Für das grosse Finale des Abends durchschneidet der 17-jährige Zirkusdirektor Florian das breite rote Band mit einer gigantischen Pappschere. Das neue «Stärnlizält» des Quartier Circus Bruderholz ist somit offiziell eröffnet. Es ist die erste Saison im neuen Zelt. Das diesjährige Motto lautet deshalb: «Stärnlizält, Zügelwält». Zu Beginn stürmen mehrere dutzend Kinder bepackt mit Zügelkisten die Bühne. Das neue Zelt bringt Veränderungen und Verbesserungen mit sich. Die Bühne ist rund, darüber hängt ein absenkbarer Balken, an dem Vertikaltücher, Trapeze oder Ringe befestigt werden können. Die offensichtlichste Veränderung ist aber das Verschwinden der Masten. Bisher schränkten sie die Sicht auf die Bühne von fast jedem Platz aus ein. Damit ist nun Schluss. Rechts und links der Bühne steht noch je ein grosser Mast. Die Sicht ist frei.

Was die Artisten des QCB dem Publikum in dem neuen Zelt bieten, ist eine herzerwärmende Show voller Können und Freude. Hier ist nicht alles perfekt aber alles echt. «Wir machen Zirkus von Kindern für Kinder. Das heisst beispielsweise die jüngeren Artisten lernen von den älteren und nicht von externen Trainern», sagt die artistische Leiterin Tabea, sie selbst ist erst 18 Jahre alt.

Dieses Konzept überzeugt nun schon seit 40 Jahren. Auch die Administration übernehmen die Kinder selbst. Zirkusdirektor Florian hat sein Amt bereits fünf Jahre inne. Angefangen hat er damit also mit zwölf Jahren. Seine Aufgaben sind unter anderem den Jugendzirkus gegen aussen zu vertreten und externe Auftritte zu organisieren. «Als Zwölfjähriger wird man dabei von den Erwachsenen ab und zu nicht so ernst genommen, wie man es sich wünschen würde. Aber ich habe durch diese Aufgaben in den letzten Jahren viel gelernt und jetzt funktioniert es viel besser», erzählt Florian. Tabea ist für das Erstellen der Trainingspläne und die Koordination der Saisonplanung verantwortlich. Ausserdem ist sie Leiterin der Programmgestaltung, entscheidet also mit ihrer Projektgruppe über die Reihenfolge der Nummern und ist zuständig für die Umbauten und Requisiten.

Innovation trotz Tradition

Die erlernte Verantwortung und Eigenständigkeit spiegelt sich in den Darbietungen auf der Bühne. Jeder kennt seine eigenen Bewegungen genauso gut wie die Hilfestellungen für die Kollegen. Auch wenn eine Nummer mal nicht ganz so klappt wie geplant, wissen sich alle zu helfen. Die Jugendlichen schätzen es sehr, von ihren älteren Kollegen lernen zu können und nicht von erfahrenen Erwachsenen wie in der Schule. «Es macht einfach mehr Spass, wenn man beim Lernen und Üben auch mal miteinander scherzen und reden kann», sagt der 14-jährige Flo.

Er hat dieses Jahr seine siebte Saison und versucht das Beste aus sich rauszuholen und Neues zu lernen. Nicola ist 10 Jahre alt und der jüngere Bruder von Flo. Er ist praktisch im Zirkuszelt aufgewachsen: «Ich habe eigentlich schon zugeschaut, als ich noch bei meiner Mama im Bauch war», erzählt er strahlend. Dieses Jahr hat er den Salto gelernt und beim Mini Tramp und Diabolo mitgemacht.

Auch wenn das Wissen und Können traditionell immer intern weitergegeben wird, legen die Jugendlichen viel Wert auf Innovation. «Wir schauen bei der Programmplanung auf bis zu sieben Jahre zurück, um uns nicht zu wiederholen. Schliesslich wollen wir, dass unsere Zuschauer jedes Jahr für neue Tricks klatschen können», sagt Tabea.