Herr Dean, das Theaterstück «Morning» zeigt Jugendgewalt in aller Brutalität. Ist es gerechtfertigt, Gewalt so schonungslos zu zeigen?

Martin Dean: Trotz allen realistischen Elementen ist diese Inszenierung eine Fiktion. Wir haben ein Kunststück vor uns, eine dramaturgische Zuspitzung eines Befundes, eine pointierte Beschreibung der Jugend. Es ist deshalb ästhetisch vollkommen gerechtfertigt, diese Gewalt zu zeigen. Ich halte das sogar für notwendig.

Ist der Befund dieses Stücks realistisch, sind die Jugendlichen heute tatsächlich so?

Wir sehen die Jugendlichen nur wie durch eine Plastikfolie. Was sie fühlen, können wir nie ganz genau wissen. Was wir aber wissen ist, dass die Gewalt innerhalb der Gesellschaft massiv zugenommen hat - die strukturelle Gewalt und diejenige von Menschen gegeneinander. So wie ich das Stück verstanden habe, geht es darum, dass diese vorhandene strukturelle Gewalt die Jugendlichen prägt. Ich glaube nicht, dass es per se böse Kinder gibt, sozusagen von Geburt an.

Was meinen Sie mit struktureller Gewalt?

Ich möchte ein Beispiel geben. Als in London vor etwa zwei Jahren Jugendliche inmitten der wohlhabenden Quartiere geplündert und geprügelt haben, hat man sich gefragt, weshalb. Die Gesellschaft produziert diese Gewalt. Woher das genau kommt, ist aber nicht mehr so einfach festzustellen. In den 68er und 70er Jahre wollten wir alle möglichst lustvoll leben. Die 90er Jahre waren bestimmt durch eine Erweiterung dieser Lusträume und Lebensmöglichkeiten. Die Nuller-Jahre jedoch waren eindeutig geprägt vom Umschlagen der Lust in Gewalt. Viele Jugendliche suchen nicht mehr die Lust zu zweit, sondern den Kick der Gewalt. Stichwort: Fangewalt.

Gewalttätig wird doch nur eine kleine Minderheit. Mein Eindruck ist, dass ein Grossteil der Jugendlichen nett, aufgestellt und engagiert ist.

Ich verstehe dieses Stück als eine Parabel. Ich rechne nicht damit, dass Jugendliche wie selbstverständlich andere Jugendliche umbringen werden. Aber es kommt vor: in London, in Berlin, in München. Zweitens geht es letztlich um Gewalt gegen sich selber. Auch das zeigt das Stück im Grunde: Wer den eigenen Freund tötet, der tötet ein stückweit sich selber. Man kann nicht so strikt zwischen Gewalt nach aussen und Gewalt gegen sich selber unterscheiden. Ich erlebe viele Jugendliche, die sehr viel trinken, sie kiffen auch viel mehr als wir damals; das ist Gewalt gegen sich selber. Und die Selbstmordrate unter Jugendlichen ist alarmierend hoch.

Aber Gewalt und Jugendgewalt hat es doch schon immer in irgendeiner Form gegeben.

Ja, aber die Gewalt ist nackter, direkter geworden. Ebenso die ersten sexuellen Erfahrungen. Das zeigt dieses Stück. Wir brauchten als Jugendliche noch Monate, bis wir uns sozusagen unter die erste Pulloverschicht des Partners hervorgearbeitet hatten. Heute geht es sehr schnell. Und es ist nicht so, dass die Jugendlichen dazu bereiter wären. Das schockt, das macht kalt.

Im Stück sind die Sexszenen unter den Jugendlichen kalt und mechanisch. Das passt also ihrer Meinung nach ins Bild?

Ich bin mir nicht sicher, ob Sexualität tatsächlich eine so wichtige Rolle bei den Jugendlichen spielt, wie im Stück gezeigt wird. Mir scheint, das hat der Autor eher der Erwachsenenwelt entnommen. Was aber zweifellos richtig beobachtet ist, ist die Kälte des Sex. Dass diese auch von den jungen Frauen kommt, ist eine Erfahrung, die zu unserer Zeit gehört. Frauen wissen, dass sie eine gewisse Macht über Männer haben und wenden sie auch an.

Es ist interessant, dass die Frauen in dieser Aufführung viel kälter und grausamer sind als die jungen Männer. Sie sind die Täterinnen.

Statistisch ist das wohl nicht so. Aber wenn man davon ausgeht, dass das Stück eine Parabel ist, die zeigt, wie man Leid umsetzt in Gewalt gegen andere, macht das Sinn. Der Umschlag von innerer Gewalterfahrung wird ins Äussere nachgezeichnet.

Die Jugendlichen spielen diese Rollen unglaublich natürlich und authentisch.

