-minu, wie geht es Dir?

-minu: Mir geht es rundum gut. Vor allem rund ...

Humorvoll wie immer ... Als Du erfahren hast, dass Du HIV-positiv bist, ist Dir das Lachen aber wohl vergangen.

Es war ein Schock, klar. Aber mein Professor war grossartig und einfühlsam. Er erklärte mir, dass dies heute nicht mehr den Tod bedeute. Und dass ich mit zwei Pillen am Tag ganz normal weiterleben kann.

Trotzdem: HIV! Du, der einst zur Prävention Kondome verteilt hast. Warum hast Du selber keines verwendet?

Weil ich mit Parisern nichts anfangen konnte. Sie engten mich ein. Aber natürlich war ich ein Hirni ... klar! Allerdings habe ich nach dem Ausbruch der Aids-Welle ziemlich sexlos gelebt. Und meine Praktiken waren nie so, dass ich gefährdet gewesen wäre. Trotzdem: Mein Göttibub hat mich angeschrien, als er von meinem Virus hörte: «Spinnst Du? Wir benutzen doch alle Kondome!» Ich glaube die jüngere Generation, die mit diesen Dingern aufgewachsen ist, hat damit keine Probleme.

Aber vor allem in der Schwulenszene ist die Gefahr besonders gross, das war Dir ja bewusst. Weisst Du, wer Dich angesteckt hat?

Ja. Ein langjähriger Freund, der HIV-positiv war und dann, von einem Tag auf den andern, die Pillen abgesetzt hat. Das machte ihn ansteckend. Er wollte einfach mit diesen Pillen nicht mehr weiterleben. Er musste zehn Stück pro Tag nehmen.

Das hat er verschwiegen? Oder bist Du das Risiko bewusst eingegangen?

Er hat mir nichts vom Absetzen seiner Pillen gesagt. Das war natürlich Scheisse. Und ich habe ihn nach dem Bericht meines Arztes sofort angerufen. Erst dann hat er mir alles erzählt.

Wie hast Du auf die Diagnose reagiert?

Ich hatte Glück im Unglück. Da die Ansteckung keine drei Wochen her war, hat die Therapie sofort angeschlagen. Die Viren gingen schlagartig zurück. Das machte alles erträglicher. Das Problem war nicht mehr der Virus, sondern die Frage, ob die Pillen die Nieren schädigen würden. Ich war zu dem Zeitpunkt ja bereits 69 Jahre alt. Gottlob habe ich die Medis vertragen.

Du musst sie weiterhin nehmen, oder?

Klar. Anfangs waren es drei Pillen, jetzt sind es zwei. Ich nehme sie jeden Abend vor dem Einschlafen. Das ist machbar.

Inwiefern hat sich Dein Leben durch die Diagnose verändert?

Nun, ich habe aus dem HI-Virus kein Geheimnis gemacht. Ich habe ja immer offensiv gelebt und nie etwas kaschiert. Auch mein Schwulsein nicht. Mein Arzt hat mich gewarnt: «Deine Freunde werden sich abwenden!» Und ich habe geantwortet: «Dann sind es keine Freunde!». Ich bin eigentlich, vielleicht durch meine Offenheit, auf viel Verständnis gestossen.

Durch dieses Gespräch erfährt die breite Öffentlichkeit davon. Hast Du Angst vor den Reaktionen der Leute?

Ich glaube, die Menschen sind einfühlsamer, als die Medien sie immer zeichnen. Ich kann mich erinnern, dass wir Schwule grosse Diskriminierungen fürchteten, als Aids ausbrach. Aber gerade die Schweiz zeigte sich unglaublich offen und tolerant diesem Problem gegenüber. Ich glaube an die Menschen. Im Übrigen finde ich es richtig, dass so ein Thema nicht tabuisiert wird – deshalb habe ich ja auch im Basler Aids-Buch ein ganzes Kapitel über meine persönliche Erfahrung geschrieben (siehe Kasten).

Ich glaube, nicht alle Menschen sind so aufgeklärt wie Du und wissen, dass der HI-Virus nicht durch Händeschütteln übertragen werden kann ...

Das ist sicher richtig. Aber es ist auch wichtig, den Menschen zu zeigen, dass wir heute dank der Forschung und der Chemie bei einer HIV-Ansteckung helfen können. Was das angeht, habe ich meine Ansichten total ändern müssen. Ich war zuvor nie ein Freund der Chemie. Das ist auch ein Grund, weshalb ich an die Öffentlichkeit gegangen bin. Ich wollte den Menschen, die sich angesteckt haben, die Angst nehmen, einen Arzt aufzusuchen. Wenn man den Virus sofort bekämpft, ist die Chance, dass man ihn mit den Pillen auf «nicht mehr nachweisbar» zurückbinden kann, gross. Der erste Ausbruch mit Fieber und Schluckweh geht in jedem Fall weg, aber der Virus breitet sich trotzdem aus und greift an. Das ist gefährlich.

