Im grossen Saal des Basler Volkshauses steigt die Spannung. Der erste schlegelfechtende Gladiator wird angekündigt: mit Startnummer 201 und den «Mätzli». Der junge Trommler im Scheich-Kostüm legt sich mit dem traditionellen Basler Trommelmarsch ins Zeug. Die Doublés sehr flach und leise aufs Fell gelegt, dafür die Wirbelstreiche umso mehr im rauschenden Crescendo betont. Es ist Vorrunde der Jungen am offiziellen Basler Preistrommeln und -pfeifen, das kurz «Offiziells» genannt wird, als gäbe es in der ganzen Welt nichts Vergleichbares.

Im Prinzip dürfte dieser Trommelvortrag einem der vier Juroren gefallen haben: Es handelt sich um Ivan Kym aus Möhlin, der 2009 – ein Jahr nach seiner fünften Basler Trommelkrone – an den Tisch der Juroren umgestiegen ist. Er ist unbestrittener Trommelkönig der Schweiz und darum auch als Nicht-Einheimischer in der Basler Trommelszene omnipräsent – als Vorzeigefigur, der das Basler Trommeln weiterbrachte, und als Stein des Anstosses, der ebendiese Trommeltradition sabotierte.

Der Baumeister mit den Schlegeln

Ich treffe Kym eine Stunde vor seinem Amtsantritt im Café Spitz. Eigentlich hätte er ja gar keine Zeit zwischen seiner Arbeit als vielbeschäftigter Baumeister bei einer grossen Baufirma «ennet dem Bölchen» und seinem Marathoneinsatz als Jurymitglied beim Offiziellen, sagte er tags zuvor am Telefon. Aber das Trommeln geht stets vor – und sei es auch nur beim Reden darüber. «Ich spreche gerne über meine Leidenschaft», sagt er.

Und das ist wahrhaftig so. Die Worte sprudeln aus ihm heraus wie überbordende Tagwachtstreich-Variationen aus einem seiner mittlerweile über 80 Kompositionen. Viele dieser Märsche und trommelartistischen Kabinettstücke gehören mittlerweile zum Standard-Repertoire von guten bis sehr guten Trommlern in der Schweiz. Und sogar in Basel, was gar nicht so selbstverständlich ist. «Ich erinnere mich, als ich 1993 den Marsch ‹Basel Nord› meiner damaligen Basler Gastclique JB Santihans schenkte und diese eigentlich sehr gastfreundliche Clique den Marsch ablehnte mit der Begründung: ‹Das hat doch mit Basler Trommeln nichts zu tun›.»

Mittlerweile hat es «Basel Nord», benannt nach dem JB-Santihans -Übungslokal im nördlichen St. Johann, in viele Cliquenrepertoires geschafft. In Basel später als in der trommelnden Restschweiz. «In der Fasnachtsstadt braucht alles etwas länger», sagt der vierfache Kranzträger am Eidgenössischen Tambourenfest und fünffache Basler Trommelkönig mit einem vieldeutigen Lächeln.

Vom begeisterten Kind zum Künstler

Der Marsch mit dem damals erstmals eingesetzten wirbelnden Decrescendo, das es im traditionellen Basler Repertoire noch nicht gab, stiess mit der Zeit auf viel Wohlwollen. Auch weitere Marschkompositionen, wie etwa «Faschtewaje», sind mittlerweile etabliert – und bevorzugte Vortragsmärsche der Basler Trommelkönige. Aber auch dieser Marsch benötigte eine Gewöhnungsphase. Kym erinnert sich, wie dieser Marsch, den er einst für einen Charivari-Auftritt einer nicht genannten Basler Clique komponiert hatte, als «Komposition eines fremden Fötzels» auf Ablehnung gestossen war.

Doch zu den Ressentiments später mehr. Eigentlich ist Kym ein Spätzünder im Trommelwesen. «Ich weiss noch genau, wie ich als Kind im Kindergartenalter mitbekam, wie der Fasnachts-Umzug von Möhlin vor meinem Elternhaus im unteren Dorfteil Ryburg den Anfang nahm und mich die Trommelklänge bis ins Innerste durchgerüttelt hatten», erzählt er.

