Vergangener Montag im Bundeshaus: Die Genossen trösten sich nach der Niederlage in der AHV-Reform. «Kopf hoch, Silvia», sagt eine Fraktionskollegin. «Ich bin so wütend, ich habe wieder richtig Energie», antwortet sie. Dann zerrt die SRF-Frau Silvia Schenker vor die Kamera. Die «Tagesschau» strahlt später ihre Worte aus, die strotzen vor Trotz. Keinen Fussbreit will sie nun bürgerlichen Begehrlichkeiten nachgeben. Am Bildschirm sieht man nur das Gesicht. Die markante Brille liefert den passenden Rahmen für den harten Blick. Wenn sie spricht, bewegt sich lediglich der in etwas Lippenstift eingefasste Mund. Selbst für ihr Lächeln, mit dem sie haushälterisch umgeht, braucht sie nicht das ganze Gesicht. Die Politik von Schenker ist kaum lustig, nie jovial und zumindest auf den ersten Blick auch nicht empathisch.

Sie ist wichtig und ernst. Ihre Körperhaltung untermauert das: Die Arme hängen links und rechts von diesem zierlichen Körper, der auf zwei Absätzen steht. Steif, aber auch etwas zerbrechlich, als wäre sie soeben in flüssigen Stickstoff getaucht worden. Innerlich ist sie so nervös wie bei jedem Auftritt.

Arme, Alte, Asylbewerber

Die Themen von Schenker sind die aus sozialdemokratischer Sicht oft aussichtslosen. Schenker bewegt sich am linken Rand des Parlaments, sie kämpft für Arme, Alte, Asylbewerber. Einen grossen Teil ihrer Arbeit widmet sie den klassischen Gewerkschaftsfeldern. Das hat viel mit Schenkers Biographie zu tun.

Mit 63 ist Silvia Schenker eine der profiliertesten linken Nationalrätinnen, steht vor den Kameras dieses Landes und erklärt, wie dieses mit seinen Alternden umgehen soll, eine der grössten wirtschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit.

Mit 18 hatte Silvia Schenker: keine Ausbildung, kein Geld, ein Kind. Das KV brach sie ab, sie hatte es ohnehin nicht gemocht, lieber hätte sie studiert. Doch das lag nicht drin, ihr katholisch-konservatives Elternhaus hatte diese Möglichkeit nicht für sie vorgesehen.

Den Vater zum Vorbild

«Ich stamme aus bescheidenen Verhältnissen», sagt Schenker. Ihre Mutter war Damenschneiderin. Ihr Vater hatte seine Hand bei einem Berufsunfall verloren und arbeitete erst als Handlanger, später krampte er die Schienen für die SBB. Trotz seiner Strenge blieb er ein grosses Vorbild. Schenkers drei Brüder schlossen eine Ausbildung ab, «ich bin irgendwie vom Karren gefallen». Bei der Ciba Geigy arbeitete sie als Hilfskraft in der Finanzbuchhaltung, daneben kämpfte sie sich durch die eidgenössische Matur. Es war ein wichtiger persönlicher Sieg: Endlich konnte sie sich für ein Studium einschreiben, Geschichte und Volkswirtschaft, gegen alle familiären Widerstände. Bald wurde sie erneut schwanger. «Es ist mir schwergefallen, nicht zu Ende studieren zu können.» Sie entschied sich dennoch für die Familie, gebar ein drittes Kind. Die Ehe ist inzwischen geschieden.

Einen Abschluss wollte sie aber unbedingt. Schenker liess sich zur Sozialarbeiterin ausbilden, inzwischen arbeitet sie für die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb). Neben den Einzelschicksalen interessierten sie die grossen Zusammenhänge; sie engagierte sich in der Gewerkschaft Vpod, die sie schliesslich als Präsidentin führte. Sie wollte mitreden, mitgestalten. In ihre Karriere investierte sie Zeit und Herzblut, ganz gemäss ihrem Vater: «Er hat alles immer mit ganzer Kraft gemacht, was er begonnen hat.» Die Politik bot Schenker zudem die Möglichkeit, sich zu beweisen. Zuerst im Grossen Rat, später auf nationaler Ebene. Die Wahl zur Nationalrätin hat sie stark in Erinnerung: «Mein Vater war so stolz.»

