Wenn das bloss kein Omen ist für die Billag-Abstimmung: Der designierte SRG-Direktor Gilles Marchand steckte am Dienstagabend im Zug von Zürich nach Basel fest. Stillstand beim Service Public. Dabei müsste man doch jetzt richtig Gas geben.

Marchand tritt am 1. Oktober die Nachfolge von Roger de Weck an. Erstmals präsentierte er sich in dieser neuen Funktion im Basler Volkshaus, vor Mitarbeitern und hochrangigen Vertretern der Basler Kulturszene, Museumsdirektorinnen oder Orchesterchefs.

Eingeladen zu diesem «Rendez-vous» hatte die SRG Region Basel, die mit Niggi Ullrich einen flammenden Fürsprecher der Kultur zum Präsidenten hat. Der Anlass: Im Frühjahr 2019 werden die Kulturredaktionen von SRF, also dem Deutschschweizer Radio und Fernsehens sowie dem Online-Team zusammengezogen und hinter dem Bahnhof SBB einquartiert – in den unteren Stockwerken des Meret-Oppenheim-Hochhauses, das Herzog & de Meuron im Auftrag der SBB bauen. Über 300 Mitarbeiter der SRG werden hier für Formate wie Sternstunde, Literaturclub, Hörspiele, Film, Musik oder TV-Serien tätig sein.

Darüber sollte man mehr erfahren, doch zunächst wurde man mit alten Videoeinspielungen eingestimmt, die einen schalen Eindruck hinterliessen: Da kam Matthias Müller vor, der mittlerweile verstorbene Gründer der Baloise Session, an anderer Stelle sah man Clown Dimitri winken, der ebenfalls nicht mehr unter uns weilt. Bad Timing für einen Anlass, an dem man in die Zukunft blicken wollte.

Soviel vorweg: Es wurde ein Abend mit Überlänge und erschlagend vielen moderierten Talks, sodass kaum Platz für «Rencontres» blieb und sich die Reihen vorzeitig lichteten. Der Ablauf, der (vielleicht ja zu Ehren Marchands) ganz schön schöngeistig mit französischen Wörtern gespickt war, enthielt Programmpunkte wie Départ, Séances oder Tables Rondes. Dass am Ende der Veranstaltung die Bar im Festsaal bereits geschlossen war: Dommage.

Aber was erfuhr man? Dass die Basler Kulturinstitutionen gespannt sind und auf ein bisschen mehr Wahrnehmung hoffen. Und dass die SRG beim Neubau im Zeitplan und Budget sei. Projektleiter René Schell präsentierte Pläne und Visualisierungen des Innenausbaus, den die Basler Architekten Diener & Diener verantworten.

Bereits in wenigen Wochen beginnt der Studioausbau. Mitunter eine knifflige Angelegenheit: Um negative Einflüsse durch den angrenzenden Bahnverkehr auszuschliessen, wird der Hörspielkomplex als Bau im Bau konzipiert, schwimmend, vor Vibrationen geschützt.

Ein Café im Erdgeschoss soll eine «Scharnierfunktion» einnehmen, wo SRF-Mitarbeiter auf die Bevölkerung treffen. Mehr Nähe also zum Fussvolk. Im bisherigen Basler Studio auf dem Bruderholz, das aufgrund seiner langen Gänge und der Stille intern als «Sanatorium» bezeichnet wird, ist die Cafeteria nur Mitarbeitern und ihren Gästen vorbehalten.

Für den neuen Standort hat man sich quasi «SRF Kultur bi de Lüt» vorgenommen. Dafür steht auch ein Auditorium, das Platz für 100 Zuschauer bietet und für Sendungen mit Live-Publikum dienen soll.

Schon vorher begebe man sich näher zu den Baslerinnen und Baslern, erklärte SRF-Kulturchef Stefan Charles und verwies darauf, dass man am 17. Oktober die «Sternstunde»-Sendung «Der philosophische Stammtisch» im Sud, im ehemaligen Sudhaus der Warteck-Brauerei, aufzeichnen werde. Wenn das gut über die Bühne gehe, sollen 2018 weitere Sendungen folgen.

Für Sichtbarkeit sorgt auch die Architektur: Viel Glas, viel Atelieratmosphäre und Open Spaces erwartet die Medienschaffenden. «Wie finden Sie es?», fragte Gilles Marchand die Anwesenden. Zolli-Direktor Olivier Pagan antwortete schlagfertig: «Es scheint fast so gut konzipiert wie unsere Menschenaffenanlage.» Der Spruch des Abends.

Und was denken die SRF-Mitarbeiter? Manche nehmen ungern Abschied von ihren Einzelbüros, fürchten um ihre Ruhe, um die Hygiene auch (Arbeitsplätze, die man teilen muss), entnahm man den Statements. Und für rund 130 vorwiegend TV-Angestellte, die in und um Zürich leben, steht auch ein längerer Arbeitsweg an. Daneben freue man sich aber auch auf den engeren Austausch der Redaktionen.

No Billag? No Plan B

Es dauerte geschlagene drei Stunden, bis man doch noch auf die existenzielle Frage zu sprechen kam, die keinen französischen Namen trägt, sondern einen schlagkräftigen englischen: «No Billag.»

Was wäre denn, wenn die Initiative zur Abschaffung der Empfangsgebühren im Frühjahr 2018 angenommen würde? «Es gibt keinen Plan B», betonte Gilles Marchand. Und was passiert dann mit dem Neubau? Immerhin laufe ja der Mietvertrag mit der SBB über 20 Jahre, wie SRF-Filmredaktor Michael Sennhauser anmerkte. Nun, sollte die Initiative angenommen werden, machte Gilles Marchand klar, dann könne die SRG das Licht ausschalten. «Dann gibt es kein Fernsehen und kein Radio mehr.» Würde das zutreffen, dann wäre schon vor dem Aufrichtefest eine Abbruchstimmung spürbar.