Ab März ist ein Pilotprojekt geplant, das zwei bis drei Jahre dauern soll. Das Ziel des Projektes ist, Mädchen und Frauen in der Schweiz vor Mädchenbeschneidung zu schützen und sie medizinisch zu versorgen. In der Schweiz sind laut Zahlen des Bundes rund 15'000 Frauen und Mädchen beschnitten. Schätzungen zufolge sind weltweit 200 Millionen von der weiblichen Genitalverstümmelung betroffen. In einigen Ländern wie Sudan, Eritrea oder Somalia ist die Beschneidung junger Mädchen stark verankert. In der Schweiz ist die Mädchenbeschneidung seit 2012 ein Offizialdelikt. Doch selten werden die Straftaten aufgeklärt.

Die Staatsanwaltschaft Baselland hatte bisher noch nichts mit dem Thema zu tun. Wichtig ist daher die Präventionsarbeit. In Liestal ist Monica Somacal für das Pilotprojekt zuständig. Sie übernimmt die Projektleitung bei der neuen Partnerschaft mit Basel-Stadt. «Eine grosse Chance sehe ich darin, dass wir mehr Personen erreichen», so Somacal. Das soll unter anderem dank der Mediatorinnen ermöglicht werden.

Im unermüdlichen Einsatz steht beispielsweise die knapp 50-jährige Sudanesin Amal Bürgin. Sie ist selbst beschnitten, leidet seit der frühesten Kindheit darunter – und sucht den Kontakt mit den Afrikanerinnen und Afrikanern in Basel. Sie will den Kindern das Martyrium ersparen, das ihr selbst widerfuhr. Im Gespräch mit der bz sagt sie, wie der Kampf gegen Mädchenbeschneidung zu ihrer Bestimmung wurde.

 

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre eigene Beschneidung?

Amal Bürgin: Alle Mädchen wurden damals im Sudan beschnitten, bevor sie in die Schule kamen. Das ist Tradition, man weiss nicht, woher sie kommt. Die Leute denken, dass man dadurch in der Schamgegend sauberer wird und dass eine Beschneidung davor schützt, vor der Ehe Sex zu haben. Mit Religion hat die Mädchenbeschneidung jedenfalls nichts zu tun. Ich selber war fünf Jahre alt und erinnere mich gut. Alle taten so, als wäre es ein frohes Fest mit den Verwandten, wir bekamen Geschenke und gutes Essen. Stattdessen war es einfach nur schlimm und bedeutet für mich bis heute ein Trauma.

Inwiefern?

Das ganze Sexualleben ist beeinflusst. Ich bin immer verkrampft, kann mich nicht entspannen. Mein Ex-Mann hatte anfangs kein Verständnis dafür, dass ich kaum Berührungen in der Schamgegend zulassen konnte. Erst als er sich in das Thema vertieft und Filme gesehen hat, lernte auch er, damit umzugehen. Das Erlebnis meiner eigenen Beschneidung hat sich so eingeprägt. Wenn nur jemand davon spricht, werde ich wahnsinnig wütend.

Was sagt Ihre Familie dazu, dass Sie sich in der Schweiz gegen Mädchenbeschneidungen einsetzen? Ihre Eltern scheinen den Beschneidungen nicht kritisch gegenüber zu stehen, sonst hätten Sie dies nicht mit Ihnen machen lassen?

Mein Vater ist alt und gelähmt heute, aber ich glaube, er fand meine Beschneidung schrecklich. Er war bei der Zeremonie nicht dort. Ich habe gehört, wie er später meiner Grossmutter vorwarf, dass es falsch gewesen sei. Etwas anders ist es bei meiner Mutter. Sie hat mich mal in der Schweiz besucht und gefragt, wann ich meine Tochter beschneiden liesse. Als ich geantwortet habe, dass das für mich nicht infrage kommt und dass ich unter meiner eigenen Beschneidung das ganze Leben gelitten habe, hat sie Verständnis gezeigt.

Sie setzen sich seit 2006 in der Schweiz gegen Beschneidungen ein, versuchen, Afrikaner und Afrikanerinnen zu überzeugen. Mit Erfolg?

Es ist schwierig zu sagen. Ich glaube, in der Schweiz werden Mädchenbeschneidungen kaum je durchgeführt. Aber wenn die Familien zurück in ihre Heimat gehen, beispielsweise in die Ferien, dann kommt es schon vor, dass sie ihre Mädchen beschneiden lassen. Nur erzählen sie das hier natürlich niemandem. Denn sie wissen ja, dass es strafbar ist.

Wie erreichen Sie diese Menschen?

Ihnen zu sagen, sie würden bei einer Beschneidung eine Straftat begehen, funktioniert nicht. Ich selber spreche viel von meinen eigenen Erfahrungen. Es hilft auch, dass sich derzeit im Sudan vieles ändert. Als ich ein Mädchen war, gab es keine Alternative. Man wurde gemobbt, wenn man nicht beschnitten war. Heute, das kann ich sagen, lösen sich diese gesellschaftlichen Zwänge allmählich.

Welche Reaktionen bekommen Sie, wenn Sie in Ihre Heimat zurückreisen und von Ihrem Engagement gegen Mädchenbeschneidungen erzählen?

Im Sudan ist es mittlerweile so, dass man über das Thema offen sprechen kann. Es ist kein Tabu mehr, die Genitalverstümmelungen infrage zu stellen. Ich bekomme auch viel Lob, wenn ich zu Hause erzähle, wofür ich mich einsetze.