Es ist altbekannt, das Gebrüder-Grimm-Märchen von Schneewittchen, das von seiner bösen Stiefmutter in den Wald verbannt wird, dort den Tod finden soll und schliesslich bei den sieben Zwergen landet.

Wherlocks Handlungsballett setzt mit der Hebamme (Kihako Narisawa) ein, die um Schneewittchens Mutters trauert. Diese ist bei der Geburt ihres einzigen Kindes gestorben. Die Hebamme übergibt das Neugeborene dem König (Alessandro Schiattarella), Schneewittchens Vater.

Nun macht die Handlung einen Sprung, Schneewittchen (Andrea Tortosa Vidal) ist zum jungen Mädchen herangereift und sieht sich dem Neid und der Missgunst seiner bösen Stiefmutter (Debora Maiques Marin) ausgesetzt. Diese schickt den Jäger (Marius Razvan Dumitru) mit mit Schneewittchen in Wald, mit dem Befehl, das Mädchen zu töten.

Doch tief im Wald lässt der Jäger das Kind laufen. Glücklich, dem Tod entronnen zu sein, tanzt Schneewittchen durch den Wald und entdeckt das Haus der sieben Zwerge.

Die Zwerge hat Wherlock, der bereits seit über zehn Jahren das Basler Ballett leitet, nicht als Moralapostel inszeniert, sondern als heterogene Truppe von lustigen Wichten, die gerne Schabernack treiben und damit das Publikum zum Lachen bringen. Jeder der Zwerge hat seine Eigenart, die sich auch in seinem jeweiligen Tanz äussert.

Gut geeignet als Handlungsballett

Auch wenn Wherlock mit Schneewittchens Geschichte ein Traditionsmärchen gewählt hat, so ist er doch bei seinem bewährten Bewegungsvokabular geblieben. Die Choreografien sind spielerisch, zumeist sehr physisch, die Bewegungen ausladend.

Da kommen Gruppen von Hofleuten, Hexen oder Schimären gerade recht, deren Uniformität sich in synchronen Choreografien bestens darstellen lässt - wobei es mit der Synchronizität des Ensembles bei der Premiere noch nicht ganz klappen will.

Als Handlungsballett eignet sich das Märchen von Schneewittchen gut: Die Handlung verläuft linear und ohne Nebenstränge und kann so mit einfachen Mitteln tanzend erzählt werden. Abgesehen von wenigen Details hat Wherlock sich relativ eng am Original bewegt.

Zweiter Akt enttäuscht

Durchzogen fällt das Fazit im Bezug auf die Musik von Dmitri Schostakowitsch aus. Auch wenn das Sinfonieorchester Basel überzeugt, so entsteht doch der Eindruck, dass Musik und Choreografie nicht immer ganz harmonieren.

Die Bühnenbilder (Bruce French) wie der Wald oder der Schlosssaal sind abstrakt gestaltet. Die Kostüme (Catherine Voeffray) von Schneewittchen und der Stiefmutter passen in ihrer Schlichtheit und mit den grafischen Mustern ins Heute statt in das 19. Jahrhundert.

Während die Handlung im ersten Akt eher gemächlich, aber dennoch kurzweilig voran geht, rast das Geschehen im zweiten Akt nur so dahin. Das schadet dem Stück, denn die einzelnen Szenen wirken aneinander gereiht und die im Original ohnehin flachen Charaktere verlieren zusätzlich an Tiefe.

Den Eindruck der zweiten Hälfte hätte Wherlock mit dem grossen Finale der Stiefmutter wettmachen können, denn das Libretto kündigte an, die Stiefmutter tanze sich «rasend vor Wut» in den Tod - was gemessen an der Umsetzung übertrieben ist.

Das Premierenpublikum dankte den Künstlerinnen und Künstlern, insbesondere Schneewittchen und den sieben Zwergen, für ihre Leistungen mit viel Applaus.