Zwölf Jahre ist es her. Doch Peter Sorg erinnert sich genau an die Szene, die sein Leben verändern sollte. Langsam fuhr der Arzt mit der Sonde durch seine inneren Organe. Beim Brustbein blieb er länger hängen, bewegte sein Gerät mehrmals vor und zurück. Auf dem Monitor war weisser Schleim im Dünndarm zu sehen. «Das ist ein bösartiger Tumor», sagte der Spezialist. «Der blutet und frisst sich langsam durch die Dünndarmwand durch.

Das muss man sofort behandeln.» Sorg sagte nur «aha» und spazierte aus der Praxis am Claraplatz. Im «Schiefen Eck» bestellte er sich ein grosses Bier, blätterte ein bisschen in der Zeitung, bestellte noch ein Bier, rief seine Frau an und erzählte ihr von seinem Schicksal. Todesangst, sagt Sorg, hatte er nicht. Auch zog ihm die Diagnose Zwölffingerdarmkrebs nicht den Boden von den Füssen weg. Ihn habe eine kaum zu erklärende Schicksalsgläubigkeit ergriffen. «Jetzt hatte ich also Krebs. Und es war mein Projekt, den wegzuräumen.»

Mittelmass in der Schule

Bereits eine Woche später lag er auf dem OP-Tisch des Claraspitals. Der operierende Arzt Markus von Flüe wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wie weit der Tumor vorgedrungen war. Erst nachdem der Bauch aufgeschnitten war, zeigte sich das Ausmass des Krebses. Von Flüe musste den Dünndarm wegschneiden, grosse Teile des Dickdarms, die Gallenblase, einen Viertel des Magens sowie den Kopf der Bauchspeicheldrüse. Der Krebs war in die Phase drei von vier eingebogen. Es war ein Befund, mit dem lediglich fünf Prozent die nächsten fünf Jahre überleben – so die Schätzung von Flües.

Nach dem vierwöchigen Spitalaufenthalt folgte eine Chemotherapie. Die ersten der acht Zyklen steckte Sorg locker weg, mit der Zeit aber erlosch sein Tatendrang. Tagelang blieb er im Bett, hörte Musik und schaute fern. Und er beschäftigte sich mit sich selbst. «Wie es so ist, schaut man nicht vorwärts, sondern zurück», sagt er. So individuell jeder mit Krebs umgehe: Einen gemeinsamen Nenner hätten solche lebensbedrohlichen Situationen. «Ein nach vorne Schauen hat Grenzen.» Stattdessen stellte sich Sorg die Fragen: «Wie optimiere ich meine jetzige Situation? Was sagt mir mein Körper? Was tut mir gut?»

Eigentlich zog Peter Sorg 2006 nach seinen 55 Jahren ein positives Fazit, mit einer Einschränkung: «Ich hatte mich zu wenig um meine Familie und um meine drei Töchter gekümmert, war zeitweise kaum zu Hause gewesen.» Sorg spricht von einer «beachtlichen Karriere», die er hingelegt hatte. Als «mittelmässiger Schüler mit anderen Interessen» hatte er die Realschule absolviert und war danach in die Handelsschule gewechselt, 1972 stieg er bei der Mobil Oil Switzerland ins Berufsleben ein. Danach folgte der Wechsel in die Chemie, wo er 1997 nach der Fusion der Ciba mit der Sandoz zu Novartis bei der «neuen» Ciba Spezialitätenchemie AG für die Konzernbeziehungen verantwortlich war.

Als Expat in Asien

Schon bald nach seiner Anstellung bei Ciba zog der junge Vater mit seiner Familie nach Jakarta, 1985 nach Tokio und wieder vier Jahre später nach Seoul. Sorg arbeitete teilweise an sieben Tagen in der Woche – und lebte ein Expat-Leben mit Hausangestellten, Chauffeur und Privatschulen für seine Töchter. Als seine älteste Tochter ins Matura-Alter kam, entschied sich Sorg für eine Heimkehr in die Schweiz, wo er die Leitung des Asia-Desks bei der damaligen Ciba übernahm.

Doch die intensive Zeit der Fusionsintegration zu Novartis, die Ausgliederung sowie der Börsengang der Ciba Spezialitätenchemie AG führten dazu, dass er bald begann, sich Sinnfragen zu stellen. «Ich verdiente viel Geld. Aber ich habe mich immer mehr gefragt, ob die Relationen stimmen. Zudem machte es ihm immer mehr Mühe, in einem von interner Politik sowie von Macht- und Rollenspielen geprägten Umfeld tätig zu sein und jeden Morgen mit der Krawatte zur Arbeit zu gehen. Jährlich ging es um Gehaltserhöhungen, um Boni und darum, wer den nächsten Karriereschritt macht.

Heute muss Peter Sorg schmunzeln, wenn er über den Bankenplatz spaziert und all die herausgeputzten Angestellten sieht, «die wohl am liebsten im Pyjama zur Arbeit gehen würden». 2001 vollzog Peter Sorg dann die erste grosse Zäsur. Er machte sich selbstständig, gründete eine Consultingfirma. Er berät Technologie-Firmen, wie sie ihre Innovationen am besten entwickeln und an den Markt bringen. Finanziell mussten er und seine Familie, die damals in Muttenz zu Hause waren, einen Gang zurückschalten. Doch bereut hat er diesen Schritt nie. «Mit Geld kannst du dir kein wirkliches Glück kaufen, das war mir nicht zuletzt auch durch die Krankheit klar geworden.»

