32 Jahre nachdem das letzte umfassende Standardwerk über die Schweizer Geschichte erschienen ist, liegt nun ein neues vor: «Die Geschichte der Schweiz» heisst es schlicht und einfach und wurde vom Basler Historiker Georg Kreis im Schwabe Verlag herausgegeben.

Von den Anfängen der menschlichen Aktivitäten auf dem Gebiet der heutigen Schweiz bis zu aktuellsten Themen erklären die Autorinnen und Autoren, was sich in unserem Land getan hat.

Der Blickwinkel ändert sich

Dass es «nur» drei Jahrzehnte nach dem Erscheinen des bisherigen Standardwerks «Die Geschichte der Schweiz und der Schweizer» bereits wieder an der Zeit war, ein neues Übersichtswerk zu publizieren, liegt weniger an der Geschichte, sondern an der Geschichtsschreibung. Zum einen ist in den letzten 30 Jahren intensiv geforscht worden. Ganze Abschnitte der Schweizer Geschichte präsentieren sich heute anders als noch 1982.

Beispielsweise ist die gesamte Aufarbeitung der Geschichte der Schweiz im Zweiten Weltkrieg im Rahmen des Bergier-Berichtes nun eingeflossen. Der Forschungsstand hat sich in diesem, aber längst nicht nur in diesem Bereich enorm verändert und entwickelt.

Andererseits interessieren sich die Historiker mittlerweile auch für völlig neue Themenfelder. Dass die «Geschichte der Schweiz und der Schweizer» sogenannt wurde, zeigt es deutlich: Der gesamte Gender-Ansatz, die Frage nach der Rolle der Frau in der Geschichte, stellte sich damals noch nicht. Dieser Ansatz wird im neuen Werk nun sehr stark betont. Auch andere sozialgeschichtliche Ideen fliessen viel stärker ein, wobei aber die Ereignisgeschichte und die Wirtschaftsgeschichte nicht zu kurz kommen.

Vom Sinn nationaler Geschichten

Fundamentaler ist wohl die Frage, wie viel Sinn eine «nationale» Geschichtsschreibung überhaupt noch macht. Angesichts des enormen Zeitraums von gut 120 000 Jahren, in dem sich Menschen auf dem heutigen Staatsgebiet der Schweiz aufgehalten haben, sind die 723 Jahre, in denen es die Eidgenossenschaft nach offizieller Lesart gibt, nicht mehr als ein Wimpernschlag.

Und doch befassen sich auch im neusten Werk zur Schweizer Geschichte 500 der 630 Seiten mit der Zeit seit den Anfängen der «Schweiz». Und auch hier gibt es einige Ansätze, die so noch nie zusammengefasst präsentiert wurden. Darin liegt überhaupt die Stärke des Bandes: in der Zusammenstellung der Texte der verschiedenen Autoren. Georg Kreis gelingt es, die Texte so zu belassen, dass die Persönlichkeit jedes einzelnen Autoren klar zum Vorschein kommt, aber doch nicht der Eindruck einer losen Sammlung von Aufsätzen entsteht. Das liegt unter anderem auch an der Gestaltung des Bandes: Zwischen die elf Haupttexte, die ganze Epochen beleuchten, sind immer wieder kürzere Texte geschaltet, die Schlaglichter auf einzelne Aspekte werfen.

Die «Geschichte der Schweiz» schafft so Übersicht über grosse Entwicklungsstränge, ohne die kleinen, anekdotischen Aspekte der Geschichte zu vernachlässigen.