Anita Fetz, worüber reden wir?

Über Prioritäten. Ein Lebensthema! Man muss fortlaufend Prioritäten setzen, um seine Ziele zu erreichen. Und diese verschieben sich ständig, je nach Lebenssituation und Umfeld.

Was ist Ihnen wichtig in Ihrem Leben?

Meine berufliche und politische Arbeit stehen nach wie vor im Vordergrund. In der Politik will ich mich insbesondere für die Altersvorsorge 2020, eine faire Unternehmenssteuerreform III und für Umweltfragen einsetzen, und ...

...müssten sich ihre Prioritäten nicht langsam verschieben? In zwei Jahren treten Sie als Ständerätin nicht mehr zur Wahl an.

Sie verschieben sich bereits. Ich schaffe mir mehr Freiräume, sodass ich privat flexibler bin, mehr Zeit für meinen Mann, meine Freunde und mich habe. Sie machen meinen Rückzugsort aus, mein «Näschtli». Heute bin ich nicht mehr an jedem Anlass anzutreffen. Es ist ja kein Geheimnis, dass ich in diesem Jahr 60 geworden bin.

Machen Sie sich Gedanken darüber, was nach Ihrem Rücktritt kommt?

Ein bisschen. Zu viele Pläne schmieden möchte ich aber nicht, das ist nicht meine Art. Ich lasse lieber alles auf mich zukommen, bin offen – und sehe dann, was sich als prioritär entpuppt.

Etwas vorgenommen haben Sie sich doch sicher.

Ich freue mich darauf, ausschlafen zu können. Da ich ein Nachtvogel bin, muss ich wegen den gängigen Arbeitszeiten gegen meinen Biorhythmus leben. Und ich möchte spontaner sein. Zeit haben, über grundsätzliche Themen nachzudenken, die wenig Platz in der Realpolitik haben.

Was für Themen?

Wir befinden uns gesellschaftlich in einem grossen Wandel, ich denke, ein Paradigmenwechsel ist im Gange.

Inwiefern?

Die Industrielle Revolution ist nichts gegen das, was jetzt passiert. Roboter und Algorithmen machen längst nicht nur in der Produktion, sondern auch in hochqualifizierten Bereichen Jobs überflüssig. Arbeit wird nicht mehr dasselbe sein, zig Menschen werden keine Stelle im traditionellen Sinne mehr haben. Viele Leute – auch Politiker – verdrängen das heute. Wie krempelt die Digitalisierung unsere Gesellschaft um, was bedeutet sie für die soziale Sicherheit? Solche Fragen treiben mich um. Auch privat: Wollen wir dereinst wirklich von Robotern gepflegt werden?

Es werden immer Menschen da sein.

Ja, aber mit einem anderen Arbeitsprofil. Kommunikative und soziale Fähigkeiten werden wichtiger, und Zeit wird als Gut immer wertvoller. Die Zeit für menschlichen Kontakt. Sonst wird es ja gar keine direkte Interaktion mehr geben. Das geht mit den sozialen Medien etwas verloren.

Sie wollen sich also für mehr Menschlichkeit einsetzen?

Vielleicht nicht ich, aber meine Nachfolger, deren Karriere erst im Begriff ist, zu beginnen.

Zu Beginn Ihrer Karriere haben Sie für die Rechte der Frauen gekämpft. Ist es für Sie nicht wie ein Schlag ins Gesicht, dass ein Sexist nun US-Präsident ist?

Im Gegenteil! Trump hat die Bewegung, die sich für die Gleichberechtigung einsetzt, erstarken lassen. Weil Trump ihr den Spiegel vorgehalten hat, dass noch nicht alle Ziele erreicht sind. Er hat einen Politisierungsschub ausgelöst, wie ich ihn seit Jahren nicht mehr erlebt habe.

Es gehört zur Aufgabe eines Politikers, gesellschaftliche Entwicklungen zu beobachten, zu hinterfragen. Hinterfragen Sie aber auch Ihr eigenes Tun nach so vielen Jahren in der Politik?

Ich halte mir immer wieder vor Augen, warum ich in Bern auf diesem Stuhl im Stöckli sitze: Weil ich Menschen vertrete. Und deshalb suche ich in der Beiz oder beim Einkaufen ständig den Kontakt zu Menschen. So weiss ich, was sie bewegt.

Und was bewegt sie momentan?

Es sind eher unausgesprochene Dinge, die ich intuitiv spüre. Mein Mann sagt immer, ich sei wie ein Seismograph, wenn ich unterwegs sei. Ich stelle fest, dass eine latente Unsicherheit darüber besteht, wie es mit unserer Welt weitergeht.

Und in Ihrem Quartier? Sie wohnen ja am Oberen Rheinweg.

Die Immobilienpreise. Das ist völlig irre. Als wir in den 1990er-Jahren hierher gezogen sind, war das hier mit der Drogenszene ein Scherbenviertel. Die Idee der neuen Anwohner damals war, eine neue Stimmung zu schaffen. Heute ist die Strasse chic, gehört zu den besten Wohnlagen. Vor wenigen Monaten wurde ein Haus für drei Millionen Franken verkauft. Stellen Sie sich das mal vor! Das war natürlich nicht die Intention der Anwohner.

Würden Sie gerne wieder auf kantonaler Ebene politisieren? In den 1980er-Jahren waren Sie ja Grossrätin.

Nein, das ist definitiv meine letzte Legislatur. Allerdings werde ich mich weiter mit politischen Themen beschäftigen. Ich bin ein durch und durch politischer Mensch, das kann und will ich nicht abstellen.