«Unsere Arbeit hat sich enorm verändert», sagt Daniela Moreno. Seit nunmehr 13 Jahren leitet sie den Sozialdienst der katholischen Pfarrei St. Franziskus in Riehen. Zusammen mit den Sozialdiensten der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde sowie des Vereins «Gegenseitige Hilfe» berät sie jene Menschen in Riehen, denen es finanziell schlecht geht oder die eine Hilfestellung in verschiedenen Aspekten des sozialen Lebens benötigen.

Die Sozialdienste sind nicht zu verwechseln mit der Sozialhilfebehörde, welche bei der Gemeinde angesiedelt ist und sich ausschliesslich um Sozialhilfefälle kümmert. Die drei Sozialdienste haben erst kürzlich bei der Gemeinde erfolgreich die Erhöhung der Stellenprozente von insgesamt 215 auf neu 295 Prozent beantragt. «In den letzten drei Jahren ist die Anzahl Hilfesuchender um 20 Prozent angestiegen. Und wir haben auch immer komplexere Fälle», begründet dies Daniela Moreno. Bereits 2012 mussten die Sozialdienste ihre Stellenprozente erhöhen.

Doch wie kann es sein, dass es im wohlhabenden Riehen immer mehr Menschen gibt, denen es finanziell schlecht geht? Die Fälle hätten sich verändert, erklärt Moreno. «Früher betraf es zumeist Armut im Ausländerbereich und Working Poor. Heute sind es auch Menschen, die aus einer eigentlich stabilen Situation herausgefallen sind und keinen Halt mehr finden.»

Neue Lebenssituationen

Es sei ein ganz neues Phänomen, dass sich Menschen nach vielen Jahren Arbeitstätigkeit auf einmal in der Arbeitslosigkeit widerfinden und damit nicht zurechtkommen. «Sie müssen lernen, was es heisst, mit einem kleineren Budget hauszuhalten. Dass sie sich nicht mehr all jenes leisten können, das sie sich früher gönnten.» Diese Klienten wünschen sich zumeist eine Budgetberatung. «In diesen Fällen geht es aber nicht um Armut im eigentlichen Sinne. Die Menschen haben einfach Mühe, mit der neuen Lebenssituation umzugehen.» Sie müssten lernen, dass nicht mehr alles selbstverständlich ist, was es einmal war. Es gäbe andererseits wirklich Arme, die das aus Erfahrung besser können.

Auch Arbeitslosigkeit im Alter, häufigere Trennungen von Ehepaaren sowie das Älterwerden der Gesellschaft sorgen bei den Sozialdiensten für Mehrarbeit. «Die Menschen geraten in neue, für sie schwierige Lebenssituationen und fragen nach einer Beratung. Bei Senioren ist es so, dass sie heute länger zu Hause leben können, für ihre administrativen und finanziellen Aufgaben selber aber überfordert sind.»

Arbeitslosigkeit im Alter

Dass die Sozialdienste mehr zu tun haben, hat nur indirekt mit den in Riehen in den vergangenen beiden Jahren stark angestiegenen Sozialhilfefällen zu tun. Trotzdem sei dies auch ein Fakt, der die Gemeinde beschäftige, betont Gemeinderätin Annemarie Pfeifer (EVP). «Wir haben aufgrund der gestiegenen Fälle das Budget für die Sozialhilfe für das kommende Jahr um zehn Prozent erhöht.» Pfeifer glaubt, dass die schwierige wirtschaftliche Situation mit dem starken Franken sich erst jetzt mit Verspätung in der Sozialhilfe bemerkbar macht. «Wir verzeichnen auch immer mehr Fälle von Menschen über 55, deren Arbeitsplätze Umstrukturierungen in den Unternehmen zum Opfer gefallen sind.»

Pfeifer merkt an, dass Riehen zwar einige sehr gut verdienende und vermögende Einwohner und einen starken Mittelstand habe, aber auch Menschen, denen es finanziell nicht so gut gehe. Anna Katharina Bertsch, Leiterin der Abteilung Soziales und Gesundheit bei der Gemeinde Riehen, kennt die aktuell schwierige Situation. «Die Sozialhilfequote ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Von 3,2 Prozent im Jahr 2011 auf 3,4 im 2015 und nun 3,7 im Oktober dieses Jahres.» Vergleichbare Gemeinden im Baselbiet kennen ähnliche Entwicklungen bis 2015, soweit deren Zahlen bekannt sind.

Doch nicht alle sind wie Riehen in der Lage, darauf auch reagieren und den zuständigen Stellen das benötigte Personal für die Beratung und Integration der Klienten zur Verfügung stellen zu können. «Wir haben die Möglichkeit, ein gutes soziales Netz zu bieten», sagt Bertsch. Auch Sozialdienst-Leiterin Daniela Moreno bestätigt dies. «Die Situation ist in Riehen wirklich privilegiert. Wir fühlen uns von der Gemeinde sehr unterstützt.»