Nachts sollen weniger Flugzeuge über den schlafenden Anwohner des Euro-Airports lärmen. Das wollen die Gemeinden, die von den Südstarts besonders betroffen sind, schon länger. Bis jetzt stellte sich der Flughafen jedoch quer. Am Dienstag dann die überraschende Wende: Plötzlich will auch der Euro-Airport (EAP), dass Flüge nach 23 Uhr nicht mehr möglich sind.

Das neue Regime soll ab 2020 gelten und muss zuerst noch von der französischen Zivilluftbehörde bewilligt werden. Dies verkündete EAP-Verwaltungsrat Raymond Cron exklusiv in der bz. Die Gemeinden im Umland zeigten sich in ersten Reaktionen hoch erfreut über den Entscheid. Immerhin sind rund 1300 Flugbewegungen pro Jahr in dieser Zeit nicht mehr möglich. Betroffen ist vor allem die Expressluftfracht, die ihre Flüge verschieben muss. Denn an andere Flughäfen auszuweichen ist nicht möglich, weil auch andere Flughäfen ähnliche Sperren kennen. Mit entsprechenden Auswirkungen auf die Logistiker.

«Die Fracht braucht die Nacht»

«Für das Cargo-Geschäft ist das tragisch. Denn die Fracht braucht die Nacht», sagt ein Luftfracht-Experte. Und diese Nacht werde immer mehr begrenzt. Diese Tendenz sei bedenklich, sagt er weiter. «Auch für den Wirtschaftsstandort ist die Entwicklung kritisch», sagt der Experte.

Das Problem: Während der Nacht werden beispielsweise die E-Commerce-Bestellungen transportiert, damit sie fristgerecht bei den Kunden ankommen. Wird die Nacht für die Logistiker ständig verkürzt, wird das zum Problem. Andere Verkehrsträger können, weil schlicht die Kapazität fehlt oder aus Tempogründen nicht einspringen – so zum Beispiel die Schifffahrt, die auf weniger zeitkritische Fracht setzt.

Die Frachtflüge, welche nach 23 Uhr starten, fliegen mehrheitlich nach Leipzig, Köln/Bonn und Lüttich: die grossen Zentralen der Luftfrachtfirmen DHL, UPS, Fedex und TNT. Die Flüge ab Basel dienen dazu, die Fracht in diese Zentren zu bringen. Von dort werden sie weiter verteilt. Umgekehrt kommen viele Frachtflugzeuge am frühen Morgen in Basel an. Verschwindet nun der Nacht-Slot am Euro-Airport, verlieren die Logistiker, diese Stunde zusätzlich. Entsprechend müssen Abläufe angepasst werden. Was mit Kosten verbunden ist.

Der Euro-Airport hat im Vergleich zu Genf und Zürich gerade im Frachtgeschäft gute Karten. Vor allem was das Expressgeschäft anbelangt. So starten nach 22 Uhr in Genf praktisch nur noch Passagierflugzeuge. Und ab Zürich dürfen Flugzeuge ab 23 Uhr nur noch zum Verspätungsabbau starten. Mit der Begrenzung der Nachtflugstunden verliert Basel einen Standortvorteil.

Massnahme greift nicht

Auswertungen der bz haben im Januar gezeigt, wie viele Starts tatsächlich nach 23 Uhr durchgeführt werden. Cron sagte nun im Interview, dass man 19 Prozent der geplanten Starts nach vorne verschieben konnte. Doch eine Analyse der neusten Flugbewegungen zeigt: Auswirkungen auf die reale Anzahl von Starts nach 23 Uhr hatte die Massnahme bislang nicht.

Im Januar waren es noch unter 120 Starts nach 23 Uhr. Im Sommer stieg diese Zahl sprunghaft an. Fast 180 Flüge starteten im Juli in der fraglichen Stunde. Auch im Juni und August lagen die Starts höher als Anfang Jahr. Den Hauptteil der späten Flüge entfallen auf die DHL. Von Juli bis November starteten 117 Flüge der Frachtfirma nach 23 Uhr.

Berücksichtigt sind in der Auswertung die tatsächlichen Starts, auch wenn die Flüge eigentlich früher geplant waren. Das ist denn auch der Knackpunkt: Auch wenn die Starts früher geplant wurden, konnten sie nicht früher durchgeführt werden. Diese Schwierigkeiten könnten sich auch zeigen, wenn gar keine Starts mehr in der Stunde vor Mitternacht geplant werden. Die 1300 Flüge müssten dann während des Tages Platz finden. Entsprechend enger wird der Flugplan. Das sei kein Problem, sagte Cron im Interview. Die Daten zeigen aber auch: In diesem Sommer gab es mehr Starts. Trotz des Versuchs, dies nach 23 Uhr zu beschränken.

(Mitarbeit: huf)