Fragen über Fragen. Soziale: Kannst du dir eine Zivilisation ohne Feuer vorstellen? Persönliche: Wann erzählst du uns von deiner Liebe? Wissenschaftliche: Hat eine Firmenstudie nicht einwandfrei nachgewiesen, dass man statt der verabredeten 39 Kilogramm sehr gut auch 310 Kilogramm Gift unter der Betonplatte lassen könnte? Philosophische: Gibt es kein politisches Glück? Ironisch-kritische: Ist 100-fach fischtoxisch noch lange nicht menschentoxisch? Die unvermeidliche: Wann kommt der Hitlervergleich?

30 Jahre sind seit der Brandkatastrophe von Schweizerhalle vergangen – und doch sind noch so viele Fragen offen. Der Basler Radioredaktor und Dramatiker Lukas Holliger hat sie bei seiner Schweizerhalle-Recherche zusammengetragen, gruppiert, rhythmisiert. Und hat daraus mit «Am Feuer» das vielleicht erste Theaterstück geschrieben, das nur aus Fragen besteht, nichts aus Fragen. Hunderte.

Wie inszeniert man einen solchen Text? Diese Frage musste sich die Regisseurin Ursina Greuel stellen. Hinzu kommt, dass ihr Format «Stückbox» die Stoffe schnell und mit einfachsten Mitteln umsetzt. Einschränkungen machen kreativ, heisst es. So stülpte auch Ursina Greuel die normale Theatersituation um wie eine Socke: Die Zuschauer sitzen im Foyer des Dornacher neuestheater.ch und schauen durch die enorme Glasfassade hinaus auf die Strasse. Das Draussen wird zur Bühne. Mit allem Unberechenbaren: Zügen, Wetter und Passanten – manche gar kauzig, zur Freude der vielen Schüler an der Premiere.

So viele Fragen. Die Regisseurin lässt etwa die Hälfte per Tonband einspielen, die anderen werden live gesprochen, via Mikrofon von draussen nach drinnen übertragen. Die vier Schauspieler Jonas Gygax, Agnes Lampkin, Michael Wolf und New Grawit scheinen mehr oder weniger sich selber. Gewöhnliche Menschen in gewöhnlichen, dunkeln Winterjacken. Erst spazieren sie vor dem Theater vorbei, alsbald entwickeln sich aus zu thematischen Blöcken gruppierten Fragen verschiedenste Szenen, sogar Interaktionen, Gespräche.

Würste bräteln über dem Giftfass

Die Hauptrequisiten sind bunte Chemiefässer, in einem brennt ein Feuer. Um dieses Feuer versammeln die Schauspieler sich zur Stückmitte hin: Jemand bringt einen Picknickkorb mit Stecken und Würsten. Vier Freunde, die zusammen plaudernd ihre Würste ins Feuer halten. (Vorsicht, liebe Schauspieler: Werden Würste direkt ins Feuer gehalten, können krebserregende Stoffe entstehen.)

Ursina Greuel nimmt so einzelne Themen im Text bildhaft auf, bebildert ihn aber glücklicherweise nie eins zu eins. Sie schafft szenisch Abwechslung, ohne zu sehr vom Text abzulenken. Trotzdem gewinnt die Inszenierung da am meisten Kraft, wo sie am abstraktesten ist, wo sie vor allem auf die Sprache und den Rhythmus vertraut. Da werden die Chemiefässer zu Trommelkörpern, den die Spieler rhythmisch mit den Händen bearbeiten. Die Fragen wirken sofort bedrängender, dringlicher.

Am Feuer Weitere Spieldaten: 4., 6. und 12. November in neuestheater.ch. 8.11. im Buchladen Kosmos, Basel.