Schon wieder diese verflixte 13. Joël Gernet kann es kaum glauben. Ist es Unglück im Glück, was Brandhärd erleben?

Das Unglück: Soeben ist ihr neues Album in die Hitparade eingestiegen. Auf Platz 13. So wie schon vor 13 Jahren (!), als Brandhärd ihr erstes Album «Zeiche setze» rausbrachten. Joël Gernet alias Rapper Fetch macht keinen Hehl daraus, dass er mit seinem Ehrgeiz nach Höherem strebt. Damals wie heute. Das Feuer, es ist nicht erloschen.

Das Glück: Brandhärd, vor 20 Jahren in Allschwil gegründet, existieren noch. Nicht als verblasstes Mahnmal an einer Graffitiwand, nein, sie brennen im Proberaum, im Studio und auf der Bühne. Dass dieses Trio, bestehend aus Rapper Fetch, Produzent Fierce und DJ Johny Holiday noch zusammen, noch im Gespräch ist, allein das verdient Respekt. Dieses Alter haben die wenigsten Hip-Hop-Crews in der Schweiz erreicht. Das spricht für Beständigkeit.

Und für ihren Drang, weiterzumachen, auch wenn sich die Lebensumstände geändert haben. Die Schüler von einst sind arbeitsame Familienmenschen geworden. Das erklärt auch, warum sie jetzt erst «1997» veröffentlichen, ihr Album zum 20-Jahr-Jubiläum.

«Pure Verpeiltheit», gibt Fetch zu. Und Johny Holiday ergänzt: «Wir schafften es immerhin, das Album im Jubiläumsjahr aufzunehmen. Für den Rest aber reichte die Zeit nicht.»

Wie ein guter Wein

«1997», der Name lässt es erahnen, ist ein Rückblick. Eine Sammlung vertrauter Brandhärd-Nummern, mit denen die Gruppe so manches Basler Festival durchgeschüttelt hat: Da ist zum Beispiel «Noochbrand», der Track, der als Türöffner diente. Damit verschaffte sich das Trio vor 15 Jahren Zugang zur ganzen Deutschschweiz.

Damals gab es noch das einflussreiche Musikfernsehen, Brandhärd waren auf Dauerrotation, Clip und Song machten sie berühmt, sie spielten an allen grossen Schweizer Open Airs. Eigentlich hätten sie gleich nachlegen müssen, mit einem ganzen Album. «Aber wir waren noch nicht in der Lage dazu», sagt Fierce freimütig, «uns fehlte das Können.» Die Mechanismen des Marktes waren ihnen noch fremd, neu war auch die Erfahrung, wie man ein Album produziert. Sie mussten sich das Wissen zuerst aneignen. «Studenten ohne Masterplan», reflektierte Fetch später diese Phase des Durchbruchs. Monate verstrichen.

Kamen sie deshalb mit «Zeiche setze» 2005 nicht über Platz 13 in den Schweizer Charts hinaus? «Vielleicht haben wir das Momentum ein bisschen verpasst», sagt Fetch heute. Enttäuscht? «Jein, ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass wir die Chartspitze mal noch erreichen können, auch wenn die gar nicht mehr dieselbe Bedeutung hat wie früher. Und sowieso: Eine tolle Tournee und treue Fans sind tausendmal wichtiger für uns.»

So sind sie eben, Brandhärd: Ehrliche Kerle, keine Poser, die etwas nachstellen wollen. Und auch weniger dogmatisch als früher. Vor 15 Jahren wäre es noch undenkbar gewesen, dass elektronische Einflüsse oder eine E-Gitarre ihr Klangbild mitprägen. «Mi Wältbild isch Wy, es muess ryffe», rappt Fetch im neuen Song «Mit links».

Diese Reife ist eine Qualität, sie erklärt auch, weshalb sich Brandhärd so lange gehalten haben. Sie haben eine eigene Stimme, bleiben sich treu und fordern sich dennoch heraus, um der Stagnation zu entgehen. Das neue Album «1997» ist zwar eine Best-of-Sammlung, alter Wein in neuen Schläuchen. Aber eingespielt mit Livemusikern, die sie seit fünf Jahren auf der Bühne begleiten. Neuerdings hat diese Band auch einen eigenen Namen: The Fire.

Diese sorgte für neuen Drive im Studio. Der war wichtig, denn «mit manchen Songs hatte ich mich auseinandergelebt, jetzt bin ich wieder frisch verliebt in sie», bekennt Fetch. Und Fierce ergänzt, dass Rapsongs ja aus Samples zusammengestückelt seien. «Indem sie nun von einer Band gespielt werden, klingt all das aus einem Guss. Dieser Transfer hat uns gereizt.»

Transfer. Auch ein gutes Stichwort. Denn Transfer erinnert an Fussball. Und mit Fussball bringt man Brandhärd gerne in Verbindung. Es begann 2010 mit einer Ode an Alex Frei und den FCB. Rapkollege Abart gab den Ankick, Brandhärd übernahmen den Steilpass, «Freinacht» wurde ein Volltreffer, ein Youtube-Hit. Er führte dazu, dass eines Tages ein Couvert bei ihnen landete. Absender war Bernhard Heusler. Der FCB-Präsident bedankte sich auf offiziellem Vereinspapier für den Song. Die Jungs rieben sich die Augen.

Die Tradition der Meistersongs

Als der FCB erneut Meister wurde, schoben Brandhärd im grösseren Verbund (als Triple Nine) mit befreundeten Rappern wie Zitral einen Meistersong nach. Eine Tradition wurde entfacht wie Petarden, jedes Jahr schrieben sie in Nacht- und Nebelaktionen eine neue Meisterhymne. Aus Basel, für Basel.

Mit dem Abschied von Marco Streller setzten auch sie einen Schlusspunkt. «Wir wollten es nicht ewig ausschlachten, obschon es uns natürlich elektrisierte, wie jeweils innert Minuten Tausende Youtube-Views registriert wurden», sagen sie heute.

Die Meistersongs würden heute noch verlangt an Konzerten. Sie spielen sie aber nicht. Weil sie diesen Aspekt nicht kommerzialisieren möchten? «Nein, aus Faulheit, ich müsste sonst all die Texte wieder auswendig lernen», sagt Fetch und lacht.

Die Fussball-Connection, sie passt auch zu einer früheren Aussage von Brandhärd: «Wir wollen die Züri West des Hip-Hop werden.» Und jetzt? «Werden es Lo und Leduc.» Wieder Gelächter. Ernsthafter dann die Aussage: «Unsere Formkurve zeigt steil nach oben.» Von Abschied also noch keine Spur.

Alex Frei übrigens trug die Rückennummer 13. Vielleicht ist es ja doch eine Glückszahl.