Martin Gschwind, 47-jährig, will dies vorausschicken: Mit Eric Weber und dessen verbalen Ausfällen habe er nichts zu tun. Er distanziere sich in aller Form. Weber gehe es bloss um Rache. Er, Gschwind, wolle in der Politik jedoch mitarbeiten, dem kleinen Mann eine Stimme geben.

Gschwind wurde vergangene Woche als zweiter Kandidat auf der Liste «Volks-Aktion» des rechts-aussen marodierenden Eric Weber mit 995 Stimmen in den Grossen Rat gewählt. Weber sagt, Gschwind sei «sein engster Mitarbeiter». Keine Fraktion will mit den beiden zu tun haben, auch nicht die SVP. So einfach wird es Gschwind nicht gelingen, sich von Weber abzugrenzen.

Gschwind wird einer der ungewöhnlichsten Grossräte, den Basel-Stadt wohl je gehabt hat. Ein Randständiger. Gschwind hat kein Problem, sich als solchen zu bezeichnen. Er freut sich auf den 6. Februar 2013, seinen ersten Tag als Grossrat. Er wolle dort eine Rede halten, fünf Minuten, nochmals sagen, dass er absolut nicht einverstanden sei mit dem, wie sich Weber aufführe. Dabei: Ja, auch er sei ein Rechter, gegen Ausländer, die kriminell seien oder nichts arbeiteten. Aber er sei ein Anständiger, wie er sagt. Die Wahl, so unverhofft sie auch gekommen ist, sieht er als Chance, endlich gehört zu werden, dem Leben eine Wendung zu geben. Vier Jahre werde er Zeit haben, die Zeit wolle er nutzen. Etwas bewegen.

In einem Baselbieter Vorort ist Gschwind gross geworden. Er rutscht in eine Suchtkarriere, hat Probleme mit «Aggressionen», wie er sagt. Er erhält das Angebot, auf einem Therapieschiff anzuheuern. Erzieher und Jugendliche sitzen in einem Boot, auf engem Raum, müssen gemeinsam Verantwortung übernehmen. Es hilft. Das Leben von Gschwind kommt in etwas ruhigeres Fahrwasser, das ihn jedoch hinaustreibt. Der Kapitän verschafft ihm die Möglichkeit, als Hochseematrose anzuheuern. Gschwind befährt die Weltmeere an Bord eines Öltankers. Ein Unfall beendet diese Karriere, Gschwind kehrt nach Basel zurück.

Eigentlich möchte er Koch lernen, um als Schiffskoch wieder auf Reise zu gehen. Doch er lernt sein «Fraueli» kennen, bleibt in Basel. Gschwind heuert wieder an, nun bei «Surprise», als Strassenverkäufer, wie seine Frau. Sein Platz ist der Claraplatz. Er verkauft Hefte, wird abgelöst von seiner Frau, die dabei noch etwas erfolgreicher ist.

Vier Jahre bieten Gschwind und Partnerin das Strassenmagazin den Passanten an. Das Paar erhält Medienresonanz, wird im Heft vorgestellt, wird porträtiert im Film «Karriere für Randfiguren» von 2007. Politiker zeigen sich kurzfristig gerne in ihrer Begleitung. Gschwind ist in der «Surprise»-Fussball-Mannschaft, die gegen ein Promi-Team antritt, Unirektor Antonio Loprieno arbitriert. So sagt Gschwind, er kenne den Morin per Du, und auch den Conti.

Nach vier Jahren ist Schluss. Die Ausländer. Sie hätten, kaum in der Schweiz, bereits während des Asylverfahrens, «Surprise» verkaufen dürfen. Und den Schweizern die Arbeitsstelle genommen. Da wollte er nicht mehr mittun. Gschwind sagt, er habe nichts gegen Ausländer, sie sind ihm jedoch eine Bedrohung.

