Herr Sollberger, die Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel (UPK) eröffnen neu eine stationäre Abteilung für Menschen mit schweren Angst- und Zwangsstörungen. Warum ist das in Basel nötig?

Daniel Sollberger: Die UPK verfügen seit 14 Jahren über eine stationäre psychotherapeutische Abteilung, wo vorwiegend Patienten mit Persönlichkeits- und Essstörungen behandelt werden. Auf der Verhaltenstherapie-Ambulanz werden zudem ambulante Therapien mit Patienten mit verschiedenen Krankheitsbildern durchgeführt, vor allem aber mit Angst- und Zwangserkrankungen. Angst- und Zwangsstörungen gehören heute zu den häufigsten psychiatrischen Erkrankungen. Für Patienten mit diesen Störungen haben wir festgestellt, dass das ambulante Therapiesetting nicht ausreicht und wir in der stationären Psychotherapie-Abteilung zu wenig spezifische Behandlungen anbieten können. Die Ergebnisse waren nur zum Teil befriedigend.

Häufigste psychiatrische Erkrankungen: Was heisst das in Zahlen?

An Angststörungen leiden bis zu einem Viertel der Bevölkerung einmal in ihrem Leben und bei den Zwangsstörungen sind es bis drei Prozent.

Wie muss man sich das Krankheitsbild eines Menschen mit Zwangsstörungen vorstellen?

Diese Menschen sind in ihrem Leben stark beeinträchtigt. Ihr Alltag wird häufig von Ritualen bestimmt, wie Kontroll- oder Waschzwängen. Diese schränken ihre Bewegungsfreiheit ein, sodass Sozialkontakte und Arbeitsfähigkeit infrage stehen. Können die Patienten ihre Rituale nicht durchführen, sind sie von Ängsten bedroht. Patienten mit diesen Erkrankungen kann durch spezifische psychotherapeutische Verfahren geholfen werden.

Wie sieht die neue stationäre Therapieform für diese Menschen aus im Vergleich zu den bisherigen?

Die Behandlung zeichnet sich aus durch eine intensive Psychotherapie, einzeln und in Gruppen. Die Therapien finden nicht nur auf der Abteilung statt, sondern auch individuell angepasst bei den Patienten zu Hause. In diesen Expositionssituationen können die Pflegenden beobachten, wo für den Patienten Probleme liegen. Die Schwierigkeit bei den Kranken besteht oft darin, sie nach einer stationären Behandlung in den Alltag zu entlassen. Während der stationären Therapie verbessern sich die Symptome meist, wenn sie wieder zu Hause sind, fallen sie in alte Muster zurück. Das wollen wir mit einer Verbesserung der Übergänge zwischen stationären und ambulanten Behandlungen zu verhindern versuchen.

Wie lange dauert das neue Behandlungsangebot?

In der Regel sechs Wochen.

Das reicht, um die Leute zu heilen?

Bis jemand geheilt ist, dauert es mehrere Jahre. Es geht uns darum, dass die Patienten ihr Symptomverhalten besser kontrollieren können, dass sie sozial besser integriert werden. Zudem ist es wichtig, dass sie Verständnis für ihre Krankheit bekommen und herausfinden, welche Situationen angst- und zwangsauslösend sind, um damit umgehen zu können.

Seit wann ist die Zahl an zwangsgestörten Menschen so hoch?

Psychische Störungen nehmen generell zu, wobei dies auch daran liegt, dass sich Betroffene häufiger selber und früher melden. Die gesellschaftliche Stigmatisierung psychischer Krankheiten hat etwa im Fall von Angststörungen oder Depressionen abgenommen. Weitere Gründe für eine Zunahme sind multipel, haben sicherlich auch mit der Entwicklung eines gesellschaftlich hohen Leistungsdrucks und generellen Verunsicherungen in unserem Alltag zu tun.

Welche Patienten nehmen Sie auf?

Wir haben 16 Betten und seit der Eröffnung vor vier Wochen sind 12 bereits belegt. Wir richten unser Angebot an Betroffene mit schweren Krankheitsausprägungen, die im ambulanten Therapierahmen nicht mehr zurechtkommen. Und auch an Patienten ausserhalb der Nordwestschweiz, denn die stationäre Abteilung für Menschen mit schweren Angst- und Zwangsstörungen in Basel ist schweizweit eine der wenigen.

Worauf mussten Sie bei der Einrichtung der neuen Abteilung achten? Was brauchen die Patienten?

Die Abteilung unterscheidet sich nicht gross von den anderen Abteilungen in den UPK. Wir haben Ein- und Zweibett-Zimmer. Ein Doppelzimmer ist nicht für alle Patienten einfach, wenn ihr Zwang zum Beispiel mit Schmutz zu tun hat. Diese Herausforderung ist dann jeweils Teil der Therapie.

Die UPK sind in den letzten Monaten zwei Mal wegen mangelnder Sicherheitsvorkehrungen in die Schlagzeilen geraten. Im März ist ein Patient aus der forensischen Abteilung der Psychiatrie ausgebrochen und hat eine Frau getötet. Wie sieht es bei Ihnen in Sachen Sicherheitsvorkehrungen aus?

Auf unserer Abteilung halten sich keine forensischen Patienten auf. Bei Leuten mit Angst- und Zwangsstörungen ist das Aggressionspotenzial gering. Sie ziehen sich eher zurück. Deswegen brauchen wir auch keine durchgehende Nachtwache. Die Patienten sind selbstständig und können sich bei Problemen beim Personal anderer Abteilungen melden. Dass sich die Patienten in- und ausserhalb der Abteilung frei bewegen können, ist nicht nur wichtig, sondern bei manchen auch Teil der therapeutischen Arbeit.