«Sexismus!» würde man heute wohl schreien, käme ein zeitgenössischer Künstler auf die Idee, eine Frauenfigur mit üppigem Busen und exponierten Geschlechtsorganen abzubilden und ihren Kopf dabei völlig zu vernachlässigen. Solche Figuren stehen aber ganz selbstverständlich in den Museen dieser Welt. Auch im Antikenmuseum Basel. Über diese Figuren regte sich lange Zeit keiner auf. «Das war nun mal so, damals in der Antike.»

Nackt aus gutem Grund

Spätestens seit der #MeToo-Debatte des vergangenen Jahres werden zügellose Darstellungen jedoch vermehrt kritisiert und zensuriert. Dass aber auch an historischen Kunstwerken Kritik geübt wird, ist neu. Es war die Manchester Art Gallery, die den Anstoss zur aktuellen Sonderausstellung «Nackt!» im Antikenmuseum gegeben hat. Dort hatte man nämlich das Gemälde «Hylas und die Nymphen» aus dem 19. Jahrhundert vorübergehend abgehängt.

Der Grund: Die Szene zeigt einen angezogenen Mann inmitten einer Gruppe junger, nackter Frauen. «Stülpt man die heutigen Moralvorstellungen über ein historisches Werk, entstehen dadurch Probleme», sagt Tomas Lochman, Kurator des Antikenmuseums Basel. Man könne eine Arbeit, die in der Vergangenheit entstanden ist, nicht isoliert von ihrem Entstehungskontext beurteilen. Nacktheit habe in der antiken Kunst immer gute Gründe. In einer Führung will das Antikenmuseum diese Gründe für die Öffentlichkeit zugänglich machen.

Sogenannte Idole zum Beispiel – das sind Figuren aus vorhistorischer Zeit – gehören zu den ersten plastischen figurativen Darstellungen des Menschen. Sie sind meist weiblich – und nackt. Die Figürchen wurden jedoch nicht um der Nacktheit willen geschaffen: Ihr Zweck war die Ehrung der Natur- und Fruchtbarkeitsgöttinnen.

Deshalb betonen die Objekte weibliche Körperpartien, die für die Fruchtbarkeit und Geburt zentral sind: Brüste, Becken und Geschlechtsorgane. Im damaligen Matriarchat standen Frauen und ihre Fruchtbarkeit im Zentrum. «Deshalb werden sie in diesen frühesten Darstellungen auch sexualisiert», sagt Lochman. Umso skurriler also, dass Bilder solcher Idole auf Facebook heute oft durch automatische Filter zensiert werden.

Weibliche Nacktheit: Ein Tabu

Als sich die Gesellschaft wandelt und allmählich zum Patriarchat wird, verschwindet vorerst auch die Nacktheit der Frau innerhalb der Kunst. Sie wird zum Tabu. Lediglich Frauen mit niedrigem gesellschaftlichen Status oder Naturgeister werden noch kleiderlos gezeigt. Eine Ausnahme: Erotische Darstellungen von ehrbaren Bürgerinnen, die für den privaten Bereich bestimmt sind oder diese in ihren eigenen vier Wänden zeigen.

Im klassischen Griechenland dominiert der männliche Akt. Der nackte, wohlgeformte Männerkörper wird zum Sinnbild für den zivilisierten Mann und heroischen Gott. Anderswo hat Nacktheit einen negativen Charakter. So werden etwa Randgruppen der Gesellschaft nackt abgebildet, um sie blosszustellen.

In der antiken Bildkunst hat Nacktheit also vielfältige Gründe. «Diese können sowohl religiös als auch gesellschaftlich bedingt sein», sagt Lochman. Je nach Kontext und Zeit bedeute eine kleiderlose Kunst mal Unverletzlichkeit oder Natur, mal Schutzlosigkeit oder schlechte Moral. In der Führung vom Sonntag hofft Lochman in erster Linie eines zu zeigen: Empören muss man sich über die antiken Kunstwerke nicht.

   

Führung Antikenmuseum Basel, Sonntag, 31. März, 11.30 Uhr. Anmeldung erforderlich; www.antikenmuseumbasel.ch