Matías Delgado, nach Ihrem Rücktritt haben Sie ein Bild hochgeladen mit Zeilen eines Songs ihrer Lieblingsband «Los Piojos», in denen steht, dass Sie so leer sind, dass der Mond in ihnen Platz hätte.

Matías Delgado: Für mich war der Inhalt dieses Liedes die beste Art um zu erklären, wie ich mich gefühlt habe, als mir klar war, dass ich aufhöre. Ich bin nicht leer in einer emotionalen Art und Weise, weil ich auf dem Platz viel mehr erreicht habe als ich es mir in meinen Leben zu erträumen vermochte. Sondern ich fühle mich leer an Ideen, leer an Lust.

Wie fühlen Sie sich jetzt?

Gut. Ich bin auch etwas verwirrt, weil ich so viele Jahre über jeden Tag Pflichten hatte, die jetzt plötzlich wegfallen. Das ist komisch. Aber ich bin zufrieden. Ich bin frei.

Was haben Sie mit Ihren ersten freien Tagen gemacht? Brauchten Sie Ruhe um Nachzudenken?

Geschlafen (lacht)! Ich habe es einfach genossen, mal nichts im Kopf zu haben, keinen Stress. Ich bin ganz normal raus in die Stadt gegangen. Ein paar wenige Leute sind auf mich zugekommen, haben mich gegrüsst und mir gedankt. Das hat mich sehr gefreut, weil es bedeutet, dass ich für die Leute hier jemand war. Am Ende bleiben vom Fussball etwas Geld und ein paar Freundschaften, aber vor allem das, was am allerschönsten ist und dich am stolzesten überhaupt macht, dir Kraft gibt: die Anerkennung der Leute. Ich danke Gott, dass ich diese hier geniessen durfte. Das macht mich sehr glücklich.

Sie haben gesagt der Entscheid war ein langer Prozess. Erklären Sie uns diesen.

Ich kann Ihnen nicht sagen, an welchem Tag es angefangen hat. Es war in der zweiten Hälfte der vergangenen Saison …

Basel 3.8.2017 - Matias Delgado vom FCB. Photo by Roland Schmid

«Nichts wird mich so erfüllen, wie beim FC Basel zu sein.»

Basel 3.8.2017 - Matias Delgado vom FCB. Photo by Roland Schmid

… schon vor der Vertragsverlängerung, oder?

Ich habe den Vertrag mit Lust unterschrieben. Aber im Nachhinein nicht mit unendlich viel Lust, nicht mit einer hundertprozentigen Überzeugung, wenn ich ehrlich bin. Endgültig sicher war ich mir erst letzten Freitag. Bis dahin habe ich immer alles versucht, weil ich den Fussball und diesen Klub so sehr mag, weil ich gerne auf den Platz gehe und mich messe. Aber all das braucht auch Kraft. Und die hast du nach einer so langen Karriere irgendwann nicht mehr.

Haben Sie überlegt, vor der Saison aufzuhören?

ich hatte Zweifel. Eigentlich wollte ich gar nicht mehr aus den Ferien zurückkehren, wollte die Vorbereitung nicht mehr in Angriff nehmen. Aber die Liebe zum Fussball und die Leidenschaft, mit der ich das lebe, haben mich dazu gebracht, es doch noch einmal zu versuchen. Wir hatten einen neuen Trainer und einen neuen Präsidenten mit neuen Leuten, die mich alle sehr unterstützt haben und mir viel Vertrauen gegeben haben. Das hat mich wieder mehr motiviert. Vor allem mit Raphi (Wicky, Anm. d. Red.) habe ich enorm viel ausgetauscht. Wir haben auch viel über das neue System geredet und er hat mich eine Unterstützung spüren lassen, wie das noch nie ein Trainer getan hat. Urs (Fischer, Anm. d. Red.) hat mich viel spielen lassen, aber er hat nie so mit mir gesprochen, wie Raphi das getan hat. Es war alles perfekt, um noch ein Jahr weiter zu machen.

Was ist dann passiert?

In der Vorbereitung habe ich realisiert, dass ich nicht dort war, wo ich sein wollte. Nicht physisch, sondern mental. Mir sind im Kopf die Ideen ausgegangen. Und der Kopf ist mein Kraftzentrum. Wenn ich dieses verliere, bleibt mir nicht mehr viel. Das festzustellen machte mich zusätzlich müde. Ich spürte, dass ich nicht mehr eine Leidenschaft aufbringen kann, um auf höchstem Niveau zu bestehen.

