Also doch. Der Basler SVP-Grossrat Alexander Gröflin und der Riehener Blogger Martin Widmer, der wegen seinen Posts schon vor Gericht stand, waren befreundet. Der Politiker und der laut «Tageswoche» «grösste Internet-Hetzer der Schweiz» kennen sich seit Jahren.

Bisher hat Gröflin in seinen öffentlichen Statements zur Causa Widmer eine einseitige Bekanntschaft skizziert. Der Jungpolitiker sagte im März zur «Tageswoche»: «Es begann mit einer Reihe von Telefonanrufen.» Widmer habe ihn überreden wollen, politische Vorstösse im Grossen Rat einzureichen. Zudem habe ihm Widmer mehrmals nachgestellt. Gar den Rat eines befreundeten Polizisten habe er deswegen gesucht, gibt Gröflin zu Protokoll.

Aber: Der 33-Jährige lässt gegenüber der Zeitung nicht nur seine Freundschaft mit Widmer unerwähnt. Er will sich auch nicht mehr daran erinnern, dass er früher mit dem Blogger zusammenarbeitete. Die beiden heckten, zumindest zeitweise, zusammen politische Projekte aus.

«Mit der Ehrlichkeit ein Grundsatzproblem.»

Widmer konterte Gröflins Aussage auf seinem Blog. In «Der rechte Blick» publizierte er ein Interview mit sich selbst. Er schreibt über Gröflin: «Es scheint, als habe er mit der Ehrlichkeit ein Grundsatzproblem.» Gröflin habe einen Imagewechsel durchlaufen – «vom ehemaligen SVP-Hardliner im Anzug zum neuen Afrika helfenden Gutmenschen im Anzug». Da passe es nicht mehr, «öffentlich mit einem rechtspopulistischen Haudegen in Verbindung gebracht zu werden».

Die bz bat Widmer, seine Aussagen zu belegen. Er lud die bz in seine Villa nach Riehen ein. Eine grosse Zahl an E-Mails zeugt von einer langen Bekanntschaft zwischen Widmer und Gröflin. Widmer legt auch Belege für Kontakte zu anderen SVP-Exponenten vor.

Der erste Kontakt zwischen Widmer und Gröflin kam laut den Unterlagen Ende 2010 zustande. Bald wechseln die beiden zum Du. Im Februar 2011 bietet der damalige Präsident der Jungen SVP Basel-Stadt den späteren Internet-Hetzer zur Betreuung des Parteistandes an der Muba auf. Wenige Monate später fragt Gröflin Widmer, ob er ihn an der Delegiertenversammlung der SVP Schweiz vertreten könne.

Gemeinsame Geburtstagsfeier

Aus den E-Mails lässt sich schliessen: Gröflin vertraut Widmer. Es ist von gemeinsamem Tennisspiel die Rede und von einem geplanten «Schlummertrunk». Der Kontakt bricht auch nicht ab, als Gröflin 2012 in London studiert.

Im Mai 2015 feiert Gröflin seinen 30. Geburtstag. Am Fest dabei sind Martin Widmer, der heutige Präsident der Basler SVP Lorenz Nägelin und der SVP-Grossrat Pascal Messerli.
Wenige Monate später beginnt Martin Widmer mit seinen Hetzkampagnen im Internet.

Er diffamiert politische Gegner der SVP oder auch SVPler, die seiner Meinung nach nicht die richtige Politik machen. Die «richtige Politik» bedeutet für Widmer, sich in einen strammen Rechtsmarsch einzureihen. Dafür findet er deutliche, auch vulgäre Worte: Seine Posts sind oft fremdenfeindlich, sexistisch und beleidigend. Er verschickt seine Beiträge an Politikerinnen und Medienschaffende, schreibt über «Lügenpresse, Sozialindustrie, Scheinflüchtlinge, Möchtegerninvalide». Sein erklärtes Ziel: die SVP stärken.

Widmer als Dreckschleuder?

Die Partei hält sich lange mit Distanzierungen zurück. Im Dezember 2015 gerät unerwartet der damalige Basler Juso-Präsident Beda Baumgartner ins Visier Widmers. Er verwendet für seine Diffamierungen Details aus Baumgartners Privatleben. Erst wenige Tage zuvor hatte Pascal Messerli, damals Präsident der jungen Basler SVP, Baumgartner wissen lassen, dass er über dieselben Details informiert sei. Nur ein Zufall?

Im März machte die «Tageswoche» publik, dass Martin Widmer tatsächlich so heisst. Zuvor hatte er Natalie Rickli als «olle Tante» betitelt. Man solle die Zürcher SVP-Nationalrätin aus der Partei werfen, «dass sie sich nach ihrem Burnout zurücksehnt».

Im Juni brachte Jolanda Spiess-Hegglin Widmer in Basel vor Gericht. In einem Blog-Beitrag sah sich die frühere Zuger Kantonsrätin diffamiert. Es kommt zu einem Vergleich. Der Artikel verschwindet aus dem Netz.

Kollektive Gesichts-Amnesie

Plötzlich sah sich die SVP Basel-Stadt mit der Frage konfrontiert, in welchem Verhältnis sie zum mitteilungsbedürftigen Blogger steht. Die Partei machte es sich einfach: Sie liess in der «BaZ» verlauten, Widmer sei kein Mitglied der Kantonalpartei.

Richtig ist: Widmer ist kein Mitglied mehr. Ausgerechnet Alexander Gröflin hatte ihn 2010 in die Partei geholt. Später wird Widmer aus der Mitgliederliste gelöscht – er sagt, wegen nicht bezahlter Beiträge.

Seltsam mutet an: Lorenz Nägelin und Grossrat Joël Thüring geben auf Anfrage der bz an, der Name Martin Widmer sage ihnen zwar etwas, ein Gesicht hätten sie aber nicht vor Augen.

Gröflin bleibt bei seinen Aussagen

Alexander Gröflin sagt auf Anfrage, die Aussagen im «Tageswoche»-Artikel seien weiterhin gültig. Mehr wolle er zu der Angelegenheit nicht sagen. Im Gegensatz zu Widmer möchte er seine Aussagen über den Kontakt mit Widmer nicht belegen.

Eine vertrauenswürdige Quelle aus den Reihen der Basler SVP bestätigt der bz jedoch: Widmer und Gröflin kannten sich sehr wohl. Der Kontakt gehe auf Anfang der 2010er-Jahre zurück.