Murray Perahia sieht seine Aufgabe als Musiker darin, die Musik zu verstehen, sie zu lieben und diese Liebe dem Publikum zu vermitteln. So umschreibt er es in einem Interview. Beim ersten Solistenabend der neuen Saison der Allgemeinen Musikgesellschaft (AMG) im Musical-Theater hat er diese Aufgabe mustergültig erfüllt. Vom ersten bis zum letzten Ton hörte man in seinen unaufgeregten und aufgeräumten Interpretationen von Haydns Variationen f-Moll und Mozarts Sonate a-Moll, dass er genaue Klangvorstellungen hat und diese mit hoher Präzision und Demut umsetzt.

Perahia ist dafür bekannt, dass er intensives Quellenstudium betreibt und die Stücke sehr genau studiert. Er hat sie nicht nur in den Fingern, er hat sie in ihrer komplexen Gesamtheit sehr genau auswendig im Kopf. Sein Spiel verleiht der Musik eine enorme Klarheit, die schlicht wunderschön ist. Er vermag die Aufmerksamkeit der Hörer über die gesamte Konzertlänge zu fesseln. Abschweifen ist quasi unmöglich. Denn hier passiert nichts zufällig.

Fein skulpturierte Klänge

Perahia wurde 1947 in New York als Sohn sephardischer Juden aus Griechenland geboren. Anfang der 90-er Jahre schien seine Karriere beendet, als er sich an einem Blatt Papier in den Daumen schnitt und die Wunde sich entzündete. Nach einigen Jahren Pause kam er jedoch noch erfolgreicher zurück, erhielt Grammys und andere Auszeichnungen für seine CDs. Abgehoben ist er dadurch nicht.

Seine Interpreten-Persönlichkeit tritt ganz hinter die Musik zurück. Er unterhält die Zuhörer nicht mit übertriebenem Virtuosen-Spektakel, er fackelt keine bombastische Gesten- und Mimik-Show ab. Bei Perahia geht es nicht um einen Wow-Effekt. Er ist ganz der Musik ergeben. Demütig sitzt der knapp 70-jährige vor dem Flügel auf der Musical-Bühne, beinahe verschwindend. Wie ein Aquarellmaler gestaltet er sanfte und lichte Klangfarben von schwebender Schönheit.

Wo sich andere Pianisten in temperamentvollen Übermut versteigen und die Zuhörer mit rasanten Tempi und schwülstigen Phrasen überrollen, bleibt er in seinen sorgsam abgesteckten Grenzen und skulpturiert die Klänge mit feinem, zartem Druck. Immer scheint er Intensität und Tempo perfekt zu treffen, auch in den kühnsten Virtuosen-Passagen. Noch stärker sind bei ihm die ruhigen Sätze. Das Intermezzo A-Dur aus dem Zyklus «Sieben Fantasien» op. 116 von Johannes Brahms rührt in seiner Einfachheit, bei den überaus bewusst gesetzten Ton- und Harmoniewechsel beinahe zu Tränen. In der zweiten Konzerthälfte beeindruckte Perahia mit der 45-minütigen Mammut-Sonate Nr. 29 B-Dur op. 106 aus Ludwig van Beethovens Spätwerk.

Vergleicht man seine Version mit anderen Interpreten, könnte man ihm vielleicht vorwerfen, seinem Spiel fehle etwas Spannung und Würze sowie schärfe Ecken und Kanten. Aber gleichzeitig schafft er es, durch die Abwesenheit von Sturm und Drang zu tiefer liegenden Schichten, letztlich zum Kern der Musik vorzudringen.

Geniale Akustik

Dass Perahias Spiel in Basel so gut ankommt, lag auch an der Akustik, die zum einen mit analogen Methoden (Wände und Segel), zum anderen mit Elektronik manipuliert wurde. 15 Mikrofone sind im Raum verteilt und nehmen den Klang auf. Elektronisch wurde der Nachhall in diesem Fall nur minimal von 1,4 auf 1,6 Sekunden verlängert (bei Orchestern wird auf 2,4 Sekunden ausgedehnt) und via 40 versteckte Lautsprecher wieder in den Saal geschickt.

Die Methode wurde von den Akustikern der Müller BBM Gruppe aus München entwickelt und während der Umbauzeit des Stadtcasinos von der Casino-Gesellschaft eingebaut. Sie funktioniert bravourös. Das Resultat war ein klarer, auch in den leisesten Passagen sehr präsenter Klang, der direkt und einzig aus dem Inneren des Flügels zu kommen schien.