Elma* steht vor dem Bahnhof SBB, zieht die Schultern hoch, schlingt schützend die Arme um ihren Oberkörper. Es nieselt. Die letzten Pendler hasten von den Trams zu den Zügen, von den Zügen zu den Trams. Es ist kurz vor halb acht Uhr abends in Basel. Bis vor wenigen Stunden hat Elma nicht gewusst, dass es diese Stadt auf der Landkarte überhaupt gibt. «Basel?», fragt sie den Surprise-Verkäufer in der Bahnhofhalle. «Ja, Basel!», sagt er, strahlt, streckt den Daumen in die Luft.

Ihre Reise war lang: Am Nachmittag kroch Elma in Aarau von der Ladefläche eines Lieferwagens. In welchem Land sie angekommen war, wusste sie nicht. Ihr Ziel lautete: «Europa, einfach nur Europa». Elma floh vor den Taliban in ihrer Heimat Afghanistan. Dort studierte sie Betriebswirtschaft, arbeitete unter anderem für Briten und Neuseeländer. Ihr Englisch ist fliessend, als sie mich vor dem Bahnhof Basel anspricht: «Entschuldigung, wo finde ich hier ein Hotel?» – Jugendherberge, Pension oder Hotel? – «Etwas Günstiges, ich habe noch zehn Euro.»

Notschlafstelle oder Hotel?

Ihr einziges Gepäck ist ein kleiner Lederrucksack. Auf dem Kopf trägt Elma eine graue Wollmütze. Sie schlottert in ihrem dunkelblauen Wintermantel, als sie aus dessen Jackentasche die gefalteten Blätter hervorzieht. Es sind Unterlagen der Aargauer Polizei, bei der sich die junge Afghanin gemeldet hat. Auf einem Blatt steht die Adresse des Empfangs- und Verfahrenszentrums (EVZ) in Basel, darunter prangt eine kleine Karte. Ein dicker Pfeil zeigt den Weg vom Bahnhof SBB ins EVZ. Dort werden Asylsuchende registriert: Personalien und Fingerabdrücke aufgenommen, ein Passfoto gemacht, der Gesundheitszustand abgefragt. Es ist die Stelle, wo geflüchtete Menschen ihren Asylantrag stellen.

Die Empfangs- und Verfahrenszentren führt der Bund – sie gehören zum Staatssekretariat für Migration (SEM). Solche Zentren gibt es in Altstätten, Chiasso, Zürich, Kreuzlingen, Vallorbe – und in Basel. «Wir müssen wissen, wer in der Schweiz ist, deshalb ist es wichtig, dass Asylsuchende schnell registriert werden», sagt Léa Wertheimer, Mediensprecherin beim SEM. Aufgrund des starken Anstiegs der Asylsuchenden nehme das EVZ Basel seit dem letzten Frühjahr rund um die Uhr sämtliche Neuankömmlinge auf, sagt Wertheimer.

Mitte Dezember hat die bz über eine mittellose Flüchtlingsfamilie berichtet, die den letzten Anschlusszug nach Neuchâtel verpasste. Zwei Passantinnen bezahlten schlussendlich ihre Übernachtung in der Jugendherberge. Wer in solchen Fällen nicht weiter wisse, soll die Polizei kontaktieren, sagte damals der Sprecher der Kantonspolizei gegenüber der bz. Also los. Am anderen Ende der Telefonleitung weiss der Beamte spontan auch nicht, was zu tun ist. Er notiert meine Nummer, verspricht, bald zurückzurufen.

Zweiter Versuch: «Das EVZ ist ein 24-Stunden-Betrieb. Die Frau wird aufgenommen», sagt der EVZ-Mitarbeiter am Telefon. Und wie? «Sie kann den 30er-Bus bis zum Badischen Bahnhof nehmen. Weil um diese Uhrzeit der 55er-Bus nicht mehr fährt, muss sie zu Fuss gehen.» – Das sind knapp zwei Kilometer. Es ist dunkel und regnet. Kann sie jemand am Badischen Bahnhof abholen? – «Nein, sie ist nicht die Erste, die den Weg findet», heisst es am anderen Ende der Leitung. Eine Minute später ruft der Basler Polizist zurück: Das EVZ sei überbelegt. In dieser Nacht gebe es keinen Platz mehr. Die Frau soll in die Notschlafstelle und sich tags darauf im EVZ melden.

Einzelne Fälle kommentiere sie nicht, sagt Léa Wertheimer vom Staatssekretariat für Migration (SEM). Der Regelfall lautet aber: «Die Empfangszentren sind 24 Stunden am Tag betreut. Asylsuchende sollten direkt in ein Empfangszentrum geschickt werden», sagt die SEM-Mediensprecherin. Sind alle Plätze belegt, ständen dem Bund alternative Unterkünfte zur Verfügung – zum Beispiel Zivilschutzunterkünfte.

Davon weiss Martin Schütz nichts. Der Mediensprecher der Basler Polizei antwortet auf die Nachfrage der bz: «Asylsuchende, die in der Nacht in Basel eintreffen, können in aller Regel nicht direkt ins EVZ eintreten, da dieses in der Nacht keine Personen aufnimmt. Um ihnen eine Übernachtungsmöglichkeit anzubieten, werden sie an die Notschlafstelle verwiesen», sagt Schütz. Wie sie dorthin gelangen, liege in ihrer Eigenverantwortung. Ähnlich klingt es bei der Kantonspolizei Aargau: «Öffnungszeiten klären wir nicht ab.» Ausgehändigt werden ein Passierschein, eine Karte und die Adresse des EVZ – so laute der Auftrag des Bundes. Ein Telefonat nach Basel gibt es nicht: Niemand weiss, dass Elma auf dem Weg ist. Sie könnte freiwillig wie unfreiwillig verschwinden – es bliebe unbemerkt.

Bund will nun informieren

Neben dem fehlenden Informationsaustausch stellt sich auch die Frage, wieso sowohl die Aargauer als auch die Basler Polizei falsch über die Öffnungszeiten des EVZ informiert sind. «Das entzieht sich unserer Kenntnis. Damit solche Missverständnisse künftig verhindert werden können, streuen wir die Information nochmals breit», heisst es beim SEM.

Elma wippt auf den Zehenspitzen auf und ab. Sie ist bleich, wirkt übermüdet und gleichzeitig fröhlich-aufgekratzt. Soll sie sich nun alleine, im Regen, ohne Handy und ohne Stadtkarte ins EVZ durchfragen? Ausgeschildert ist das Zentrum nicht, viele Passanten dürften den Weg dorthin auch nicht kennen.

Die SBB-App zeigt an, dass ab dem Badischen Bahnhof der 36er-Bus bis zur Langen Erlen fährt. Ab da heisst es, zu Fuss bis zum Zoll Otterbach gehen. Freundliche Bus-Chauffeure lassen Elma gratis mitfahren. Unterwegs sieht sie zum ersten Mal in ihrem Leben den Rhein, die hell erleuchteten Fenster und blinkende Kebab-Buden-Schilder an der Feldbergstrasse. Sie sitzt aufrecht im Bus, blickt aufmerksam durch die Fensterscheiben: «Schön ist es hier. Basel ist ein guter Ort zum Leben, oder?»

* Name geändert