Über den eigenen Arbeitsalltag Auskunft zu geben, gehört nicht zu den liebsten Aufgaben einer Journalistin. Sara Winter Sayilir merkt man das aber nicht an. Ohnehin wirbelt es gerade zünftig um ihr Team, die Redaktion des Magazins «Surprise», von deren dreiköpfiger Leitung sie Teil ist.

Strassenmagazin nennt sich die Publikation im Untertitel, die sie alle zwei Wochen verantwortet, und die Strasse ist denn auch zentraler Bestandteil des Konzepts, sein Kern- und Leitgedanke gleichermassen. Über sie berichtet es, auf ihr verkauft es sich, von ihr ist sie Teil. Sogar wenn heute die 400. Ausgabe dieses Magazins erscheint, ist die Strasse Dreh- und Angelpunkt, nur am Rand wird im Heft das Jubiläum begangen, blickt es inhaltlich zurück auf 399 vergangene Nummern und insgesamt über sieben Millionen verkaufte Exemplare.

400 Ausgaben «Surprise», das heisst: 400 Wundertüten und 400 Mal Tragweite, Schärfe und Dringlichkeit. Darüber schreibt auch Co-Redaktionsleiterin Sara Winter Sayilir, die seit zwei Jahren dabei ist, am liebsten. Über Geschichten von Belang, Geschichten, die vom weniger privilegierten Rand der Gesellschaft berichten, ohne dabei pietätlos oder voyeuristisch zu sein. «Wir wollen keine niederen Instinkte bedienen», sagt Winter Sayilir, «uns geht es um Sensibilisierung, darum herauszuspüren, welche Themen unsere Klientel beschäftigen.»

«Surprise» hat sich nämlich zur Aufgabe gemacht, einen anderen Blick auf die Dinge zu werfen, was es heute übrigens wörtlich nimmt: Bis 13.30 Uhr liegt die 400. Ausgabe des Magazins in den Hauptbahnhöfen von Basel, Bern und Zürich in jenen Boxen, die üblicherweise dem «Blick am Abend» vorbehalten sind.

Diese temporäre Partnerschaft mit einem Leitmedium vom anderen Ende des medialen Spektrums sieht die Redakteurin gelassen. Es geht um Relevanz und Erreichbarkeit, und beides wird dadurch erreicht. Das war 1997 nicht unbedingt zu erwarten, als die erste Ausgabe des «Surprise» erschien. Hervorgegangen ist es aus der Fusion des 1993 gegründeten Arbeitslosenmagazins «Stempelkissen» aus Basel mit seinem Zürcher Pendant «Kalter Kaffee, ganz heiss».

Was entstand, war eine zürcherisch-baslerische Koproduktion, die mit Gründung einer GmbH und eines Vereins (seit 2012 nur noch «Verein Surprise») bereits 1997 eine professionelle Redaktion in Basel installierte. Wenn also heute die 400. Ausgabe des Strassenmagazins erscheint, feiert Surprise auch 20 Jahre Redaktionsbetrieb. Das ist ein stolzes Alter in einem Medienumfeld, das von Jahr zu Jahr vergänglicher wird. «Unser Vorteil ist, dass wir nicht mit anderen Titeln an der Kioskauslage konkurrieren müssen», benennt Winter Sayilir einen Grund dafür beim Namen.

Heute besteht die Redaktion aus der unhierarchisch organisierten Leitung, zu der neben Winter Sayilir Diana Frei und Amir Ali gehören, zwei Reporter sowie einem Pool aus Fotografen, Illustratoren, Grafikern und weiteren Autoren. Hinzu kommen die rund 380 Verkäufer. Von den knapp 2,5 Millionen Franken, die der Verkauf von «Surprise» 2016 erwirtschaftete, floss rund die Hälfte direkt ihnen zu.

Doch sie sind längst nicht die einzigen, die vom Unternehmen «Surprise» profitieren. Der Verein hat sich längst zum Interessenvertreter aller Armutsbetroffenen entwickelt, ist Strassenfussball-Team und Strassenchor, Anbieter sozialer Stadtrundgänge sowie Job- und Förderprogramm. Und ganz nebenbei ermöglicht es unter dem Titel «Café Surprise» Armutsbetroffenen den sozialen Akt des Kaffeetrinkens in Partner-Cafés, etwa auch in Basel.

Jubiläum mit Vernissage: Heute um 19 Uhr im «Flore», Klybeckstrasse 5 in Basel. Festrede von bz-Chefredaktor David Sieber, «Surprise»-Autoren, -Verkäufer und -Stadtführer lesen aus dem Strassenmagazin, der Strassenchor singt.