Es war eine Demonstration intelligenter Programmgestaltung: Drei wenig gespielte unter den 32 Sonaten, plus «Waldstein», ein Monument im Oeuvre von Beethoven. Zum Eingang die Es-Dur-Sonate op.27 Nr. 1, die – wie ihre berühmtere Schwester, die «Mondscheinsonate» – vom Geist des Improvisatorischen lebt.

Beethoven gönnt uns dabei einen Blick in einen herrschaftlichen Salon oder in einen besonders inspirierten Moment ganz allein an seinem Klavier. Denn das geht manchmal ein bisschen vergessen in der heutigen Zeit, in der Autographe und Partituren fast wie Heiligtümer behandelt werden: Beethoven war ein genialer Improvisator, zu seiner Zeit entstand Klaviermusik oft noch aus dem Stegreif.

So spielt sie auch Daniel Barenboim: frei fliessend, fast wie aus dem Metrum gefallen, immer wieder stockend, unerwartet beschleunigend, variantenreich. Gleich das erste zentrale Motiv, eine aufsteigende Skala mit einem Akzent auf dem letzten Ton, das sehr oft wiederkehrt, klang kein einziges Mal gleich wie davor: Mal mehr Ritardando, der Akzent ganz unterschiedlich in der Gewichtung, die kleine Pause davor kaum spürbar – oder auch irritierend gedehnt. Und immer wieder: Leise, sanfter, noch leiser, noch sanfter – wirklich meisterhaft, wie Daniel Barenboim mit den Anschlagsnuancen umzugehen versteht.

Charisma in den musikalischen Details

Es gibt Magier des Klaviers, es gibt charmante Salonlöwen, es gibt charismatische Showstars und martialische Tastendonnerer. Barenboim ist nichts davon. Sein Charisma versteckt sich in den musikalischen Details, seine Magie äussert sich in der Nuancierung seines Anschlags.

Barenboim ist ein intellektueller Pianist. Und ein Aufklärer. Nicht nur weil er unermüdlich als kulturpolitischer Botschafter für Versöhnung zwischen Israel und Palästina unterwegs ist (verdienstvoll genug), nicht weil er um seine humanistische Gesinnung je auch nur den Hauch eines Zweifels gelassen hätte. So tickt sein Geist, und so tickt er auch als Musiker: Das Lichte, Luzide, Klare und Reflektierte sind der Kern seiner Botschaften. So spielt er Beethoven.

Dennoch hatte sein Spiel nie den Hauch des Demonstrativen oder des Extremen, schon gar nicht in der «Waldstein»-Sonate: Auch sie oft sehr leise und verinnerlicht, sehr vielseitig in der Gestaltung der oft wiederkehrenden Motive, aber kontrastierend stark auch in den Momenten, in denen diese 76-jährigen Hände überraschend kraftvolle Wucht entwickeln oder zu unwiderstehlich perlenden Koloraturen ansetzen.

Am Ende: Keine Zugabe, dafür war dem Maestro die Standing Ovation dann wohl doch zu wenig spontan.