Andreas Büttiker zog vor den Medien ein durchweg positives Fazit: «Es ist wichtig, dass die Entwicklung des Tramnetzes nun endlich wieder in Schwung kommt, nachdem lange Jahre nichts mehr passiert ist», so der Direktor der Basellandschaftlichen Transport AG (BLT). Schliesslich habe das Tramnetz grosses Potenzial. Das sieht der Basler SP-Verkehrsdirektor Hans-Peter Wessels ganz genauso. Er bezeichnete das Tramnetz gar als «historisch gewachsenes Rückgrat des öffentlichen Verkehrs in der Region».

Nun aber soll das Basler Tramnetz regelrecht revolutioniert werden. Wegen der stetig wachsenden Bevölkerung und der laufend steigenden Arbeitsplatzzahl sei ein Ausbau unumgänglich.

Wie die bz bereits im vergangenen August aufgrund von damals noch unveröffentlichten Dokumenten angekündigt hatte, plant die Basler Regierung in einer ersten Phase den Bau gleich mehrerer neuer Tramabschnitte. Neue Wohn- und Arbeitsgebiete sollen so mit Stadtzentrum und Bahnhöfen verbunden werden.

Der Ausbau bringe auch schnellere Verbindungen zwischen Quartieren. Dies ist Teil des zweiten Berichts zur Tramnetzentwicklung, welchen die Regierung dem Basler Grossen Rat eigentlich bereits im Dezember 2017 hätte vorlegen sollen.

Netzlücken schliessen

Als vordringlich bezeichnet werden dabei die neuen Abschnitte Klybeck für die 14er-Linie, Claragraben für das 8er- und Petersgraben für das 16er-Tram zur Entlastung des 30er-Busses. Alle drei Streckenabschnitte werden schon seit Jahren diskutiert, nun will die Regierung ernst machen.

Bereits in den Jahren 2026/27 sollen sie in Betrieb gehen. Für die Vorprojektierung will die Regierung dem Grossen Rat nun einen Kredit über 2,3 Millionen Franken beantragen. Die Gesamtkosten würden zum heutigen Planungsstand auf rund 100 Millionen Franken geschätzt, erläuterte Rainer Franzen vom Amt für Mobilität.

Der Abschnitt Klybeck führt via Riehenring neu bis zum Wiesenkreisel und von dort auf einem alten Werksbahntrassee zur Haltestelle «Ciba» bei der Kreuzung Mauer-/Klybeckstrasse. Die Regierung begründet den Bedarf für diesen Ast mit der Transformation des Industrieareals Klybeck, wo dereinst 10 000 Menschen wohnen und 5000 arbeiten sollen.

Der neue Klybeck-Ast ist nicht identisch mit dem 2014 an der Urne verworfenen Erlenmatt-Ast: Jener zweigte beim Badischen Bahnhof nordwärts ab. Gegen jenes 75,5-Millionen-Projekt, bei dem der Bahnhofsvorplatz mit umgestaltet werden sollte, sprachen sich damals 51,6 Prozent der Abstimmenden aus.

30er-Tram in Etappen

Durch den Claragraben sollen neue Gleise den Wettstein- und den Claraplatz verbinden. Dieser Ast war bereits vor gut 20 Jahren ein Thema, doch 1998 wies der Grosse Rat die 15-Millionen-Vorlage mit 61 zu 53 Stimmen zurück an die Regierung. Damals fürchteten Gegner einen neuen Flaschenhals und Hindernisse für den Individualverkehr.

Der neue Petersgraben-Ast ist als «erste Etappe bei der Umstellung der Buslinie 30 auf Trambetrieb» beschrieben. Heute platzt der 30er trotz Taktverdichtung zwischen Bahnhof SBB und Uni sowie Spitälern immer wieder aus allen Nähten. Der neue Tramast soll auch das stark im Ausbau befindliche Schällemätteli-Gebiet erschliessen.

Ein nördlich anschliessender weiterer Teil des Tram-30-Projektes ist ein künftiger Gleisabschnitt zwischen Totentanz und St. Johanns-Tor durch Spitalstrasse und St. Johanns-Ring. Erst als Korridor in den Plänen steht derweil die südliche Verlängerung: Vage skizziert geht die Linie durch die Holbeinstrasse zur Austrasse mit der 6er-Linie.