Bevor er seinen «Surprise»-Platzverlässt, wird er von einem angesprochen, der ihn nun zur aktiven Politik verleitete, Eric Weber. Gross Kontakt habe er nicht mit ihm gehabt, sagt Gschwind. Einige Zeit vor den Wahlen sei Weber jedoch wieder auf ihn zugekommen, habe ihn für die Liste der «Volks-Aktion» angeworben. Der Weber habe die Sache eben schon auf den Punkt bringen können, sagt Gschwind. Eigentlich sollte seine Frau vor ihm auf der Liste stehen. Sie hat sich jedoch auf einen hinteren Platz setzen lassen, schliesslich arbeite sie bei einer Spitex, habe keine Zeit, sagt sie. Er, Martin Gschwind, hat Zeit. Seit gut drei Jahren ist er zu Hause, lebt von der IV, die ihm der Unfall auf hoher See bescherte, ist «Hausmann», wie er sagt. Und er helfe. Mache einigen älteren Frauen den Einkauf, Besorgungen oder putze auch. Und er habe viel gelesen.

Gschwind ist in seinem Quartier Kleinhüningen unterwegs. Im Stückiund auch im Café «Kulturwiese». Eigentlich ist das Lokal eher eine linke Veranstaltung. Aber eines der wenigen Quartierlokale, in dem nicht ein Ausländer wirte, sagt Gschwind. «Der Sonntag» trifft ihn dort. Gschwind kommt nicht alleine. Mit ihm ist Thomas, 45-jährig. Er stellt sich vor, als Sekretär, Berater, er verstehe eigentlich mehr von Politik als sein Freund Martin, sagt Thomas. Auch Thomas hat Zeit, ein Motorradunfall ist die Ursache, eine IV-Rente dessen Folge. Er würde gerne arbeiten, doch niemand wolle ihn. Martin Gschwind unterbricht seinen Freund, macht klar, wer gewählt ist: er, nicht Thomas. Er habe schliesslich auch Wahlkampf gemacht. Seine Bekannten aufgefordert, wählen zu gehen.

Peter kommt, setzt sich unaufgefordert mit an den Tisch. Ein Wähler, erklärt Gschwind den neuen Gast. Peter, 69-jährig, Zeitungsverträger des «Baslerstab» kurz vor der Ausmusterung, hat vom Ausgang der Wahl noch nichts mitbekommen. Er sei nun Grossrat, sagt Gschwind. «Was bist Du?», fragt Peter zurück: «Klein-Rat?»

Aus seinen politischen Plänen macht Gschwind ein kurzes Geheimnis, bevor er seine Liste abarbeitet: gegen kriminelle Ausländer. Seine Frau gehe abends nur noch mit Pfefferspray und Tränengas aus dem Haus. Dann: für die Legalisierung des Hanfs. Und schliesslich: für ein strengeres Alkoholregime bei Jugendlichen. Es sei doch verrückt, wie viele besoffene Jugendliche es nach den Partys gebe.

Was ihn eigentlich bedrückt: Es sei eben so kalt geworden in Kleinhüningen. Die Leute seien unfreundlich. Dabei sei es doch nicht so schwierig, freundlich zu sein, sich zu grüssen. Gschwind grüsst viele, die an der «Kulturwiese» vorbeigehen. Er sei zwar ein «Rauer», sagt er, aber freundlich. Einer, der bisher kaum Gehör fand. Erst kürzlich habe er der Regierung geschrieben, weshalb eigentlich so viele Asylheime in Kleinhüningen stehen würden. Er habe keine Antwort erhalten, einfach keine.

Jetzt wird er die Regierung direkt fragen können. Dafür bereitet er sich vor. Er war schon einmal auf der Tribüne des Grossratsaals, um sich das anzusehen. Er weiss, dass sich die Verhandlungen auch per Internet verfolgen lassen. Er hat Respekt vor dem, was auf ihn zukommt. Doch er will auch Respekt, er lasse sich nicht alles gefallen. Er könne eine Linie ziehen – bis hierher und nicht weiter. Eine klare Grenze will er auch zu Eric Weber setzen. Er sei kein Extremist, sagt Gschwind.