Im Café: «Die Tanten haben hier das Sagen. Es gibt die schmuddligen Tanten und es gibt die gepflegten Tanten, ich meine die gepflegten. Die hassen alles Schmuddlige, sie haben die anderen vertrieben und sitzen jetzt überall an diesen neuen Tischchen, alles wie sie selbst von gepflegtester Hässlichkeit. Immer mehr solcher Tanten gibt’s, vermehren sich auf geschlechtslose Weise. (...) Ihr Geschäft ist die Fermentierung des allgemeinen Zerfalls, für anderes ist weder Kraft noch Überzeugung da.»

Das hat Peter Liechti geschrieben, schon 1988. Als Filmemacher hat er sich seither einen Namen gemacht mit seinen eigenwilligen, starken Werken. «Ich halte ihn aktuell für den bedeutendsten, aufregendsten Filmemacher der Schweiz», sagt Nicole Reinhard, Direktorin des Stadtkinos Basel. Weit weniger bekannt ist: Peter Liechti hat neben dem Filmen stets auch geschrieben. «Das war für ihn wie das tägliche Brot», erzählt seine Witwe Jolanda Gsponer: «Er hat gesagt, er müsse schreiben, um seine Denkelastizität zu behalten.»

Bevor Peter Liechti an Krebs erkrankte, habe er geplant, sich fürs Schreiben demnächst eine halbjährige Auszeit zu nehmen. «Als er jedoch wusste, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleibt, hat er sich für den Film entschieden», erzählt Gsponer. Doch im Grunde gingen bei ihm auch im Film «Wort, Bild, Musik und Ton auf eine einzigartige Weise Hand in Hand».

Lustig, traurig und nachdenklich

Hand in Hand gehen heute das Literaturhaus und das Stadtkino Basel. Im gemeinsam organisierten Doppelabend soll Liechti für einmal auch als Schriftsteller gewürdigt und einem grösseren Publikum vorgestellt werden. Die Schauspielerin Nikola Weisse, die bereits in manchem Liechti-Film mitgewirkt hat, wird aus «Klartext» lesen – dem Buch zu Liechtis letztem Film «Vaters Garten» – sowie aus seinem Logbuch «Lauftext – ab 1985» – daraus stammt der obige Ausschnitt. Danach zeigt das Stadtkino «Das Summen der Insekten», einen sehr literarischen Film. Er basiert auf einer japanischen Novelle über einen Mann, der sich für den langsamen Hungertod im Wald entschieden hat. Bei diesem schweren Stoff bleibt Liechti nah am übersetzten Wort und ringt ihm zusätzlich Bilder, Töne und Musik ab.

Quelle:youtube.com/absolutMEDIENBerlin

«Das Summen der Insekten»

«Lauftext» versammelt Liechtis Essays und tagebuchartige Einträge von 1985 bis 2012. Rhythmisch, kräftig und lautmalerisch ist seine Sprache; lustig und streitlustig sind seine Texte – vor allem die frühen, bei denen man eines seiner grossen Vorbilder, Thomas Bernhard, heraushört. Böse, traurig, zweifelnd, zunehmend nachdenklich, kritisch und stets auch selbstkritisch sind sie. Dazwischen blitzen Beschreibungen glücklicher Momente auf. Seine Alltagsbeobachtungen lesen sich so genüsslich, dass man sie am liebsten alle hier zitieren würde. Weitere Passagen möchte man zitieren, weil sie klug sind, durchdacht, eigen.

«Er war sehr kritisch», sagt Jolanda Gsponer, «aber er war nie überheblich, nie zynisch. Er bricht seinen Pessimismus immer wieder mit seinem Witz; wenn er ausschlägt, so ist er immer gleichzeitig selbstironisch. Seine Liebe galt vor allem den kleinen Menschen und den unbeachteten Schönheiten im Leben.»

«Für mich sind die Texte faszinierend, weil sie sehr sinnlich sind», schreibt Katrin Eckert, Intendantin des Literaturhauses Basel, in ihrer Begrüssungsrede: «Der Augenmensch Peter Liechti, der in Bildern dachte, hat auch eine sehr bildhafte Sprache. In der Abfolge der Texte springt er oft von einer Situation in die nächste, von einem Gemütszustand in den anderen, und er kann jeweils mit wenigen Strichen die Situation, die Stimmung, die Atmosphäre einfangen und vermitteln.»

«Peter, wir haben Dich sehr gern», sagte Nicole Reinhard vor rund 15 Monaten in einer herzlichen Offenheit, die selten ist an offiziellen Kulturanlässen. Das war bei der Premiere zu «Vaters Garten» am Filmfestival Bildrausch, bei dessen Erstausgabe 2011 Liechti als Juror engagiert gewesen war.

Im April ist Peter Liechti im Alter von 63 Jahren gestorben. Sein letztes Filmprojekt «Dedications» konnte er nicht mehr zu Ende bringen. Noch ist unsicher, ob dies vielleicht ein anderer Regisseur tun könnte. Ziemlich sicher ist jedoch, das tönt Jolanda Gsponer an, dass sämtliche dazu bereits entstandenen Texte Liechtis in Buchform erscheinen werden. Es gehe um den Tod – und das Leben.

Der heutige Peter-Liechti-Abend: 19 Uhr Lesung mit Nicola Weisse und Kurzfilm im Literaturhaus Basel; 20.30 Uhr Apéro im Stadtkino Basel; 21 Uhr: Filmvorführung von «Das Summen der Insekten».