Mit ausgestreckten Armen und ihrem unverkennbarem Lächeln steht sie plötzlich vor den Passanten. Stumm und feenhaft taucht die Frau mit der schlohweissen Haarpracht auf. Eine andere Erscheinung, die ebenfalls so manchen irritieren mag, ist der bärtige Mann in der Freien Strasse, der sich als portugiesischer Thronfolger Dom Manuel III sieht. Mit Plakaten und Flyern weibelt er für sein Anliegen.

Die lächelnde Frau und der Kronprinz sind nur zwei Beispiele von Personen, die als Originale bezeichnet werden können. Es sind Leute, welche in Basel bekannt sind wie bunte Hunde – und doch kennen sie die wenigsten richtig.

Was aber zeichnet ein sogenanntes Stadtoriginal aus? «Es ist ein Sonderling, der randständig und doch mittendrin lebt», sagt der Basler Soziologe Ueli Mäder. Dabei lebe das Original stets unangepasst und widersetze sich gängigen Normen. Dies verlange manchmal Mut, geschehe aber manchmal nicht ganz freiwillig. «Oft ist es eher eine Tugend aus der Not», sagt Mäder. Bereits verstorbene Originale wie Blueme-Fritz, Megaphon-Urs oder Selmeli Ratti sind vielen Menschen in Basel noch in bester Erinnerung.

Früher prägten solche Leute häufiger das Strassenbild. Davon zeugt etwa Eugen A. Meiers Klassiker «Das andere Basel»: Pfründer des Bürgerspitals, Tagelöhner und Trunkenbolde kommen darin vor, aber auch exzentrische Akademiker werden in diesem Anekdotenbuch zum «Hinterhaus-Adel» gezählt.

Sie trugen Namen wie Pfluume-Bobbi, Änishänsli oder Fotzeldorli und wurden sowohl geschätzt wie auch gefoppt und karikiert. Mit dem Verschwinden von Berufen wie etwa Hausierer, Laternenanzünder und Sandmännchen sind auch die Originale weniger sichtbar. Es ist aber nie gelungen, solche Personen vollständig aus der Öffentlichkeit zu verdrängen.

Frohnatur mit traurigen Stunden

Bis auf wenige Ausnahmen sind es meistens sehr lokale Berühmtheiten. «Sie werden ganz schnell vergessen», sagt Paul Kleindienst, Präsident der Vereinigung Blueme-Fritz. Daher setzt er sich für das Andenken an den humorvollen Rosenverkäufer Fritz Holderried ein, den er gut kannte.

Kleindienst weist aber auch auf die andere Seite der Medaille hin: Stadtoriginale werden nicht selten zur Belustigung zur Schau gestellt oder als Maskottchen des Lokalpatriotismus eingespannt: «Man hat mit Blueme-Fritz auch Sachen gemacht, mit denen ich nicht einverstanden war – etwa seine Purzelbäume im Fussballstadion», kritisiert Kleindienst und merkt an, dass der Mann zwar eine Frohnatur war, aber eben auch seine traurigen Stunden erlebte.

Eine Persönlichkeit im Format eines Blueme-Fritz fehlt heute in Basel. Dennoch gibt es bestimmte Leute, die durch ihr Anderssein stadtbekannt sind. Manche von ihnen sind eher geheimnisvolle oder gar tragische Figuren, um die sich so manche Legende rankt. Zu ihnen gehören etwa die eingangs erwähnte lächelnde Frau oder der von Brandnarben gezeichnete Mann mit der Militäruniform.

Andere sind hingegen sehr gesellig – so etwa der Inder Dalip Singh Khalsa, der wohl bekannteste Mitarbeiter der Stadtreinigung. Wie er sagt, werde er immer wieder von Wildfremden freundlich gegrüsst.

T-Shirts zur Kontaktaufnahme

Ein Unikum ist auch André, der jeden Samstag durch die Innenstadt zieht. Seit vielen Jahren fällt er mit seinen provokanten selbstbeschrifteten T-Shirts auf. Auf der Vorderseite schreibt er stets über sein Lieblingshobby, das Schachspielen, auf der Rückseite sind zum Teil sehr heftige religionskritische Aussagen zu lesen.

André mit seinen provozierenden oder nachdenklich stimmenden T-Shirts.

André mit seinen provozierenden oder nachdenklich stimmenden T-Shirts.

Er selbst sieht sich jedoch nicht als Bekanntheit. «Mir geht es darum, mit den Menschen in Kontakt zu kommen», meint er. Stets suche er so nach Leuten für eine Schachpartie oder Religionsdebatten. Mit ausgefallenen Aktionen zieht er ebenfalls die Aufmerksamkeit auf sich: Wie er sagt, sei er schon während der Herbstmesse mit einem T-Shirt mit der Aufschrift «Ich bin ein Rheinschwimmer» ins Wasser gesprungen.

Eine weitere aussergewöhnliche Person ist Dimitrios. Sein Stammplatz ist die Bahnhofspasserelle. Mit Schnurrbart, Hut und Mantel ist er unverkennbar. Stets führt er auch einen Kofferkuli mit sich und am einen Ohr ist ein Kopfhörer befestigt. Deshalb hat er den Spitznamen «Geheimagent».

Wie er sagt, arbeite er für das «Haus der europäischen Kulturen» – eine Organisation, die sich dafür einsetzt, dass Frauen Europa regieren können. «Ich bin gar nicht so berühmt. Die meisten kennen mich vom Sehen, sprechen mich aber kaum an», sagt Dimitrios.

Im Gegensatz zu den genannten Leuten kann ein Original auch jemand sein, der gesellschaftlich bestens etabliert ist. Dieser Meinung ist etwa der Publizist Hans A. Jenny, welcher mehrere Bücher mit Porträts solcher Leute geschrieben hat. Dabei macht er eine Unterscheidung zwischen «Volksoriginalen» und prominenten Originalen.

Zu den Ersteren gehören Leute wie Blueme-Fritz, zu den Letzteren zählt er extravagante Leute, die zum Beispiel in der Kunst, Literatur oder Wissenschaft Leistungen erbracht haben. Die Differenzierung zwischen den beiden Typen meint er aber keineswegs hierarchisch.

Minu will nicht Stadtoriginal sein

Zur prominenten Kategorie wird etwa immer wieder der Kolumnist Minu gezählt. Dieser findet diese Etikette jedoch problematisch: «Ich habe mich immer gegen den Ausdruck Stadtoriginal gesträubt», meint Minu. Für ihn habe der Begriff einen Beigeschmack von «nicht ganz hundert». «Ich glaube nicht, dass ich besonders originell bin, nur ein bisschen anders als die Norm. Daher nehme ich diese Bezeichnung mit einem Seufzer in Kauf», sagt er.

Zwar wird in der Leistungsgesellschaft Individualität verlangt, aber nur im Konsumverhalten – richtig Abweichlerisches findet nur schwer Platz.
Von daher können Stadtoriginale als Projektionsfläche dienen. «Sie verkörpern zuweilen, was wir uns selbst mehr wünschen, aber kaum zugestehen und deshalb bei andern überhöhen oder ablehnen», sagt Ueli Mäder. So betrachtet würden diese Personen die Gesellschaft spiegeln, was sie besonders interessant und wertvoll mache.