Es kam zum ersten Kontakt mit der «Fasnachtzunft Ryburg», die damals noch den militärischen Ordonnanz-Stil mit den rhythmisch simplen Schlepp-Streichen pflegte. Erst mit 14 Jahren, beim Besuch eines Jugendlagers des Schweizerischen Tambouren- und Pfeiferverbands, lernte er die elegant swingenden Doppelschlagfolgen der Basler Doublés kennen. «Ich habe mir danach das Trommeln selber beigebracht», sagt er. Mit sehr viel Fleiss und natürlich Begabung. Und sehr bald schon mit dem Ehrgeiz, selber zu komponieren. Er führte die Trommlerformation Ryburg an die Schweizer Spitze.

Und dann: die alten Kameraden

Von der Basler Fasnacht wusste Kym lange nichts, bis der heute 48-Jährige Anfang der 1990er-Jahre er in die Tambouren-Rekrutenschule eintrat. Dort traf er auf Basler Kameraden, die ihn an die Fasnacht mitnahmen. «Ich hatte keine Ahnung, stand am Morgestraich ein, und war ganz einfach überwältigt», erinnert er sich. Im Militär lernte er auch den Armee-Instruktor und Trommel-Übervater Alex Haefeli kennen, der auch viele Ur-Basler Vorzeigetrommler begleitet und beeinflusst hatte. Aus dem Selfmade-Tambour wurde der grosse Trommelkönig der Schweiz – notabene ein Nicht-Basler.

Aber auch für Kym ist klar, dass die Basler Fasnacht das grösste und beste Trommelfest ist und bleibt. Und dass er sich die drey scheenschte Dääg deshalb nie entgehen lassen möchte. Anfänglich marschierte er noch in den Reihen der JB Santihans mit – und am Fasnachtsdienstag mit der Basler Trommelformation Ruesser.

Doch irgendwann kam es zum Bruch mit den Ruessern – «am Trommlerischen lag es nicht», sagt Kym, ohne ins Detail gehen zu wollen. Also rief er die Tambourengruppe Chriesibuebe ins Leben – «es heisst Chriesi, nicht Kiirsi – es muss den Basler im Hals weh tun, wenn sie den Namen aussprechen», sagt er mit einem schelmischen Lächeln. Die Chriesibuebe sind denn auch keine Basler Formation, sondern eine gesamtschweizerische Allstargruppe, die in Bauernlümmel-Kostümen durch die Gassen fegt. Und die einen stupid notengenauen, metrischen Trommelstil pflegen, der in der traditionsverbundenen Basler Trommlerszene lange Zeit auf grosse Skepsis bis Ablehnung stiess. «Man muss unterscheiden zwischen Wettkampftrommeln und dem Brauchtum des Trommelns an der Basler Fasnacht. Dies sind zwei verschiedene Arten der Trommelkunst», monierte stellvertretend für viele ein Basler Trommelurgestein einst in einem Leserbrief in der «Basler Zeitung». Kym mache die traditionelle swingende Basler Trommelsprache kaputt, hiess es.

Unterrichten mit Leidenschaft

Der Kritisierte reagiert auf solche Anwürfe gelassen. «Als zusammengewürfelte Formation, die nicht regelmässig zusammen üben kann, sind wir auf notenakribisches Trommeln angewiesen», sagt er. Dass dieser Stil bei den jungen Basler Trommlern mittlerweile nachvollzogen worden sei, dafür könne er ja nichts. Beim Stichwort Jungtambouren glänzen Kyms Augen. «Für mich gehört es zum Grössten, junge Tambouren zu unterrichten», sagt er. Und das sei mit viel Stolz verbunden, denn seine «Jungs» – nun gut, auch eine junge Frau ist mit dabei – gehören wie er zur Corona der Schweizer Tambourenszene.

Am Glaibasler Charivari werden die 13- bis 52-jährigen Jungs ihr Können unter Beweis stellen. Bei einer Komposition mit dem Namen «Generation Y» – «einem sehr komplexen Stück», wie Kym sagt. «So unfassbar furios wie deine ‹Supernova›, mit der du zusammen mit deinem Sohn uns Basler vor ein paar Jahren schwindlig getrommelt hast?», frage ich (unter Trommlern duzt man sich).

«Noch mehr als das», verspricht Kym. «Ich werde das Stück dirigieren müssen», sagt er. Ein höchst unbaslerischer Akt, denn hier beschränkt man sich auf den mehr oder weniger rein symbolischen Auftritt eines Tambourmajors. «Mal sehen, wie das Basler Publikum darauf reagieren wird», sagt er. Und wieder huscht dieses sympathisch-schelmische Lächeln über das Gesicht.