Gesetzt ist in den 30er-Plänen der Abschnitt via Johanniterbrücke und Feldbergstrasse zum Riehenring. Bis zum Brückenneubau 1966 fuhr dort das 2er-Tram. Diesen Ast forderte auch die Tram-Initiative, die 2012 nach dem Okay des Grossen Rates zur Rahmenausgabenbewilligung für den Tramnetzausbau zurückgezogen wurde – der Zehnjahres-Rahmen gab diesem Abschnitt indes keine Priorität.

Durch diese Massnahmen sollen die Trams schneller und zuverlässiger werden, verspricht die Regierung. Im Fokus steht gerade auch die Entlastung der stark befahrenen Innenstadt-Achse Barfüsserplatz-Marktplatz-Mittlere Brücke. «Weil die Infrastruktur gerade hier stark belastet ist, brauchen wir auch Ausweichstrecken», betonte Erich Lagler.

Der Direktor der Basler Verkehrs-Betriebe (BVB) wies darauf hin, dass das Tramnetz in der Innenstadt heute an seine Kapazitätsgrenzen stosse. Immer wieder würden sich Trams gegenseitig im Wege stehen, ergänzte Regierungsrat Wessels. Gleichzeitig stören sich Fussgänger an der «grünen Wand» in der Innenstadt. Deshalb auch soll der Centralbahnplatz entflechtet und damit sicherer werden.

Mit den Plänen für die drei zusätzlichen Streckenabschnitte ist es aber längst nicht getan. Die Regierungen beider Basel haben noch viel weiterreichende Trampläne. Eingetragen sind Tramkorridore unter anderem von der «Ciba» dem Rhein entlang zum Hafen, vom Bahnhof St. Johann zum Bachgraben, von Saint-Louis-Grenze zur Dreiländerbrücke in Hüningen sowie durch das Dreispitzareal und von dort zum Gebiet St. Jakob.

Ferner wollen die beiden Regierungen Entwicklungsgebiete in der Agglomeration wie etwa Salina Raurica in Pratteln/Augst oder das Polyfeld in Muttenz dereinst per Tram erschliessen. Einmal mehr betonte BLT-Direktor Büttiker ausserdem die Bedeutung einer Tangentialverbindung zwischen Dornach und Therwil: «Es ist wichtig, das Trassee schon jetzt langfristig zu sichern», erklärte er.

Auch die Basler Regierung unterstreicht die Bedeutung der Agglomerationsprogramme. Ein Teil ihres aktuellen 2,3-Millionen-Antrags ans Parlament ist denn auch für die Gesamtkoordination der Planung vorgesehen. 

Plan über den Ausbau des Tramstreckennetzes.

Plan über den Ausbau des Tramstreckennetzes.

Harsche Kritik von links

Nur kurz nach Bekanntgabe der regierungsrätlichen Tram-Pläne folgte bereits die erste geharnischte Reaktion. Denn das Komitee der Tram-Initiative hält gar nichts davon. «Behörden ignorieren den Volkswillen und riskieren, Tramprojekte an die Wand zu fahren», reklamiert es in einer Medienmitteilung. So habe etwa der Grosse Rat klar festgehalten, dass das 8er-Tram weiter durch die Innenstadt fahren soll.

Gleichzeitig solle die Linie 16 zwar via Petersgraben, aber von dort weiter zur Schiffländte geführt werden. Zudem sei die Umstellung der überlasteten Buslinie 30 aufs Tram prioritär zu behandeln, wie vom Parlament verlangt. «Auch das Bruderholz vom Kleinbasel abzuschneiden, kann nur jemandem in den Sinn kommen, der die politischen Verhältnisse in Basel nicht kennt.»

Das Baudepartement habe in den vergangenen drei Jahren «im stillen Kämmerlein» geplant. Nun präsentierten sich die Pläne mit grossen Stolpersteinen, findet das Komitee. Regierungsrat Wessels laufe so Gefahr, weitere Tramprojekte an die Wand zu fahren. (SDA)