War die Erholungsphase vielleicht einfach zu kurz zwischen den Saisons?

Die Ferien waren kurz, ja, und ich habe auch immer trainiert, mich nicht gross erholt. Aber ich wollte wirklich versuchen, weiterzuspielen. Wirklich. Aber ich konnte nicht mehr. Ich musste mich jeden Morgen schminken, mir eine Maske aufsetzen, um zu vertuschen, dass ich nicht mehr kann. Ich habe sogar drei Tage, bevor ich mich definitiv entschieden habe, unseren Teampsychologen anlügen müssen, dass alles okay sei. Dass ich das getan habe, tut mir sehr leid, ich muss mich noch bei ihm entschuldigen. Ich merkte da schon, dass nicht mehr viel fehlt, konnte es ihm aber nicht sagen.

Basel 3.8.2017 - Matias Delgado vom FCB. Photo by Roland Schmid

«Alles andere als Fussball war bei mir immer eine Katastrophe.»

Basel 3.8.2017 - Matias Delgado vom FCB. Photo by Roland Schmid

Haben Sie sich überlegt, es trotzdem durchzuziehen?

Ich hätte im Dezember gehen können. Aber ich wollte diesem Verein, der mir so viel gegeben hat, das zurückgeben, was er verdient hat. Und das war ein sofortiges Ende oder eines nächsten Mai. Wenn ein Trainer findet, dass man ein wichtiger Spieler ist, dann leidet er jetzt etwas, und nachher nicht mehr. Ihn aber Mitte Saison im Stich zu lassen, das hätte ich als sehr unfair empfunden. Jetzt können sie noch reagieren, einen neuen Spieler holen für mich, wenn sie glauben, dass sie das brauchen. Meines Erachtens ist das aber nicht nötig. Wir haben eine sehr starke Gruppe, eine gute Mischung aus erfahrenen und jungen Spielern.

Haben Sie gegenüber der Mannschaft Schuldgefühle, weil Sie sie im Stich lassen?

Ja, natürlich fühle ich mich schuldig. Aber sie verstehen mich und sie wissen genau so wie ich, dass es so besser ist für die Mannschaft.

Wieso ist es so besser?

Weil sie ohne mich besser sind.

Glauben Sie das wirklich?

In diesem Jahr, und in dieser Verfassung, in der ich jetzt bin, ja. Sie werden mit den vielen Talenten eine andere Dynamik haben im Spiel, eine andere Geschwindigkeit. Das haben sie gegen Luzern schon gezeigt.

Was war das Schwierigste in diesem ganzen Prozess?

Mein innerlicher Kampf, den ich die letzten fünf, sechs Monate hatte. Die Familie akzeptiert es am Ende. Sie werden dasselbe Leben haben wie zuvor. Für sie ändert sich nichts. Aber für mich. Mich selber zu überzeugen, dass ich nicht mehr kann, das war das Härteste.

«Ich musste mir eine Maske aufsetzen, um zu vertuschen, dass ich nicht mehr kann.»

«Ich musste mir eine Maske aufsetzen, um zu vertuschen, dass ich nicht mehr kann.»

Wem haben Sie den Entscheid als erstes mitgeteilt?

(überlegt lange) Meinem Papa. Fast zeitgleich habe ich es meinen zwei engsten Freunden aus Argentinien gesagt. Sie sind beide unheimlich Fussball-fanatisch. Einer von ihnen hatte mich damals auch auf eine gewisse Weise überzeugt, wieder nach Basel zu kommen, und dann später auch den Vertrag zu verlängern. Für diese beiden Fussballverrückten ist es das Schönste, einen Freund zu haben, der diesen Sport ausübt. Aber sie haben mir auch gesagt, dass es, wenn ich nun elf Monate schlecht gelaunt aufstehe, nur, um weiter gemacht zu haben, das nicht wert.

Wann haben Sie mit Ihnen gesprochen?

Am Tag bevor ich mit Marco Streller und Raphi Wicky geredet habe. Ich habe meine Freunden und meiner Familie einfach dieses Lied, von dem wir gesprochen haben, «Pacifico», geschickt. Nur das, nicht mehr.

Los Piojos - Pacífico (Con letra)

Haben Sie es verstanden?

Meine Mutter schon, meine Frau auch. Auch einer der beiden Freunde. Der andere hat mich sofort angerufen und gefragt, was los sei.

