In Zeiten des Klimawandels und der mit Plastikmüll verschmutzten Weltmeere ist der Begriff «Naturschutz» in aller Munde. In der frühen Nachkriegszeit aber, als der Basler Zoologe Rudolf Geigy sich für den Erhalt der unberührten Natur Tansanias einsetzte, war er noch einer von wenigen in diesem Bereich. Ein Exot.

Diese Natur, die Geigy als schützenswert empfand, machte er sich in ihrem gesamten Ausmass zur Lebensaufgabe: «Wenn wir unsere Welt schützen wollen, so müssen wir uns auch der Schönheiten dieses lebensspendenden Erdballs bewusst sein. Was für eine Vielfalt von Tieren und Pflanzen in ungezählten Arten und Variationen ist hier versammelt! Ihr unendlich variierter Bauplan, ihre Physiologie bis herab zu einzelnen Zellen mit ihren erstaunlich funktionierenden Organellensystemen, sie liefern uns Anregung zur Forschung ohne Ende», brachte Geigy 1970 seine Faszination zum Ausdruck.

Zwischen Gönner und Geizer

Geigy, der 1902 in eine reiche und einflussreiche Basler Industriellenfamilie geboren wurde, entschied sich dagegen, in das Familienunternehmen einzusteigen. Viel lieber widmete er seine Lebenszeit der Begeisterung für die Entwicklungsbiologie. Er studierte zunächst Zoologie in Basel und Genf, war Mitbegründer des Tropeninstituts, Professor und später Rektor der Basler Universität. Das Familienvermögen investierte er in seine Projekte und die Förderung von Forschung und Lehre. Aber auch sich selbst gönnte er gerne den einen oder anderen Luxus. Er besass ein grosses Haus und fuhr einige Jahre einen Bentley.

Marcel Tanner, der bei Geigy doktorierte und später Direktor des Tropeninstituts wurde, erinnert sich an das ambivalente Verhältnis, das sein Professor zu Geldfragen pflegte: «Geigy erteilte mir eines Tages den Auftrag, eine Ratte von Basel nach Zürich zu bringen. Als ich ihm ein paar Tage später die Rechnung von 37,50 Franken für die Fahrkosten vorlegte, sagte er, es solle eine Ehre für mich als Doktorand sein, die Ratte nach Zürich bringen zu dürfen».

So geizig er in manchen Momenten war, so grosszügig konnte Geigy in anderen Bereichen sein. So soll bei seinen Forschungsreisen jeweils nicht nur er, sondern genauso sein Mitarbeiter
1. Klasse geflogen sein und gelegentlich in teuren Hotels übernachtet haben.

Kein einfacher Mensch

Wer viel Zeit und Energie in seine Arbeit steckt, läuft Gefahr, sein Familienleben zu vernachlässigen. Das musste auch Geigys Familie erleben: Zu Hause war er oft sehr streng, seine Kinder und seine Frau mussten sich teilweise vor seinen Ausbrüchen fürchten. «Er war sicher kein einfacher Mensch», sagt Tanner immer wieder über seinen ehemaligen Professor. Aber er sagt auch: «Ich habe wahnsinnig viel von ihm gelernt.» Und damit meint er nicht nur Fachliches, sondern auch Menschliches. Zum Beispiel die Sicht auf Entwicklungsländer und die Zusammenarbeit vor Ort.

Als Geigy 1949 auf Einladung der ansässigen Kapuzinermission nach Tansania flog, wurde der Grundstein für eine lange Forschungs- und Entwicklungsarbeit vor Ort gelegt. Zwei Jahre später entstand dort das Centre Suisse de Recheres Scientifiques (CSRS) und sechs Jahre später das Feldlaborsdes Tropeninstitutes in Ifakara. Der Name dieses Ortes gibt Auskunft darüber, was die Menschen dort tagtäglich beschäftigt. Er bedeutet: «Der Ort, an dem man stirbt.» In Ifakara waren tödliche Tropenkrankheiten der Alltag. Mit der Entwicklung der Institute und dem Dreieck aus Spital, Forschungslabor und Lehre konnte diesen Umständen entgegengewirkt werden.

Einsatz für Entwicklungsarbeit

Stets im Vordergrund stand bei der Arbeit vor Ort für Geigy der Fokus auf die Zusammenarbeit auf Augenhöhe, wie er in seiner Rektoratsrede von 1962 betonte: «Vielfach wird auch von begüterten Nationen Zuflucht zu riesigen Geldspenden genommen, die doch nur dann sinnvoll sind, wenn sich hüben und drüben Menschen dahinter stellen, die den Kontakt finden und bereit sind, sich selber einzusetzen. Es soll bei der Entwicklungshilfe ja weniger um die Weitergabe eigener Auffassungen gehen, als vielmehr um das Vermitteln von Lehrstoff und Wissen, so lange, bis diese Aufgabe vom betreffenden Land selber übernommen werden kann.» Diese Sicht auf die Dinge ist es, die Tanner an seinem Lehrer begeisterte: «Er wusste immer, dass es keine erste, zweite und dritte Welt gibt, sondern nur eine gemeinsame Welt für alle.»