Herr Dürr, Sie sind der erste Regierungsrat in einem «Nähkästchen».

Wow, wie komme ich zu dieser Ehre?

Das ist reine Willkür.

«Willkür» ist aber nicht das Stichwort, das ich gezogen habe. Sondern «Neid».

Was fällt Ihnen dazu ein?

Das ist eine der sieben Todsünden.

Sie haben bestimmt Neider.

Davon gehe ich aus. Regierungsrat ist der spannendste Job auf regionaler Ebene, den es in der Politik gibt. Daher gibt es viele Leute, die diesen Job gern hätten.

Wodurch macht sich der Neid anderer für Sie bemerkbar?

Naja, Neid heisst ja nicht unbedingt Missgunst. Es ist auch möglich, neidisch auf etwas zu sein und dieses Etwas jenem Menschen, der es hat, gleichzeitig zu gönnen.

Das war keine Antwort auf die Frage.

Ich habe nicht das Gefühl, ständig von Neidern, die mir etwas missgönnen, umgeben zu sein.

Sie müssen immer mit negativen Schlagzeilen rechnen. Erst neulich hiess es zum Beispiel, die Waffen Ihrer Polizisten seien ungenügend. Ist ein Leben mit diesem Schlagzeilen-Damoklesschwert beneidenswert?

Unsere Polizeiwaffe funktioniert hervorragend, das nur so nebenbei. Natürlich machen solche Schlagzeilen meinen Job und vor allem die Arbeit unserer Leute manchmal schwierig. Auch wird vieles, was in einem Departement vorgeht, an dessen Vorsteher festgemacht. Dabei geht manchmal vergessen, dass das Justiz- und Sicherheitsdepartement mehrere Organisationen mit 2000 Mitarbeitenden vereint. Dass letztlich der Chef den Kopf hinhalten muss, ist richtig.

Als Regierungsrat muss man den politischen und medialen Pulverdampf nicht nur akzeptieren, sondern letztlich die Ambition und einen gewissen Spieltrieb entwickeln, darin bestehen zu können. Sonst ist man am falschen Ort.

Spieltrieb? Bei Ihrem Kollegen Hans-Peter Wessels, der als Baudirektor genauso exponiert ist wie Sie, könnte man sein lautes Lachen als Spieltrieb interpretieren. Was aber ist es bei Ihnen, Sie sind ja eher der ernste Typ?

Bin ich das? Gelassenheit ist wichtig. Über manche Schlagzeile muss man stehen können. Wenn jedoch etwas zu Recht kritisiert wird und wir einen Fehler eingestehen müssen, nehmen wir das ernst und versuchen, es in Zukunft besser zu machen. In solchen Fällen ist es auch wichtig, die Öffentlichkeit aufzuklären, weshalb wir etwas so und nicht anders machen.

Als junger Grossrat waren Sie dauerpräsent in den Medien. Wie hat sich das Verhältnis zwischen Politik und Medien verändert – konkret: Fühlen Sie sich noch gerecht behandelt?

Eigentlich sollte die Obrigkeit die freie Presse ja nicht kommentieren ... Dennoch: Die Fehlerakzeptanz hat abgenommen. Ganz generell in der Gesellschaft. Das führt dazu, dass die Verwaltung sich immer mehr darauf versteift, ja keine Fehler zu begehen. Keine Fehler zu machen ist aber noch keine Strategie.

Fällt Ihnen als Privatperson ein Beispiel ein, das die Verwaltung risikofreudiger angehen sollte?

Nun, alles, was ich hier sage, sage ich wohl als Regierungsrat und nicht als Privatperson – zumindest alles, was die Verwaltung betrifft …

Dann muss ich Ihnen eben eine Frage stellen, die Sie nur als Privatperson beantworten können. Da gäbe es einiges, schliesslich weiss man wenig über Sie.

Lustigerweise wird das immer wieder über mich gesagt. Was wollen Sie denn wissen?

Wohin gehen Sie in die Sommerferien und mit wem?

Ich war im Juli mit meiner Partnerin an der Ostsee und jetzt im August reise ich mit der ganzen Familie in die Berge.

Ganze Familie, also Ihre zwei Kinder ...

... ja. Die Kinder, meine Partnerin und ich.

Sie haben Ihre Partnerin zwar eben erwähnt, man sieht Sie aber kaum in der Öffentlichkeit mit ihr. Warum nicht?

Ist das denn bei anderen Regierungsräten anders?

Nein. Ist das die viel beschworene Schweizerische Zurückhaltung?

Sicher auch. In der Schweiz können Mandatsträger ein Privatleben führen. Ich spaziere normal durch die Stadt und meine Adresse steht im Telefonbuch. Hinzu kommt, dass Frauen von Regierungsräten früher oft auch in der Rolle der Regierungsratsfrau aufgingen, während heutige Frauen ein eigenes Leben führen und sich nicht über ihren Mann definieren.

Zurück zum Neid. Kennen Sie das Gefühl aus eigener Erfahrung?

Nein, ich glaube, ich bin keine neidische Person im Sinne von missgünstig. Ich bin sehr zufrieden in und mit meinem Leben.

Träume haben Sie sicher. Welches Lebensprojekt wollen Sie angehen?

Ich habe mein Leben nie langfristig geplant. Es hat sich bisher alles ergeben. Klar, ich war stets ambitioniert und hatte Ziele. Doch ich habe mir nie gesagt: Bis in drei Jahren musst Du an genau diesem Punkt stehen. Es kann durchaus noch eine Weile genau so weitergehen wie jetzt.

Sie sind 41 Jahre alt. Selbst wenn Sie noch ein paar Jahre anhängen sollten, wären Sie nach dem Rücktritt nicht alt. Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

Keine Ahnung. Klar ist, dass dies sicher nicht mein letzter Job sein wird.

Vielleicht haben Sie ja mal einen Job, bei dem Sie bei 35 Grad keinen Anzug und Krawatte tragen müssen ...

Ich besitze tatsächlich auch T-Shirts und kurze Hosen, aber man kennt mich vor allem in Anzug und Krawatte, das stimmt. Ich schwitze nicht so schnell und sehe diese Kleidung bis zu einem gewissen Punkt auch als Uniform. Als Regierungsrat verkörpert man ja auch etwas.

Sie sind auch privat im Anzug unterwegs. Würde lockere Kleidung nicht mehr Nähe zur Bevölkerung schaffen?

Hm... Es kann auch etwas Anbiederndes haben, die Krawatte bewusst auszuziehen.

Wir sind am Ende und Sie haben noch nicht so richtig aus dem Nähkästchen geplaudert. Letzter Versuch: Werden Sie das Standesamt, das Ihnen untersteht und das Sie auf Facebook als «bestes Standesamt der Welt» loben, bald als Bräutigam betreten?

Nein, das glaube ich nicht. Ich habe noch nie geheiratet. Meiner Meinung nach geht es den Staat nichts an, mit wem ich Tisch und Bett teile.