Und wie haben Sie es Ihrem Sohn gesagt? Er wollte, dass Sie weiter machen.

Ich habe es ihm erklärt, ohne es zu dramatisieren. Ich habe gesagt, dass Papa müde ist, dass er viele Spiele gemacht hat und nicht mehr mag. Er sorgt sich mehr, dass er seine Freunde an der Schule bald nicht mehr sieht, als dass er sich Sorgen um seinen Vater macht.  Aber er hat verstanden, dass ich jetzt glücklich bin. Und das bin ich. Ich wollte meine Karriere immer hier beenden. Das war ein Versprechen, dass ich gemacht habe, auch den Fans. Auch wenn es schwer war, es einzuhalten, weil ich problemlos auf einem tieferen Niveau irgendwo hätte weiterspielen können, bin ich froh, es eingehalten zu haben. Es macht mich sehr, sehr stolz, dass das Trikot des FC Basel das letzte ist, das ich je getragen habe. Dieser Club bedeutet mir so viel, wie das zuvor nur mein Stammverein Chacarita ebenfalls tat. Heute aber ist Basel mehr für mich als Chacarita.

Matías Delgado erklärt seinen Rücktritt (auf Spanisch).

Können Sie Ihre Verbindung zum FCB in Worte fassen?

Das ist sehr schwer. Dieser Club hat mich wachsen lassen, mich menschlicher gemacht, er hat mir sehr starke Werte beigebracht, die ich mein ganzes Leben hochalten werde. . Ich habe mich in diesen Club verliebt. Dann sind da die Leute in Basel, deren Unterstützung und bedingungsloser Respekt. Bevor ich hier her gekommen bin, konnte ich Fanliebe nie ganz verstehen. Die Anhänger hier haben mich dahingehenden verwandelt. Jetzt verstehe ich es besser. Und weil ich diesen Verein so sehr liebe, wollte ich ehrlich sein.

Können Sie ohne diesen Club, den Sie so sehr lieben, überhaupt leben?

Mir jetzt vorzustellen, dass ich irgendwann hier weg gehe, ist sehr hart. Aber ich bin mir auch bewusst, dass ich nicht als Angestellter dieses Clubs hier bleiben werde. Trotzdem tut die Vorstellung weh.

Sehen Sie gar keine Zukunft hier? Als Helfer für die südamerikanischen Spieler beispielsweise, wie das jetzt schon waren.

Das mache ich sowieso weiterhin, dafür brauche ich keinen Vertrag und dafür will ich kein Geld. Jene Südamerikaner, die jetzt hier sind, werde ich weiterhin unterstützen. Das wissen Éder (Balanta) und Blas (Riveros) auch. Wir sind Freunde, nicht nur Teamkollegen.

Die Muttenzerkurve stürmt die Pressekonferenz, bei der FCB-Captain Delgado seinen Rücktritt bekannt gibt.

Wie haben sie und der Rest des Teams reagiert auf ihr Karriereende?

Gott sei Dank waren sie traurig. Stellen Sie sich vor, sie hätten sich gefreut, dass der Alte endlich geht (lacht). Das ist übrigens auch etwas, was ich an der Pressekonferenz am Sonntag vergessen habe, weil ich so nervös war: all meinen Teamkollegen zu danken. Sie haben mich immer wie einen Leader fühlen lassen, mich immer unterstützt und sind mir stets mit sehr grossem Respekt begegnet. Ohne sie wäre ich nichts. Es ist ein sehr befriedigendes Gefühl, dass sie traurig waren. Es hat mir gezeigt, dass es all die Geduld in den schweren Momenten, in denen ich ihnen zugehört habe, wenn sie Probleme hatte und immer versucht habe, positiv zu sein, wert war. Das werde ich sehr vermissen. Weil wir wirklich ein Team waren. Eine unglaubliche Gruppe.

Ist es das, was Ihnen am meisten fehlen wird?

Tag für Tag in der Kabine zu sein, wird bestimmt fehlen. Aber auch der Applaus der Leute, wenn man den Platz betritt. Oder dieses Lied, das die Fans auch an der Pressekonferenz für mich gesungen haben, hat mich immer in positiver Art verrückt gemacht. Das löste bei mir ein Level an Glück aus, das schwierig zu erklären ist. Das oder auf dem Balkon zu stehen hat meine Batterien immer wieder aufgeladen. Das werde ich sehr, sehr vermissen.

