«Ich lese jeden Tag im Koran und hab nie eine Aufforderung zur Gewalt gesehen», sagt ein gebrechlicher älterer Mann am letzten «Basel im Gespräch» zum Thema «Islam.Zukunft.Schweiz» laut und überzeugt. Die Stimme gehört Francisco Gmür, langjähriger Pfarrer der St. Joseph-Kirche. Ein katholischer Pfarrer, der sich so für den Islam stark macht – dahinter könnte ein spannendes Leben stecken. Doch es ist noch viel spannender.

Es war nicht schwer, Francisco Gmür zu finden. Der 81-Jährige arbeitete lange als Pfarrer bei der St. Joseph Kirche und wohnt heute immer noch in Basel. Zwar hört er nicht mehr gut, nimmt jedoch immer noch an der Gesellschaft teil. Jeden Morgen liest er fünf Seiten im Koran und ein Kapitel in der Bibel. Abends geht er aus. So auch ans «Basel im Gespräch». Mit dem Koran setzt er sich auseinander, seit er einen Mann muslimischen Glaubens beerdigt hat. «Bei meiner morgendlichen Lektüre lese ich immer nur die Begriffe Barmherzigkeit, Vergebung und Weisheit.»

Heiraten wäre schön

Dass das Gespräch mit Gmür speziell werden würde, zeigte schon seine Antwort auf die Frage: Wie alt sind Sie? «Sie meinen bestimmt den Jahrgang, den mir meine Mutter geschenkt hat.» Das sei jedoch nicht sein Einziger. «Biologisch» kam er 1936 in Luzern auf die Welt. Mit seinen Eltern und seinen drei Brüdern wuchs er in einem kleinen Dorf auf. Im Schulalter ging er auf ein katholisches Internat. Auch zu Hause sei er sehr christlich erzogen worden. Pfarrer zu werden, lag also nahe. Soweit die Fakten zu einem unspektakulären Start in ein abenteuerliches Leben, das er noch drei Mal begann.

Beim Theologiestudium kam es zu einem ersten Bruch: «Ich sah, wie meine Brüder mit ihren Frauen umgingen und dachte mir, zu heiraten wäre eigentlich schon schön.» Gmür brach das Studium ab, nahm es jedoch nach einer kurzen Auszeit wieder auf. Er fühlte sich dazu berufen, Pfarrer zu werden. Nach seiner Ausbildung arbeitete er in Basel und wurde dann vom Bischof nach Peru geschickt. Nach einem Spanisch-Kurs ging es los. In Peru sprang Gmür zweimal dem Tod von der Schippe.

Zum ersten Mal nach einer langen Wanderung. Als er mit seinem Auto nach Hause fahren wollte, fiel er in einen Sekundenschlaf. Das Auto fuhr einen Abhang hinunter. Es überschlug sich dabei zwei Mal. Gmür passierte nichts. Keine gebrochenen Knochen, kein Blut, nicht einmal eine Beule. Als er sich schliesslich aus dem Auto befreite, hielt er sich an einem Kaktus fest, um nicht den Abhang runter zu kugeln. «Da schrie ich alle deutschen und spanischen Schimpfwörter, die ich kannte, in die Welt hinaus.» Die blutenden Hände waren aber die einzige Verletzung.

Kugel haarscharf verpasst

Auch bei seinem dritten «Jahrgang» kam Gmür unverletzt davon. Er sass in seinem Zimmer im Pfarrhaus des Dörfchens. An der Schreibmaschine schrieb er einen Brief an eine Frau, die von ihrem Mann geschlagen wurde. Diesen wollte er am nächsten Tag dem Friedensrichter überbringen. Während er schrieb, hörte er einen lauten Knall und eine Kugel flog haarscharf an seinem Hals vorbei. Wer ihn erschiessen wollte, weiss er bis heute nicht. Als er die Geschichte in seiner Wohnung im Kleinbasel erzählt, schaut er nachdenklich aus dem Fenster. Angst hatte er nie. «Ich bin nicht davongelaufen. Ich blieb.» Als er schliesslich nach 16 Jahren in die Schweiz zurückkehrte, wurde er Pfarrer in der St. Joseph-Kirche.

Seine vierte «Geburt» erlebte er hier. In einem Ferienlager des Blaurings. Bei einer langen Wanderung mit den Mädchen, fiel Gmür ein grosser Steinbrocken auf den Kopf. Mit der Rega wurde er ins nächste Spital geflogen. Der Arzt dort, gab sein Bestes, war jedoch sicher, später den Totenschein für Gmür ausfüllen zu müssen. Als er am nächsten Morgen zur Arbeit kam, fand er Gmür jedoch lebendig vor. «In den Wochen danach im Spital hatte ich kein einziges Mal Kopfweh», erzählt er mit Schalk in den Augen. Das Einzige, was ihm von dem Unfall blieb, ist eine Beule am Hinterkopf. «Heute erinnert sie mich daran, was ich immer für ein Glück hatte.»

Der Pfarrer als Hebamme

Zwar starb er beinahe drei Mal, konnte jedoch auch zwei Leben zurückgeben. An einem Tag in Peru übernahm er die Arbeit einer Hebamme: «Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, war dies der glücklichste Moment.» Seine Haushälterin in Peru lag in den Wehen und liess den Pfarrer rufen. Als er schliesslich nach einer zweistündigen Fahrt ankam, war der Sanitäter des Dorfes gegangen. Für das Kind könne man nichts mehr machen. Als Gmür der Frau ins Gesicht blickte, sah er Erschöpfung und Hoffnungslosigkeit. «Ich beugte mich über sie und sagte mit der grössten Überzeugung, die ich aufbringen konnte: Jetzt kommts!» Zwei Minuten später war der gesunde Junge auf der Welt. Das Glück im Gesicht der Frau könne er nicht in Worten ausdrücken. Von dem kleinen Buben wurde er Götti. Überall in Gmürs Wohnung sind Fotos von ihm zu sehen.

Ein zweites Mal rettete er eine Frau, indem er sie heiratete und damit seine Tätigkeit als Pfarrer beerdigte. In seiner Zeit im Pfarrhaus St. Joseph brachte er viele Sans-Papiers in dem grossen Haus unter. So auch seine heutige Frau. Mit ihren Kindern kam sie in die Schweiz, um hier ein besseres Leben führen zu können. Eines Abends kam sie panisch nach Hause, voller Angst, ausgeschafft zu werden. «Ihre Tochter kam zu mir und fragte mich, ob ich ihre Mutter heiraten würde. Aus dem Bauch heraus sagte ich Ja.» Zum einen, weil sie seit zwei Jahren auf eine Antwort der Migrationsbehörde warteten. Zum anderen, um ihren Kindern eine Lehre zu ermöglichen. Und vor allem, da er der Frau die Angst nehmen wollte. Heute 13 Jahre nach der Hochzeit leben die beiden zusammen – in getrennten Zimmern. «Wir haben kein Liebesverhältnis. Eher wie Bruder und Schwester», sagt Gmür. Barmherzig, eben.