Auf dem Papier wird dieses Wochenende über die Steuervorlage 17 abgestimmt. Eine technische Vorlage ohne Glamour oder echte Gegner. Aber die eigentliche Geschichte ist eine ganz andere: der Anfang vom Ende der Ära Herzog. Die 57-jährige Sozialdemokratin ist die prägende Figur der Basler Politik des letzten Jahrzehnts – weit über schwarze Zahlen, Pensionskassenreformen und AAA-Ratings hinaus. Bei der Bevölkerung beliebt, bei Genossen berühmt-berüchtigt, bei Gegnern gefürchtet. Ihr Abgang wird ein Machtvakuum in der Basler Politik hinterlassen.

Die Steuervorlage 17 ist der Abschluss von jahrelanger Vorarbeit. Ein finanzpolitischer Tanker – ihr letztes Grossprojekt, bevor sie für die SP als Nachfolgerin von Anita Fetz im Ständerat kandidiert. Im Mai steht noch die nationale Abstimmung über die Vorlage an. Herzog wird wieder dafür weibeln, aber anders als 2017 zusammen mit ihrer Partei. Gleichzeitig beugt sich der Nationalrat über die Überarbeitung des Finanzausgleichs, was Basel-Stadt als Geberkanton stark entlasten würde. «Wenn das alles klappt, sind zwei grosse Themen erledigt», sagt Herzog.

Also der ideale Zeitpunkt für den Abschluss eines alten und den Beginn eines neuen Kapitels? Mehr als ein vielsagendes Lächeln gibt es darauf nicht als Antwort. Aber man kann davon ausgehen, dass Herzog spätestens dann zurücktritt, wenn sie im Herbst wie geplant zur neuen Ständerätin gewählt wird. Und daran zweifelt momentan kaum jemand. Auch wenn die Bürgerlichen diese Woche mit LDP-Präsidentin Patricia von Falkenstein eine ernstzunehmende Konkurrentin präsentieren; die Finanzdirektorin wird bis weit in bürgerliche Kreise hinein geachtet und geschätzt.

Eine politische Blitzkarriere

Vor 15 Jahren tönte das noch anders. Mit der Wahl von Eva Herzog und Guy Morin begann die rotgrüne Zeitrechnung. Die Bürgerlichen malten Schreckensszenarien an die Wand. «Frau, SP und Historikerin war für gewisse Leute wohl ein bisschen viel auf einmal», erinnert sich Herzog. Wirkliche Chancen hatte sie sich nicht ausgerechnet. Auf dem linken Viererticket fungierten sie und Morin als Kampfkandidaten neben den Bisherigen. Herzog hatte nur kandidiert, weil viele gestandene Sozialdemokratinnen sich nicht verheizen lassen wollten. «Ich hatte nichts zu verlieren.» In einer parteiinternen Ausmarchung setzte sie sich gegen Sibylle Schürch durch.

Doch der Coup klappte. Nach gerade mal vier Jahren im Parlament hatte Herzog den Sprung in die Regierung geschafft. Schon im Grossen Rat hatte sie eine Blitzkarriere hingelegt. Bereits in ihrer ersten Legislatur übernahm sie das Präsidium der SP-Fraktion, als ihre Vorgängerin Silvia Schenker in den Nationalrat gewählt wurde. «Sie hatte zum entscheidenden Zeitpunkt den Mut zu kandidieren», erinnert sich diese.

Politisiert hatten Herzog die grossen Fragen: sozialer Ausgleich, Gleichberechtigung, Umweltschutz, die Ungerechtigkeit auf der Welt. Herzog arbeitete in Drittwelt-Läden mit, wollte «konkret etwas machen». Dieser Geist ist auch nach 14 Jahren Regierungsarbeit geblieben. «Ich finde das grossartig», bricht es aus ihr heraus, als das Gespräch auf die Klima-Demonstrationen der Schülerinnen und Schüler kommt. «Sie sollten auf keinen Fall damit aufhören. Es ist so wichtig, dass unsere Kinder der älteren Generation auf die Finger klopfen. So etwas lässt mich nicht unberührt.»

Schenker hatte Herzog beim Einstieg in die institutionelle Politik als «Gotte» begleitet. Die beiden sind auch heute noch befreundet. Zusammengeschweisst hat sie auch das Thema Gleichberechtigung. Immer wieder musste sich Herzog während ihrer Kandidatur anhören, wie sie als junge Mutter Regierungsamt und Familie unter einen Hut bringen wolle. «Das hat mich sehr genervt. Ueli Vischer, der auch junge Kinder hatte, wurde diese Frage nie gestellt.»

Als berufstätige Mutter kenne sie natürlich die Angst, nirgends zu genügen. Zumal ein Regierungsamt kein normaler Bürojob sei. «Das ist wie ein Tunnel, der dich verschluckt.» Bis dahin hatte sie zuhause eher die Fäden in der Hand gehabt. Das ging schlicht nicht mehr. Irgendwann habe ihr Partner dann gesagt: «Meinst du eigentlich, wir schaffen das nicht?» Ab diesem Moment sei es für sie gut gewesen. «Meinen Kindern gehts glänzend. Und nur so wird sich auch durchsetzen, dass das völlig normal ist.»

Direkt und ungefiltert

Die Kritik an der linken Historikerin in der vermeintlichen Männerdomäne Finanzen wich schnell dem Respekt vor der fleissigen Schafferin. Seither sind Gegner, die der dossierfesten Politikerin gewachsen sind, Mangelware. Die Finanzvorstösse der bürgerlichen Parteien in den letzten Jahren können unter dem Begriff Nadelstiche abgetan werden. Mehr als böse Blicke von der Regierungsbank gab es dafür kaum.

Die schwersten Niederlagen brockten ihr ausgerechnet die Genossen ein. Bei zwei grossen Steuerfragen musste Herzog gegen die eigene Partei antreten, beide Male verlor sie. Vor allem das Ringen um die Unternehmenssteuerreform III hat Spuren hinterlassen. Herzog sah darin eine technische Angelegenheit. Ihre Partei machte die Abstimmung aber zur ideologischen Grundsatzfrage und zur machtpolitischen Abrechnung mit der rechtsbürgerlichen Mehrheit im Bundesparlament. Unfreiwillig stand Herzog auf der falschen Seite.

Eine dritte Bewährungsprobe vor den Genossen bleibt ihr erspart. Der interne Konkurrent, SP-Nationalrat Beat Jans, hat seinen Anspruch für den Ständeratssitz aufgegeben. Offiziell weil er den Weg für eine weibliche Standesvertreterin frei machen will. Hinter den Kulissen hat auch die nationale Partei mächtig Druck für eine weibliche Kandidatin gemacht.

Auch Herzog hat schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt für ihre Person lobbyiert. Und als Gegnerin will sie auch in der eigenen Partei niemand haben. Für ihre direkte, ungefilterte Art ist sie berühmt-berüchtigt. Sie kann knallhart sein, belehrend, teilweise schon fast herrisch – vor allem, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlt.

Nach einem erfolglosen Versuch als Bundesratskandidatin und dem jahrelangen Warten auf den Abgang von Anita Fetz, soll es nun mit Bundesbern endlich klappen. Auch wenn Herzog noch nicht offiziell nominiert wurde, merkt sie, wie die mögliche Zukunft immer mehr an Präsenz gewinnt. «Ich freue mich sehr darauf, etwas Neues zu machen. Auf mich hat das den Effekt, dass ich meine jetzige Arbeit noch beschwingter mache.»