«Am Anfang war das Glas», philosophierte der Basler Staatsanwalt Tomislav Hazler am Donnerstag in seinem Plädoyer. Tatsächlich standen zwei Betrunkene im Oktober 2017 um vier Uhr morgens vor dem Storchen-Parkhaus an der Schifflände, gleich daneben lag ein Bier- oder Whiskyglas. Als die Ehefrau eines Clubbetreibers das Glas sah, sprach sie die zwei Männer darauf an, denn diese hatten das Glas offensichtlich aus ihrem Club mitlaufen lassen.

Als Reaktion kamen allerdings lediglich wüste Beschimpfungen aus der untersten Schublade, die Frau und ihre Schwester flüchteten. Als sie zusammen mit einem Türsteher wieder auftauchten, waren die Männer bereits weg. Doch damit nahm die Geschichte erst ihren Lauf: Die Überwachungskamera des Parkings filmte, wie die Frau förmlich zu ihrem Range Rover rannte.

Zusammen mit der Schwester fuhr die Frau los, und beim Taxistandplatz am Blumenrain traf sie wieder auf die beiden Männer. Ab hier gehen die Versionen weit auseinander, jedenfalls landete das Vorderrad des drei Tonnen schweren Wagens auf dem Trottoir. Die Rechtsmediziner attestieren einem der Betrunkenen ein Überrolltrauma mit diversen Verletzungen am linken Bein.

Es droht der Landesverweis

«Ich bin kurz vor dem Trottoir auf die Bremse. Er ist auf mich zugelaufen», beteuerte die 28-jährige Frau am Donnerstag vor dem Basler Strafgericht. «Sie wollten doch nach Hause. Warum sind Sie dann direkt zu ihm rüber gefahren?», fragte der Gerichtspräsident Roland Strauss. «Ehrlich gesagt verstehe ich das auch nicht. Aber ich wollte ihn nicht verletzen», sagte sie. Der verletzte Mann räumte ein, die Frau vorher beleidigt zu haben.

Nach dem Vorfall war er mehrere Wochen lang teilweise arbeitsunfähig, er nimmt noch heute Schmerzmittel. «Sie haben Wörter wie Nutte oder Schlampe benutzt, kann sich da eine Frau nicht gekränkt fühlen?», fragte ihn der Gerichtspräsident. «Mich würde es nicht kränken. Ich hätte nicht das Auto geholt», antwortete der Mann. «Sie sind ja auch ein Mann», sagte Strauss dazu.

Ein Zeuge widersprach der Darstellung der Fahrerin deutlich, und auch die Rechtsmediziner gehen aufgrund der Verletzungen davon aus, dass das Bein des Mannes zweimal überrollt worden ist. «Mit dieser risikoreichen Aktion nahm sie in Kauf, ihn schwer zu verletzen», sagte Staatsanwalt Hazler und forderte eine bedingte Freiheitsstrafe von 18 Monaten wegen versuchter schwerer Körperverletzung.

Verteidiger Christoph Dumartherey hingegen sagte, seine Mandantin habe die Möglichkeit gar nicht in Betracht gezogen, dass der Mann verletzt werde, auch sei der Mann bereits vorher schon arbeitsunfähig gewesen und habe Kokainprobleme. Eine Geldstrafe wegen fahrlässiger Körperverletzung reiche. Dazu kommt allerdings die Möglichkeit eines Landesverweises: Die Frau ist hier aufgewachsen, hat aber einen türkischen Pass. Der Tatbestand der (versuchten) schweren Körperverletzung gehört zu den Katalogdelikten für einen obligatorischen Landesverweis. Die drei Richter fällen das Urteil am Freitag.