Nach zweitägigem Abstimmungsmarathon war die Abendsitzung im Oktober 2017 für rund ein Dutzend Parlamentarier dann doch zu viel des Guten. In bierseliger Gemeinsamkeit begann die «Glas politique», sich im Vorzimmer zum Grossratssaal die Politik schön zu trinken. Die Stimmung wurde besser und besser, der Lärmpegel höher und höher. Irgendwann aber war für Joël Thüring das Mass voll. In einem offiziellen Aufruf rief der damalige Ratspräsident die Festgemeinde zur Raison.

Es war ein «Tippfehler» der besonders ärgerlichen Art. Seit Jahren rufen Basels Bürgerliche nach Steuersenkungen – und sind damit immer wieder abgeblitzt. Selten war die Chance so gut wie im Oktober 2017, fehlten doch gleich mehrere Parlamentarier aus dem links-grünen Lager. Gescheitert war der Vorstoss für eine steuerliche Entlastung des unteren Mittelstands aber ausgerechnet wegen drei Liberalen. Unkonzentriert hatten sie auf den falschen Abstimmungsknopf gedrückt und damit rote Köpfe bei ihren bürgerlichen Kollegen ausgelöst. Die SVP schaffte es nicht, aus ihren Fehlern zu lernen. Gleich eine ganze Bankreihe brachte das Kunststück fertig, nach langer Debatte um den Westring mit der SP zu stimmen – zum Leidwesen der Bürgerlichen und Fraktionskollegen.

Einen Sturm der Entrüstung hatte Grossratspräsident Remo Gallacchi Ende November 2018 ausgelöst. Weil Lea Steinle ihren damals zweieinhalb Monate alten Sohn für eine Abstimmung mit in den Ratssaal genommen hatte, verwies er die Grüne kurzerhand des Saals. «Wir Parlamentarier sind hier im Saal grundsätzlich unter uns.» Eigentlich war Gallacchi im Recht: Steinle hätte sich vorher bei ihm melden müssen. Das fehlende Fingerspitzengefühl aber wurde dem CVP-Familienpolitiker noch wochenlang um die Ohren geschlagen. «Babygate» war geboren.

Der grösste Feind im Parlamentsgebäude ist jeweils nicht das gegenüberliegende Politlager. Vielmehr kämpfen die Basler Grossräte mit den Tücken der Technik. Einmal schreckte die Alarmanlage friedlich dösende Grossräte auf. Immer wieder stieg zudem das Abstimm-System aus, mehrere Parlamentarier beschwerten sich, ihre Stimme hätte nicht gezählt – und dabei handelte es sich nicht etwa um SVPler, welche die Losung verpasst hatten. Just einen Tag nach der grossen Debatte um E-Voting kams dann zum Blackout. Kann das Zufall sein?

Der richtige Zeitpunkt für eine Diskussion ist in der Politik ohnehin alles. Denn bei derart knappen Mehrheitsverhältnissen kann selbst die aktuelle Tageszeit darüber entscheiden, ob ein Geschäft angenommen oder versenkt wird. Das ergab eine Analyse der bz im November 2017. Fällt eine Abstimmung in den Bereich kurz vor 12 Uhr, sind die Linken im Vorteil: Einige Bürgerliche pflegen sich jeweils vorzeitig in die Mittagspause zu verabschieden. SP und Grüne ziehen hingegen den Kürzeren, wenn sich die Grossratsdebatte auf den Abend ausdehnt: Dann sinkt ihre Sitzungsdisziplin rapide, und die Wahrscheinlichkeit bürgerlicher Siege steigt. Oder waren sie nur auf ein Gläschen im Vorzimmer?

Politik muss jedenfalls unheimlich Durst machen. Denn nicht zum ersten Mal wurde in dieser Legislaturhälfte der Versuch gestartet, ein eigentliches Rothuusbeizli einrichten zu lassen. Das bereits bestehende Café mit Kaffee, Tee oder Gipfeli scheint den Ansprüchen nicht zu genügen. Selbst verschiedenste Regierungsmitglieder haben sich wiederholt dafür ausgesprochen. Sie alle wollten dem Argument keinen Glauben schenken, die im Rathaus arbeitenden Beamten könnten sich gestört fühlen. Warum wohl?

Ja, die Arbeit im Rat scheint da schon deutlich anstrengender zu sein. Niemand weiss das besser als Daniel Goepfert, ehemaliger SP-Grossrat. Kurz nach den Wahlen 2015 hat er sich die Sache nochmals überlegt. Er trat noch vor Beginn der Legislatur zurück. Ähnlich flexibel mit dem Wählerwillen gingen die beiden Grossräte Ugur Camlibel und Martina Bernasconi um. Letztere war so enttäuscht vom Abschneiden ihrer Partei, dass sie gleich von der GLP zur FDP überlief. So konnte sie auch ihre Kommissionsmandate behalten. Camlibel hielt nach erfolgreicher Wiederwahl ebenfalls nichts in seiner Partei. Er hopste zur SP. Die kannte er bereits bestens: Zehn Jahre zuvor hat er schon mal dort politisiert. Das ist aber alles noch nichts gegen den politischen Wiedergänger Felix Meier. Einst Nachrückender in der FDP, lief er später zur SVP über. Inzwischen ist er für Helen Schai in der CVP nachgerückt.

Einen Anzug oder eine Interpellation hat Meier bislang noch nicht eingereicht. Dabei müsste er sich nicht genieren. Sagen wir’s mal so: Die Themenvielfalt der Vorstösse ist sehr gross. Hier – wahllos sortiert – ein paar fromme Wünsche, die uns aus den vergangenen beiden Jahren geblieben sind: 3 D-Fussgängerstreifen, Fan-Ecke auf dem Hörnli, öffentliche Velopumpen, Benimmkurse für Regierungsräte, regionale Christbaumförderung, mehr Transparenz im Beflaggungskonzept für die Mittlere Brücke und eine Befreiungsaktion für das Käppelijoch
von den Liebesschlössern.