Als Schweizer Autor kann man kaum einen Roman über Identitätssuche schreiben, ohne sich in der einen oder anderen Weise auf Max Frischs «Stiller» zu beziehen». Pierre Chiquet macht dies in seinem neusten Buch «Am Bahndamm» recht explizit: «Gestern war eine Dame da, die behauptet hat, sie sei meine Frau», lässt Chiquet seinen Erzähler Paul im Krankenhaus berichten.

Die Gründe, die eigene Frau nicht zu erkennen, sind andere als bei «Stiller», die Themen aber ähnlich: Es geht um Schuld, um Feigheit und um die Frage, wer man ist und hätte sein können. Anders als «Stillers» bissige Beschreibung der Stadt Zürich kommt Pauls Blick auf die Stadt Basel einer Hommage gleich.

Im ersten Teil des Romans sieht er sie allerdings bloss durch die Dreifachverglasung des Basler Universitätsspitals. Ausgelöst durch eine Schlägerei hat es ihm die Sprache verschlagen. Er zeigt kein Interesse mehr an seiner Ehefrau und dem Leben in der Gegenwart, beschäftigt sich aber obsessiv mit seiner Kindheit und einer Person, die ihn nicht mehr loslässt: Jossi Winkler. Der Junge mit den schwarzen langen Haaren zog Paul abwechselnd an und stiess ihn ab. In einem Zweikampf am Bahndamm gerieten sie aneinander.

Geschickt entwickelt Chiquet eine retrospektive «New boy in town»-Geschichte, die er mit kuriosen Arztvisiten von Dr. Spinnler und Tagebucheinträgen mischt. Inhaltlich setzt er auf feine Beobachtungen, sprachlich auf unzählige Vergleiche. Irgendwann steht Paul aus dem Rollstuhl einfach auf und macht sich auf die Suche nach Spuren von Jossi Winkler.

Die Recherche führt ihn in die 80er-Jahre, ins Herz der damaligen Bewegung, die Stadtgärtnerei im St. Johann-Quartier, Gartenstadt genannt. Hier sollten sich die Wege der beiden nochmals kreuzen, in einer Weise, die Paul in einem wenig schmeichelhaften Licht zeigt. In Berichten dreier Menschen aus der Hausbesetzerszene zeichnet Chiquet ein Bild jener Zeit.

Das Ende der Bewegung

Paul und Jossi standen dabei eher am Rand der Bewegung. Paul erschien einigen Bewegten zu akademisch, zumindest den Frauen, denen er gerne gefallen hätte, redete er zu viel. («Sein Reden schabte unaufhörlich an meine Aura», sagt etwa Eva.)

Jossi wirkte geheimnisvoll und kannte sich aus mit leerstehenden Häusern. Bald konzentrieren sich die drei Berichte auf das Ende der Bewegung, die Gewalt «der Bullen», und wie aus einer Vision eine Parkanlage entstand.

Der Einblick, den man in die subjektive Wahrnehmung der Bewegung hält, macht so neugierig, dass dieser zweite Teil des Romans fast etwas kurz erscheint. Gerne hätte man noch etwas mehr erfahren. Etwa über das Leben einer Eva, die in ihrem mit hellgrüner Seide tapezierten Zimmer in der Voltastrasse «Poeten» beherbergte. Oder über Jossis Kunstperformances, für die er Tonnen von Käfern sammelte und daraus einen schwarzen Naturteppich kreierte.

Identitätsthematik

Eindeutig weniger hätte man sich hingegen gewünscht von den pauschalen Phrasen zur Identitätsthematik, sie sind in ihrer Wiederholung nicht nur redundant, sondern auch auf banale Art pathetisch: «Ich wurde nicht, was ich hätte sein können, keiner wird das.» Oder: «Du hattest einen Weg vor dir, so wie alle einen Weg vor sich haben, und oft kommt man an eine Abzweigung, wo man sich entscheiden muss.»

Tatsächlich ist es nicht die Identitätsthematik, die den Roman «Am Bahndamm» ausmacht. Was ihn auszeichnet, findet sich auf den Nebengeleisen der Erzählung. Etwa in der Gestaltung der Figur des lustigen Dr. Spinnler oder in einer reizenden Szene, in der eine Mutter die Angriffe auf die selbst gebastelten Papier-Vögel-Voliere ihres Jungens abwehrt.