Glühender FCB-Fan

Im Bundeshaus hat sich Schenker das Renommee einer dossiersicheren Kommissionspolitikerin erarbeitet. Eine, die mit ihrer leisen Stimme im Hintergrund wirkt. Das anerkennen selbst politische Gegner wie der Baselbieter SVP-Vertreter Thomas de Courten:

«An ihrem Engagement und Know-how gibt es nichts zu zweifeln.» Persönlich verbindet die beiden wenig. Sie sitzen in der gleichen Kommission aber niemals im selben Zugabteil auf dem Weg nach Bern. Mit de Courtens Basler Parteikollegen Sebastian Frehner hingegen pflegt Schenker mehr Kontakt: «Ich verstehe mich gut mit ihm», sagt sie. Freunde hat sie im Nationalrat wenige. «Dafür ist unter der Bundeshauskuppel kaum Platz», sagt sie. Zu gross sei der Konkurrenzkampf auch in der eigenen Fraktion. Eine Ausnahme bildet Cédric Wermuth, ihr Banknachbar in der hintersten Reihe, dort, wo sich die wichtigsten Stimmen der Partei besprechen. «Er ist ein Freund», sagt sie. «Inhaltlich gehört sie zu unseren Stärksten», sagt er. Mit ihr unterhält der FCZ-Fan eine Fussball-
rivalität.

Schenker ist glühende Anhängerin des FC Basel, am Mittwoch ging sie direkt vom Bundeshaus ins Joggeli. Der Champions-League-Abend – ein Höhepunkt in ihrer Woche, «ich habe ziemlich geschrien.» Inzwischen ist es eine Gruppe von Arbeitskollegen aus der Kesb, mit denen sie im Sektor C4 zusammensitzt. Lange ging Schenker alleine zu den Spielen.

Überhaupt wirkt Schenker an verschiedenen Orten isoliert. Das gilt im Besonderen für ihre eigene Parteibasis in Basel. Spätestens seit der Ankündigung, nicht vorzeitig für einen Nachrückenden den Stuhl in Bern zu räumen, ist die Beziehung angespannt. Sie habe Mühe mit dem Aufhören, heisst es. Den Strategen kommt die Entscheidung Schenkers denkbar ungelegen: Einen Bisherigen zu verteidigen ist das leichtere Unterfangen.

Schwierig, aufzuhören

«Aufhören wird nicht leicht», sagt Schenker. Sie stellt sich auf den Standpunkt: «Ich bin für vier Jahre gewählt». Unterstützung erhält sie ausgerechnet von de Courten: «Da stehe ich voll hinter ihr.» Sie hat noch einige Ziele, eine IV-Revision steht an, und die Debatte über Ergänzungsleistungen. Zwei Herzensangelegenheiten, in denen Schenker ihr Wissen aus der Praxis voll ausspielen kann – so, wie sie es am liebsten mag. Mit Verve wird sie für ihre Ansichten einstehen.

Wenn Schenker darüber spricht, fallen Sätze wie: «Ich finde es schlimm», «Es tut mir weh, dass» und «Ich bin besorgt». Bei anderen Basler SP-Frauen würden solche Aussagen sofort auffallen. Schenker geht sowohl die nüchterne Distanz einer Eva Herzog als auch das volksnahe Charisma einer Anita Fetz ab. Schenker trennt kaum zwischen Sache und Person. Eine Niederlage wie vergangenen Sonntag nimmt sie persönlich mehr mit, als es ihre Kampfansage am Tag danach vermuten lässt. Woher ihre Energie stammt, sich nach Tiefschlägen aufzuraffen, weiss sie selber nicht. «Die habe ich wohl einfach.»
In diesem Punkt eifert sie ihrem Vater nach, den sie so gerne einmal in Bern empfangen hätte.

Dieser Moment blieb den beiden verwehrt, er starb bald nach ihrer Wahl. Dafür besuchte ihre Mutter sie, zusammen wandelten sie durch die Hallen des Bundeshauses. «Ich konnte sie allen Menschen vorstellen, die sie nur vom Fernsehen kannte». Vielleicht ist ihr gar nicht so bewusst, dass sie längst auch zu jemandem geworden ist, den viele nur vom Fernseher kennen.