Deine Botschaft lautet also: Geht zum Arzt, wenn Ihr nicht sicher seid? Und nicht: Schützt Euch!

Natürlich müssen sich alle schützen! Diese Botschaft steht an erster Stelle. Und trotzdem habe ich sie, aus reiner Dummheit ignoriert. Aber ich denke, es ist auch wichtig, zu sagen: Wenn ihr dennoch ungeschützten Sex hattet, geht sofort zum Arzt! Man kann überleben.

Du hast viele Freunde durch Aids verloren. Wie bist Du Anfang der 80er-Jahre, als die Krankheit aufkam, damit umgegangen? Du lebtest ja damals bereits mit Deinem Lebenspartner «Innocent» zusammen …

Er ist mir immer zur Seite gestanden. Das war besonders in diesem Fall unglaublich wichtig. Er hat nicht viel darüber geredet. Aber er war, wie immer in unserem Leben, für mich da. Ich habe in den 80er-Jahren und zu Beginn der 90er viele Freunde durch Aids verloren. Man konnte nichts machen, bloss für sie da sein. Das war eine unglaublich düstere Zeit. Als ich die Diagnose dann selber bekam, hat mich das als Erstes wieder eingeholt. Ich dachte an sie, die toten Freunde. Und dass man ihnen nicht helfen konnte. Das war vielleicht der schwierigste Moment für mich. Ich schämte mich und war einfach masslos traurig. Nicht wegen meiner Ansteckung. Sondern weil es damals die Mittel gegen die Krankheit noch nicht gab.

Dein Lebenspartner war kein bisschen sauer, dass Du Dich angesteckt hast – und vor allem: durch einen anderen Mann?

Wir lebten immer eine offene Partnerschaft. Er war nicht sauer. Aber schweigsam. Und traurig. Er musste es verarbeiten. Und da ist es wie mit vielen andern Diagnosen: Der Betroffene geht damit direkt um. Aber der engste Angehörige ist irgendwie machtlos. Er möchte helfen. Kann aber nicht. Und muss tatenlos zusehen, wie der andere leidet. Ich denke, es ist für die Menschen, die einen gerne haben, schwerer als für einen selber.

Insofern kann es sein, dass Du nach diesem Interview, mit liebgemeinten E-Mails und Telefonaten überschüttet wirst. Wie bereitest Du Dich auf die Bandbreite möglicher Reaktionen vor?

Eigentlich gar nicht. Vielleicht hat das Fatalistische in meinem Leben auch gute Seiten. Ich nehme es, wie es kommt. Anteilnahme ist sowieso etwas, mit dem ich schwer umgehen kann. Wenn mir jemand sagt: «Du bist ein Riesenarsch!» – okay. Das kann ich akzeptieren. Und damit leben. Aber die gefühlsvollen «Ach, Du Armer!» waren anfangs, nach der Diagnose, vielleicht das Schlimmste von allem.

Im Buch sagst Du von Dir selber: «Ich war ein Riesenarsch.» Hast Du Dich inzwischen mit Dir selber versöhnt und akzeptierst den Virus als Teil von Dir?

Der Titel ist nicht von mir. Aber er trifft es ganz gut. Nein, ich könnte mich immer noch ohrfeigen, dass ich so dumm war. Und so naiv. Mein Freund, der mich angesteckt hat – er lebt in Italien –, hat nach meinem Alarmruf das Spital aufgesucht. Sie haben ihn therapiert. Heute muss er nur noch vier Pillen nehmen. Irgendwie hatte das auch etwas Gutes in all dem Traurigen.

Was sagen die Ärzte: Wird -minu mit dem Virus gleich alt, wie er ohne den Virus werden würde oder könnte?

Die Ärzte sagen, dass der Virus keinen Einfluss habe. Ich würde genauso alt oder jung sterben wie ohne Virus, sagen sie. Und jung bin ich ja sowieso nicht mehr. Ich muss alle sechs Monate zur Kontrolle. Und gesundheitlich fühle ich mich erstaunlicherweise besser denn je. Vielleicht, weil ich doch etwas bewusster lebe – und auch meine Kräfte einteile. Not anymore the candle burning at both ends ...

Du bist beliebt in Basel wie kaum ein Zweiter. Betrachtest Du dieses HIV-Outing auch als eine Art Pflicht?

Es ist durch das Buch ein öffentliches Outing. Ich habe es ja vorher nicht versteckt, aber ja. Ich denke, es ist die Pflicht von Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, auf solche Dinge hinzuweisen. Wenn es auch nur einer Person helfen kann, dann war und ist es richtig, dass die Sache publiziert wurde.

-minu, danke für Deine Offenheit.