Mit was laden Sie Ihre Batterien fortan auf?

Zuerst werden meine Kinder sie entladen (lacht). Spass bei Seite. Es existiert kein solches Ladegerät für meine Batterien wie beim FCB zu sein. Nichts wird mich so erfüllen wie das.

Planen Sie, sich noch offiziell von den Fans zu verabschieden?

Mir würde das sehr gefallen. Aber ich kann nicht einfach ins Stadion spazieren und winken, dann bekommt es niemand mit. Ich weiss nicht was der Club will. Sollten sie etwas für mich organisieren, wäre es wunderschön. Vor allem für meine Familie. Die hassen mich im Moment fast ein bisschen, weil sie sich schon auf nächsten Mai und den grossen Abschied gefreut haben. Und jetzt haben sie plötzlich gar nichts. Meine Mutter und meine Geschwister sind sehr traurig. Sollte der Club etwas organisieren, werde ich kommen, egal, wo ich dann gerade sonst bin. Dafür komme ich sicher zurück.

Planen Sie, weg zu gehen? Welche Optionen gibt es?

Entweder gehe ich nach Spanien, um dort zu leben, oder ich bleibe hier in Basel. Die Kinder wollen unbedingt für immer hier bleiben, sie lieben diese Stadt, die Ruhe und Sicherheit. Hätte ich keine Kinder, würde ich gehen, aber jetzt muss ich schauen, was für die ganze Familie stimmt. Ich bin derjenige der zweifelt. In Spanien wäre es für uns sprachlich leichter, und auch kulturell ist es ähnlich wie Argentinien. Es ist die Mitte zwischen der Schweiz und Argentinien. Aber ich weiss es wirklich noch nicht. Im Moment möchte ich aber für die Familie hier bleiben. Es wäre für meine Kinder kein so harter Bruch. Für sie hat der ganze Prozess auch erst angefangen.

Sie haben an der Pressekonferenz gesagt, dass die Pläne für nächsten Mai schon standen. Wären diese gewesen, nach Spanien zu gehen?

Ja. Vielleicht warten wir und gehen dann, vielleicht auch nicht.

Wissen Sie zumindest, ob Sie arbeiten möchten, oder erst einmal eine Pause brauchen?

Es würde mir gefallen, zu arbeiten, weil es bedeutet, dass man mental gesund und  beschäftigt ist. Vielleicht bittet mich irgendwer, etwas zu tun. Bis jetzt war das noch nicht der Fall. Vielleicht ruft mich ja Roger Federer an, weil er jemanden braucht, der ihm im Training das Handtuch reicht (lacht).

Haben Sie gesehen, dass er sich bei Ihnen via Twitter bedankt hat?

Ja, und dank ihm wissen jetzt auch in Argentinien alle, dass ich Fussball gespielt habe. Mich haben plötzlich Radio- und TV-Stationen angerufen, um mich zu fragen, was ich von seinem Bild halte. Aber in Argentinien kennt mich sonst niemand.

Könnten Sie sich einen Beraterjob vorstellen, wie ihn Christian Giménez hat?

Nein. Mir gefällt die Welt des Fussballs, wie sie heute ist, nicht. Man setzt sich an einen Tisch und spricht nur über Geld und versucht dem jeweils anderen Geld zu klauen. Dafür braucht es eine starke Persönlichkeit, die Ungerechtigkeiten anhören kann, und die habe ich nicht. Also würde es nichts nützen. Ich würde nur vom Tisch aufstehen und davon laufen.

Wäre Juniorentrainer etwas?

Das ist eher möglich.

Dann müssten Sie fast nach Spanien gehen, die Kinder hier verstehen sie nicht.

Wieso? Das Deutsch auf dem Platz kann ich sprechen, da kenne ich viele Wörter.

Sie könnten auch richtig Deutsch lernen, jetzt wo sie Zeit haben.

Ich hatte auch vorher Zeit. Es ist nicht so, dass ich als Spieler acht Stunden am Tag gearbeitet habe. Das ist keine Ausrede. Ich hatte anfangs ja auch Deutsch-Stunden, aber wie alles habe ich es aufgegeben. Die Schule war für mich ein Kampf, der Umgang mit den Lehrern wie ein Boxkampf. Alles andere als der Fussball war bei mir immer eine Katastrophe. Der Fussball ist so grosszügig. Ich müsste dem Ball ein Monument bauen.