Zu faul zum Kämpfen

Sechs Jahre später lag er mit einer lebensbedrohlichen Krankheit zu Hause im Bett und war im Begriff, eine zweite Metamorphose zu durchlaufen. Diesmal vollzog sie sich unbewusst. Er bemerkte, wie sich in die Dankbarkeit gegenüber seiner fürsorglichen Frau auch Dünnhäutigkeit mischte. Die Nähe tat nicht nur gut. «Ich nervte mich, wenn sie mir vorwarf, nur rumzuliegen. Wie andere Krebspatienten sollte ich den Kampf aufnehmen, Sport treiben. Aber ich wollte nicht kämpfen, sondern meinem Körper Ruhe gönnen. Ich war und bin einfach ein fauler Cheib», sagt Sorg.

Zunehmend rieb sich das Paar an Kleinigkeiten. «Man versucht, den anderen umzuerziehen – aber das geht nicht.» Die Chemotherapie war Mitte 2007 abgeschlossen, das Ehepaar Sorg gönnte sich im Herbst darauf Wellness-Ferien in Griechenland. Peter Sorg hätte der Geschichte ein schönes Ende geben können – doch das Schicksal holte ihn wieder ein. Diesmal zeigte es sich nicht von der tragischen Seite, aber in einem Massagesalon auf Kos doch von einer schwierigen. Die Griechin, die ihn knetete, war hübsch und nett.

Plötzlich hatte er Verliebtheitsgefühle wie ein Pubertierender. Doch was tun? Er konnte doch seine Frau nicht verlassen. Manns genug war er gewesen, einer tödlichen Krankheit ins Auge zu schauen. Doch nun, als es darum ging, seiner Frau die neue Liebe zu beichten, wurde er «wahnsinnig feige». Mehrmals flog Sorg nach Griechenland, behauptete zu Hause, er habe dort geschäftlich viel zu tun. «Ich war mir so unsympathisch, glauben Sie mir», sagt er. Erst als seine Familie ihm wegen einer E-Mail auf die Schliche kam, wurde er vor ein Ultimatum gestellt, woraufhin er auszog.

Seine griechische Freundin kam daraufhin in die Schweiz – mitten in der Wirtschaftskrise ihres Heimatlandes. Doch auch hier stellte sich bald Routine ein; etwas, wovor er einst geflüchtet war. «Ich hatte das Gefühl, dass mir die Decke auf den Kopf fällt», erinnert sich Sorg. Wieder trennte er sich, war dann plötzlich alleine. Doch plötzlich entdeckte er nun die Liebe zum selbstbestimmten Alleinsein. Jahrzehntelang war er unter Leuten gewesen. In der Firma und zu Hause. Jetzt war er single und führte eine Einmannbude. «Mein ganzes Leben lang bin ich, so fühlte ich mich zumindest, von Termin zu Termin gerannt. Und dann diese Freiheit, es war ein Geschenk.» Und: «Nachdem ich anfangs bei meiner Familie eine Persona non grata war, ist jetzt wieder alles im Reinen.» Seine Töchter haben ihm bereits vier Enkel geschenkt.

«Habe keine Angst vor dem Tod»

Heute lebt der 67-Jährige in einem Hochhaus an der Steinenschanze. Ein weiteres Kapitel hat er auch schon aufgeschlagen: «Ich habe jemanden kennengelernt. Sie lebt nicht in Basel und hat eine sehr ähnliche Geschichte wie ich. Wir führen gewissermassen eine Fernbeziehung unter dem Motto ‹das Anderssein des anderen wollen›.»

Die Vergangenheit drohe ihn jedenfalls nicht einzuholen. Auch der Krebs gilt nach fünf Jahren als geheilt. Und selbst wenn er je zurückkehren sollte, er hätte in Peter Sorg einen hartnäckigen Gegner. Nicht einen, der bis zum Umfallen kämpft. Aber einen, der selbst der drohenden Niederlage mit Demut und Gelassenheit ins Auge blickt, die selbst den Chirurgen am Claraspital in bleibender Erinnerung geblieben ist. «Er hatte die Gnade und Gabe, mit seiner ernsten Krankheit ruhig umzugehen», erinnert sich von Flüe an seinen ehemaligen Patienten.

Sorg ist mittlerweile im Rentenalter. Andere Pensionäre machen sich Listen mit Dingen, die sie bis ans Lebensende erledigen wollen. Peter Sorg hat genug davon, umherzurennen und Sachen abzuhaken. «Ich mache alles nur noch genau dann, wenn ich es will», sagt er. Zwingen täte er sich zu gar nichts. Selbst wenn er die Joggingschuhe schnüre, dann käme das aus einer «intrinsischen Motivation», sagt er. Kaum ein Zweifel besteht, dass er dieses Vorhaben durchzieht. Und gewiss auch selbst bestimmt, wenn das letzte Kapitel seines Lebens zu Ende geht. Angst davor hat er jedenfalls nicht. «Nein, vor dem Tod habe ich wirklich keine Angst», sagt Peter Sorg.