Duisburg steht für einen Wendepunkt in der Organisation europäischer Grossanlässe. An der Loveparade 2010 kamen 21 Menschen ums Leben, weit über 500 wurden schwer verletzt. Der Grund waren ungenügend berechnete Besucherströme. Es kam zum Gedränge, zur Massenpanik. Seither gibt es den Begriff «Crowd Management». Damit wird die Planung und Überwachung von Massenbewegungen und Gruppendynamiken bezeichnet.

In der Schweiz kommt der Stadtpolizei Zürich eine Pionierrolle zu. Bereits Ende 2012 richtete sie eigens eine Fachstelle ein; bis jetzt einzigartig. Hauptanlässe sind das Sechseläuten, das Zürifäscht und – wie dieses Wochenende wieder – die Street Parade. Die Fragen, die sich Fachstellenleiter Adrian Zemp stellen, sind immer die gleichen: Wie lässt sich eine Massenpanik verhindern? Und wie leert man schnell einen Platz, wenn es dennoch einmal dazu kommen sollte?

Fallen im Alltag kaum auf: grüne Fluchtwegschilder in Zürich.

Fallen im Alltag kaum auf: grüne Fluchtwegschilder in Zürich.

Notausgänge auf offenen Plätzen

Manche Hilfsmittel sind ganz simpel: Seit einem Jahr stehen in Zürichs Innenstadt Fluchtweg-Schilder. Die grünen Notausgänge im öffentlichen Raum fallen an einer menschenleeren Kreuzung kaum auf. In einem drückenden Pulk können sie jedoch Leben retten. Zemp hat auch technische Arbeitsgeräte. So wurde für das Zürifäscht eigens eine App entwickelt, welche das Besucheraufkommen in den einzelnen Sektoren anzeigt.

Kein Wunder, klopfen die Polizeikommandanten der halben Schweiz an Zemps Türe: Der Fachstelle der Stapo Zürich sei es gelungen, in relativ kurzer Zeit grosse Erfahrung anzueignen. «Dies haben auch andere Städte und Gemeinden, andere Polizeikorps und verschiedene Veranstalter von Grossevents bemerkt und sich zwecks allgemeiner Information zum Thema oder konkreten Fragestellungen bei der Fachstelle erkundigt», sagt Zemp.

Aus dem Baselbiet stammt eine Anfrage betreffend des geplanten Eidgenössischen Schwing- und Älplerfests, welches im Jahr 2022 über die Bühne gehen soll. Auch mit den Stadtbasler Behörden steht Zemp in Kontakt. Eine «konkrete Zusammenarbeit bei Grossveranstaltungen in der Stadt» habe aber noch nicht stattgefunden.

Wenn zu viele Besucher ins Gelände strömen, werden diese umgeleitet.

Wenn zu viele Besucher ins Gelände strömen, werden diese umgeleitet.

Im Stadtkanton existiert keine zentrale Anlaufstelle, vielmehr verteilt sich der Aufgabenbereich auf unterschiedlichste Organisationen. Die Abteilung Grossevents gehört zum Präsidialdepartement. Bewilligungen unterstehen der Allmendverwaltung aus dem Baudepartement, während in Sicherheitsfragen die Rettung und die Kantonspolizei verantwortlich zeichnen.

Die Koordination für das Thema Crowd Management hingegen übernimmt die Geschäftsstelle der Kantonalen Krisenorganisation. Immerhin: Der Handlungsbedarf wurde erkannt. «Es wird aktuell daran gearbeitet, den Veranstaltern von grösseren Anlässen in Basel eine Vorlage zu einem Sicherheitskonzept anzubieten, in dem das Thema Crowd Management thematisiert ist», sagt Polizeisprecher Toprak Yerguz. Konkret hätten in Basel-Stadt diverse Arbeiten stattgefunden bezüglich der Bundesfeier am Rhein wie auch zur Basler Fasnacht, Letzteres unter Einbezug des Fasnachts-Comités.

Einbahnstrassen für Guggen

Doch gerade bei der Organisation einer Fasnacht haben die Luzerner derzeit die Nase vorne. «Die Luzerner Feuerwehr hat aufgrund der guten Vernetzung mit der Fachstelle Crowd Management für 2017 einige Fluchtwegschilder erhalten, welche im Festgebiet zu Testzwecken aufgehängt wurden», sagt Zemp. Die lokale Presse berichtete breit über dieses Thema.

Im vergangenen Jahr hat Luzern gemeinsam mit den Zürchern und der privaten Firma ASE eine Analyse durchgeführt. Die Ergebnisse flossen in die Organisation des Fasnachtstreibens ein: Einbahnverkehr für Guggenmusigen, Ampeln und Umleitungen waren die Folgen einer Studie, welche gefährliche Strassenecken ausgemacht hatte.

Die Lage zu beobachten, so weit ist man auch in Basel. Die gleiche Firma arbeitet auch mit den Basler Behörden zusammen. «Die Resultate fliessen aktuell ein in die Sicherheitsmassnahmen, wenn wie an der Bundesfeier gewisse Zugänge gesperrt werden für den Individual- und den öffentlichen Verkehr», sagt Yerguz. Damit sollen Massnahmen getroffen werden, die eine Entfluchtung innert nützlicher Frist ermöglichen und in einem Notfall die Bildung von Rettungsgassen erlauben.

Comité pocht auf Massnahmen

Beim Comité zumindest rennt die Krisenorganisation offene Türen ein. «Aus Sicht des Fasnachts-Comités wäre es angebracht, die Fluchtwege vor allem im Bereich Münsterplatz zu beschildern, wie dies an der Fasnacht 2017 auch in Luzern gemacht wurde», sagt Obmann Christoph Bürgin. In den vergangenen zwei Jahren hätten die Organisatoren deswegen die Laternen anders aufgestellt. «Zudem sollte bei der Bewilligung von Verkaufsständen besonders beachtet werden, dass die Stände keine Fluchtwege blockieren», sagt Bürgin. Ob die Massnahmen jedoch schon für die nächste Fasnacht im 2018 greifen, weiss auch Bürgin nicht.

«Fasnachts-Lexikon» Felix Rudolf von Rohr kann sich an einen Morgestraich erinnern, an dem das Thema Massenpanik konkret im Raum stand. «Aufgrund des Golfkriegs wurden andere Fasnachtsveranstaltungen der Region abgesagt, es hatte deutlich mehr Leute.» Die Polizei stand damals in stetem Kontakt mit dem Comité, um im Notfall die Lichter anzuzünden.