo begleitet sie Andreas Binder, der dem ganzen Stück am Klavier die instrumentale Note verleiht.

Die ganze Welt ist himmelblau»

Der schöne Rechtsanwalt Dr. Siedler (Marius Hatt) hat im «Weissen Rössl» alle Trümpfe in der Hand. Angezogen fühlt er sich aber ausgerechnet von Ottilie (Isabel Florido), der Tochter von Wilhelm Giesecke (Martin Schurr), einem schnoddrigen Berliner Industriellen, der mit ihm in einem juristischen Clinch steckt. Ottilie erwidert die rechtsanwaltlichen Gefühle sofort. Es entsteht eine leidenschaftliche, mit feiner Erotik gespickte Romanze zwischen Wolfgangsee, Zimmerbalkon und Kuhstall, die im Tanz und Gesang ihre Höhepunkte erlebt. Mit «Die ganze Welt ist himmelblau» lassen sie das ganze Publikum an ihrem Glück teilhaben. Das Liebesglück hinterlässt aber eine grosse Verliererin: Wirtin Josepha Vogelhuber. Sie kann ihren Schmerz kaum verbergen. Da nützen auch die ständigen Avancen von Oberkellner Leopold nichts, der nichts unversucht lässt, seine Chefin doch noch für sich zu gewinnen.

Vom Mauerblümchen zur Dame

Die Operette im Tabourettli nimmt im Verlauf der Spielzeit immer mehr Fahrt auf. Die Kulisse des alpinen St. Wolfang ist schlicht gehalten, aber immer wieder für eine Überraschung gut. So kommt der selbstbewusste Sigismund mit dem Motorrad angebraust und erobert innert kürzester Zeit das schüchterne Klärchen, das sich vom Mauerblümchen mit Sprachfehler zur selbstbewussten Dame mausert. Richtig in Aufruhr gerät St. Wolfang, als sich der Kaiser höchstpersönlich ankündigt. Sein Auftritt ist kurz und einmalig skurril, das Premierenpublikum am Freitagabend tobte. Er gibt kurzerhand für Wirtin Josepha den Liebesflüsterer, die sich daraufhin ihrer wahren Gefühle besinnt.

Noch bis zum 17. Mai zeigt das Theater Fauteuil frisch entstaubt die bald hundertjährige Operette «Im Weissen Rössl». Wer das Stück nur ein wenig kennt, erlebt im Tabourettli einzigartige Erinnerungen und kann nahezu jedes Stück mitsingen. Doch auch für jene, für die «Im weissen Rössl» bisher eine Unbekannte war, ist die Operette mit viel Tempo einen Besuch wert.