Es klingt nach einer witzigen Kurzmeldung. Beim Rechtsdienst der Freiwilligen Schulsynode (FSS) in Basel gehen in jüngster Vergangenheit vermehrt Meldungen über beissende Schüler ein. Allein in den ersten fünf Wochen nach den Sommerferien wurden drei Lehrerinnen bei der Lehrergewerkschaft vorstellig, die Bisswunden zu beklagen hatten.

Zum Schmunzeln ist den Basler Lehrern aber nicht mehr zumute. Auf den Pausenplätzen und in den Schulzimmern hat die Gewalt zugenommen. FSS-Präsident Jean-Michel Héritier ist alarmiert. «Dass Kinder unter zwei Jahren beissen, ist in der Entwicklungspsychologie bekannt. Wenn sie jedoch bis ins Primarschulalter beissen, dann hat das Kind wichtige Entwicklungsschritte nicht vollzogen», stellt der Pädagoge fest.

Wie im Horrorfilm

Die Ursprünge des Problems liegen in der Erziehung. Héritier beobachtet, dass die Kinder immer früher über Horrorfilmkenntnisse verfügten und dieses Wissen in die Realität umsetzten. Im jüngsten «Schulblatt», dem verbandseigenen Organ der Lehrer, zieht er den Vergleich mit Hannibal Lecter, dem Protagonisten aus «Schweigen der Lämmer», der seine Opfer jeweils zu Tode biss.

Ebenso erschreckt stellten viele Lehrer fest, dass 1.-Klässler oft bereits Zugang zu «Ballerspielen» hätten. «Wenn man hört, dass diese Schüler sich damit brüsten, wie viele Headshots sie erzielt haben, dann gibt das zu denken.»

Bei den Schulleitungen und Lehrern erkennt Héritier angesichts solcher Gewaltexzesse eine «nie da gewesene Hilflosigkeit». Sie bekommen den gesellschaftlichen Wertewandel und die Orientierungslosigkeit der Jungen am stärksten zu spüren. Besonders nach den langen Sommerferien müssten die Lehrer die Kinder zuerst wieder erziehen.

Erziehung sei etwas, das zu Hause oft auf der Strecke bleibe. Gleichzeitig sagt Héritier :«Die Unterschiede zwischen den Kindern werden immer grösser.» Auch das erschwere den Unterricht. Ebenfalls erschwerend wirke die Integrative Schulung.

In Basel-Stadt existieren keine Kleinklassen mehr. Immerhin hat der Regierungsrat auf Druck der Lehrerinnen und Lehrer hin beschlossen, wieder Einführungsklassen zu schaffen. Das ist dem FSS-Präsidenten nicht genug. Er fordert, dass Kinder aus ihrer Klasse genommen und vorübergehend in einer sogenannten Schulinsel unterrichtet werden können, falls sie den Unterricht massiv stören.

Diese Idee stammt aus Zürich, wo einige Primar- und Sekundarschulen solche Schulinseln eingeführt haben. Dort werden Störenfriede temporär ausserhalb ihrer Regelklasse unterrichtet. Die ersten Erfahrungen mit diesem Modell seien gut, sagt Christian Hugi, Präsident des Zürcher Lehrerverbands (ZLV). «Das Feedback der Lehrer ist, dass es zu einer Entspannung der Atmosphäre führt. Von einer Gemeinde habe ich sogar gehört, dass eine Umplatzierung eines Kindes in eine Sonderschule verhindert werden konnte.»

Einer der Vorteile sei, dass die Kinder oft nur vorübergehend eine Spezialbetreuung bräuchten. Sobald sie sich beruhigt haben, können sie wieder zurück zu ihren Klassenkameraden. Auch der ZLV fordert eine flächendeckende Einführung von Schulinseln.

Kanton prüft die Vorschläge

Zur Idee, Schulinseln einzuführen, äussert sich die Basler Erziehungsdepartement (ED) zurückhaltend. Es sieht offensichtlich keinen akuten Handlungsbedarf. ED-Sprecherin Valérie Rhein sagt: «Wir stellen keine Zunahme der Gewaltbereitschaft von Schülerinnen und Schülern fest.» Hingegen werde eine zunehmende Sensibilisierung für das Thema Gewalt beobachtet, sodass es häufiger im Fokus stehe als noch vor ein paar Jahren.

Die Vorschläge der FSS würden derzeit bearbeitet, sagt Rhein. Doch gegenüber den geforderten Auszeiten für Schüler zeigt sie sich skeptisch: «In Einzelfällen kann ein kurzfristiges, temporäres Time-out durchaus notwendig sein. Es ist jedoch nicht in jedem Fall die richtige Massnahme.»