Auf zwei Seiten sind Jugendlichen da: Die einen spielen im Stück, die anderen schauen es sich an. Die Jugendlichen spielen ihre Nachbarn, ihren Freund, ein stückweit sich selber. Ihr Spiel bekommt dadurch eine ganz grosse Authentizität; ich habe ihre Spielfreude sehr genossen. Und die Jungen im Publikum - ich war mit einer Klasse in einem anderen Stück des Jungen Theaters - empfinden das alles als sehr lebensecht.

Wie hat Ihnen das Stück insgesamt gefallen - die Ästhetik, die Musik, die Schauspieler?

Insgesamt fand ich die Inszenierung hammermässig; einfach, eingängig und doch sehr komplex in der Aussage. Es ist ein engagiertes Theater, das gefällt mir. Die jungen Schauspieler und die Qualität der Musikeinlagen waren enorm gut. Eine dramaturgisch blitzgescheite Idee von Nübling fand ich zudem den Einsatz dieses Puders oder Mehls: Da hat man die Assoziation von Mehl, Mehltau, Koks, aber auch von Tod, wenn dieses weisse Pulver im Gesicht landet.

Schon früher haben Jugendliche dem Tod kokettiert, trugen Totenkopf-Anhänger oder so. Jetzt haben zumindest die dargestellten Jugendlichen das verinnerlicht, aus dem Spiel ist tödlicher Ernst geworden.

Die Jugendlichen probieren Rollen viel stärker als früher aus. Im Ergebnis werden diese Rollen nicht mehr als gespielt wahrgenommen, sondern als existenziell. Das hat wieder mit einem Trend in der Gesellschaft zu tun. Wir spalten uns alle zunehmend in verschiedene Rollen auf.

Sie nehmen als Lehrer und Vater sehr direkt wahr, dass etwas schief läuft bei den Jugendlichen?

Meine Generation hatte nach der Schule fünf Jahre Zeit sich zu überlegen: Wer bin ich? Ich erlebe jetzt, welchen Druck auf den Schülerinnen und Schülern schon ab der dritten Gymnasialstufe lastet: Was will ich werden, habe ich das Geld, habe ich eine Chance? Ich bin Vater einer 17-jährigen Tochter, die jetzt unter diesem immensen Entscheidungsdruck steht. Und ich nehme das auch als Schriftsteller wahr, weil mich dieses Thema sehr interessiert. Ich habe den Eindruck, dass wir zum ersten Mal in der Neuzeit Gefahr laufen, unsere Jugend zu verlieren. Sie lösen sich früher von den Eltern ab, ihre Peer-Group ist wichtiger geworden, und die kommerziellen Anreize dominieren. Dieser ganze Kommerz ist eine grosse Gefährdung; wir treiben Missbrauch mit den Jugendlichen, ohne es wahrzunehmen.

Was meinen Sie mit Missbrauch durch Kommerz?

Als Jugendlicher ging ich ins Brockenhaus und kam mit einem Regenmantel für 6.50 nach Hause. Meine Mutter sagte: «Scheusslich, so kannst du nicht rumlaufen.» Ich lief drei Jahre damit herum. Jetzt stehen die Jugendlichen unter einem Markenzwang. Dieser erstickt die Kreativität. Das kommt von aussen. Wir kaufen den Jugendlichen die Jugend ab, buchstäblich. Im Stück sagt ein Mädchen: «Mein Vater hat mir gigantisch viel Geld aufs Konto einbezahlt.» Ich kenne solche Kinder. Die können übers Wochenende zum Abtanzen nach Barcelona. Ich würde das alles nicht verharmlosen, nur weil das niemand sagt. Ich finde das eine riesige Sauerei, wie der Kommerz auf die Jungen losgelassen wird: Im Kleiderbusiness, in der Sexualität etc. Ich finde es auch problematisch, dass wir Eltern enorm jugendlich bleiben. Auch damit stehlen wir unseren Kindern etwas, einen eigenen Raum.

Hat Sie auch etwas gestört am Stück?

Zuweilen war es mir etwas zu laut, es hätte ein paar leisere Passagen gut vertragen. Aber vor allem finde ich schade, dass in erster Linie Schulklassen im Publikum sassen. Ich fände es wichtig, dass dieses pionierhafte Junge Theater in Basel nicht zum Ghetto von und für Jugendliche wird; da gehören viel mehr Erwachsene hinein, Lehrer, Eltern, die intellektuelle Creme der Stadt. Wir müssen doch wissen, wie die Jugendlichen ticken. Da sehen wirs, das finde ich super.

Was sagt ein Ökonom zu einem Wirtschaftsdrama, was die Slawistin zu einem russischen Stück, was ein Theaterurgestein zu modernster Theaterästhetik? In der Serie «im Theater mit» besucht die bz verschiedenste Stücke mit verschiedensten Menschen und spricht danach darüber.

Im Theater mit der bz

Was sagt ein Ökonom zu einem Wirtschaftsdrama, was die Slawistin zu einem russischen Stück, was ein Theaterurgestein zu modernster Theaterästhetik? In der Serie «im Theater mit» besucht die bz verschiedenste Stücke mit verschiedensten Menschen und spricht danach darüber.