Camille und Louis-Marc schweben durch das Zelt. Die Bühne ist in violettes Licht getaucht, im Hintergrund läuft ein langsamer Popsong. An zwei langen Stoffbahnen wirbeln die beiden Kanadier durch die Lüfte. Ein immenser Kraftakt, der für den Zuschauer wie ein leichtfüssiger Tanz aussieht. In der Woche vor ihrem grossen Auftritt am Freitag räumen die beiden Akrobaten noch die letzten Unsicherheiten aus dem Weg. Bei der Premiere muss jeder Griff und jede Drehung sitzen.

632 Bewerber aus 51 Ländern

Camille und Louis-Marc sind einer von 14 Acts am diesjährigen Young Stage Festival. 623 Artisten haben sich beworben, die Festival-Organisatoren haben die Besten ausgewählt. Es geht um Geldpreise von bis zu 5000 Franken und Engagement-Verträge in renommierten Zirkussen.

«Für viele Teilnehmer ist es ein Sprungbrett in eine vielversprechende berufliche Zukunft», erklärt Pavel Kotov. Der Casting-Chef des Cirque du Soleil kennt das Festival schon lange und sitzt dieses Jahr erstmals in der Jury.

Trotz der Konkurrenzsituation: Bei den Proben ist die Stimmung auf der Basler Rosentalanlage ausgelassen. Wer gerade nicht trainiert, sitzt im Verpflegungs-Zelt und tauscht Anekdoten aus. Es herrscht fast ein bisschen Pfadilager-Atmosphäre. Das ist ganz im Sinne von Festival-Direktorin Nadja Hauser. «Ich mag dieses familiäre Feeling». Eine gute Stimmung hinter der Bühne ist ihr trotz der Professionalität des Anlasses sehr wichtig.

Neue Ideen sind gefragt

Mit dem Young Stage Festival will Nadja Hauser neben jungen Artisten auch den modernen Zirkus in der Schweiz fördern. «Eine klassische Manege mit Sand gibt es bei uns nicht», erklärt sie. Auch Tiere und Zirkusmusik suche man vergebens. Sie setzt stattdessen auf junge Artisten, die zeitgenössischen Zirkus machen.

Neue Ideen und Interpretationen sind beim Festival gern gesehen. Wer besonders mutig ist, wird mit dem «Cirque du Soleil»-Award für die innovativste Performance ausgezeichnet. «Unser Preis geht an die Artisten, die so mutig sind, uns einen experimentellen Auftritt zu präsentieren, die Vorstellungskraft und Durchhaltewillen haben», erklärt Pavel Kotov.

Auch dieses Jahr stehen mehrere Auftritte auf dem Programm, die keiner klassischen Zirkus-Disziplin entsprechen. Ein Duo aus Deutschland zeigt eine Mischung aus Tanz und Akrobatik, die sie selbst entwickelt haben. Ein Teilnehmer aus Amerika präsentiert eine Kombination von Vertikalseil und Hutjonglage. Die jungen Artisten folgen dabei keinem Skript. Sie erarbeiten ihre Programme selbstständig und erkennen, wo die Schwächen liegen. Nur die wenigsten bekommen dabei Unterstützung von einem Trainer.

Hausers Konzept kommt an. Sowohl bei den Zuschauern in der Schweiz als auch in der internationalen ZirkusSzene. «Das Festival hat einen sehr guten Ruf in der Zirkus-Community, bei Künstlern, Agenten und Produzenten. Durch Young Stage bekommt ein Künstler internationale Aufmerksamkeit», lobt Pavel Kotov. Festivals wie dieses seien auch wichtig für Show-Produzenten, die auf der Suche nach den neuesten Trends in der Zirkuswelt sind.

Tipps für die Zirkus-Karriere

Neben der Show haben die Artisten auch die Möglichkeit, an verschiedenen Workshops teilzunehmen. «Wir zeigen ihnen die organisatorische Seite des Zirkus-Geschäfts: Wie handelt man eine Gage aus, was sind meine Rechte? Das sind Dinge, die an Zirkus-Schulen oft nicht behandelt werden», erklärt Nadja Hauser. Neben Karriere-Beratung gibt es bei Young-Stage auch eine Art Partnervermittlung. Bei einem Speed-Dating können die Artisten Kontakte zu internationalen Zirkus-Produzenten knüpfen.

Wie man diese heute beeindruckt, weiss Pavel Kotov genau: «Neben Technik und Ausführung ist die Schwierigkeit des Programms entscheidend. Manchmal ist aber eine starke Bühnenpräsenz und Charisma noch viel wichtiger. Ein guter Talentsucher erkennt diese Eigenschaften und weiss, wie er darauf aufbauen kann.»

Als junger Artist dürfe man sich aber auch nicht zu schnell entmutigen lassen. «Geduld ist wichtig, denn oft entscheiden das Timing und eine kleine Portion Glück.»

Zukunftspläne sind noch fern

Bei den Proben auf der Rosentalanlage ist von Nervosität bei den Young-Stage-Teilnehmern noch nichts zu spüren. Viele zucken mit den Schultern, wenn sie nach ihren Erwartungen oder Zukunftsplänen gefragt werden. Niemand wagt es, vom grossen Karriere-Sprungbrett zu sprechen. Für sie zählt in dem Moment nur das Zusammensein und die Leidenschaft für den Zirkus.

Impressionen vom Young Stage Basel 2015: