Das Büro im zweiten Stock der Theologischen Fakultät am Nadelberg war 28 Jahre lang Professor Ekkehard Stegemanns Denkstube. Doch in den Regalen, die bis unter die Decke reichen, entstehen langsam Bücherlücken, am Boden stehen volle Umzugskisten. Diesen Montag hält der evangelische Theologieprofessor für Neues Testament an der Universität Basel seine Abschiedsvorlesung.

Herr Stegemann, Ihr Büro ist mehr Stube als Arbeitsplatz.

Ekkehard Stegemann:Das ist es. Ich komme gerne und oft hierher, manchmal schon um 6 Uhr früh oder auch am Wochenende. Nun muss ich diesen Ort verlassen. Ich werde zwar noch einen Arbeitsplatz in der Bibliothek haben, aber das ist natürlich nicht so luxuriös wie ein eigenes Büro.

Sind Sie wehmütig?

Für mich überwiegt die Freude auf einen neuen Lebensabschnitt. Ich werde weiter Theologie betreiben und zwei Buchprojekte beenden. Aber ich freue mich darauf, mich vermehrt um meine Kinder und Enkelkinder zu kümmern. Und ich werde wie jedes Jahr nach Amerika, nach Israel und Italien reisen. Ich war gerne an dieser Fakultät, an der Universität und in dieser Stadt. Ich spreche zwar nicht Schweizerdeutsch – nur mit Kindern, die lachen mich nicht aus. Aber ich fühle mich hier zu Hause.

Sie waren 28 Jahre Professor. Was hat sich in dieser Zeit an der Theologischen Fakultät verändert?

Ich kam damals als jüngster Kollege in eine Schweizer Fakultät. Die meisten Kollegen waren Schweizer Pfarrer. Es war eine Atmosphäre einer freundschaftlichen Kollegialität, die ich so in Deutschland nicht gekannt habe. Da war man schon kämpferischer. Für mich war es auch schön, als jemand mit einem eigenen Projekt wahrgenommen zu werden. Wir haben es dann geschafft, ein ganzes Institut für jüdische Studien aufzubauen, dank einer Schenkung von fünf Millionen Franken. Da haben auch Kollegen der Philosophisch-Historischen Fakultät und der Rektor am gleichen Strick gezogen. Das war eine Aufbruchsphase. Heute gehört es zum Studium, Vorlesungen in Judaistik zu belegen.

Es scheint, dass es einen neuen Aufbruch braucht. Ihre Nachfolge steht noch nicht fest, das Berufungsverfahren wieder aufgenommen, weil keine Frau in die Endrunde kam. Wie erleben Sie die Debatte um ihre Nachfolge?

Sie belastet mich, aber ich begrüsse auch, dass eine transparente demokratische Diskussion geführt wird. Ich kann mich nur dem Anschliessen, was Uni-Rektor Antonio Loprieno gesagt hat: Die Fakultät muss weiblicher und schweizerischer werden.

Sie würden es begrüssen, wenn es eine Frau wäre?

Ja. Als ich kam, gab es an der Fakultät weder Frauen noch im neuen Testament habilitierte Schweizer. Ich sa

gte rasch, dass ich beides möchte. Die Realität in den Kirchen und im Studium ist zunehmend weiblich geworden. Es ist wichtig, dass an der Theologischen Fakultät auch Frauen lehren.

Sie sind evangelischer Theologe und engagieren sich für die Juden. Woher kommt ihr Interesse?

Begonnen hat es als Kind. Ich kam ein halbes Jahr nach Kriegsende in Norddeutschland zur Welt. Ungefähr 200 Meter entfernt von meinem Elternhaus stand früher eine Synagoge. Ich wollte wissen, warum die nicht mehr steht. Ich habe mich dann eingelesen in die monströse Deutsche Geschichte. Mein Held war Dietrich Bornhoeffer (Theologe, der am Widerstand gegen den Nationalsozialismus beteiligt war und im KZ Flossenbrügg hingerichtet wurde; Anm. d. Red.). Ich habe dann in Heidelberg studiert und hatte dort meinen ersten jüdischen Lehrer. Mich hat die dialogische und kontradiktorische Auseinandersetzung in den jüdischen Texten immer fasziniert. Diese Offenheit gegenüber anderen Meinungen.

Warum haben Sie sich für die Theologie entschieden?

Das hat mit Dietrich Bornhoeffer zu tun, aber auch mit dem Theologen Rudolf Bultmann. Ich habe dessen Jesus-Buch gelesen. Er hat versucht, mythische Überformungen der Jesus-Bilder zu kritisieren und auf einer intellektuellen Basis eine Auseinandersetzung zu führen mit der Überlieferung im Neuen Testament. Das fand ich intellektuell herausfordernd.

Sie betonen den Intellekt. Welche Rolle spielte Ihr Glaube?

Ich ging als Jugendlicher lange Zeit jeden Sonntag zur Kirche, war Kindergottesdiensthelfer. Der Glaube war für mich kein Gegensatz zur intellektuellen Auseinandersetzung mit der christlichen Tradition. Geerbt habe ich ihn von meiner katholischen Grossmutter, mit der ich als Kind öfter zur Messe ging. Das war selbstverständlich. Mein Vater war ein Gewerkschafter, seine Göttin war die Gerechtigkeit.

Wie hat sich Ihr Glaube verändert?

Als ich mich im Studium mit Religionskritik auseinandergesetzt habe, lernte ich eine andere Art, diesen Glauben zu formulieren. Für mich ist der Glaube das Geheimnis des Lebens und zugleich der Glaube daran, dass das Grauen nicht das letzte Wort haben darf. Wenn sie Glauben mit Treue übersetzten, bin ich dieser Hoffnung treu.

Und die Kirche?

Die hatte immer eine Bedeutung für mich. Zu Beginn meiner Karriere habe ich Religion unterrichtet. Ich war in der Synode in Basel-Stadt. Seit ich in Oberwil wohne, war ich nicht mehr so aktiv. Aber meine Vorstellung ist, dass ich meine freie Zeit nun wieder einsetzen kann. Ich kann mir auch vorstellen, wieder ehrenamtlich als Spitalseelsorger zu arbeiten.

Wie erleben Sie das Zusammenleben der Religionen in Basel?

In den letzten Jahren wurde viel investiert, um dieses Zusammenleben institutionell zu fördern. Es gibt jüdisch-christliche Projekte, Orte, an denen sich Juden, Moslems und Christen treffen. Das wurde immer selbstverständlicher. Und das ist wichtig, weil davon eine Botschaft der friedlichen Begegnung ausgeht. Wichtig ist auch, Vertreter einer Religion selber reden zu lassen und nicht nur über sie zu sprechen.

Das geschieht derzeit in Basel, im Fokus steht eine islamische Gruppierung, die Hetzschriften verteilt haben soll.

Ich kann nicht beurteilen, ob das so ist oder nicht. Eins ist für mich aber sicher: Wer Gewalt für ein Mittel hält, die eigene Religion durchzusetzen, der hat in einem demokratisch verfassten, religionsneutralen Staat nichts zu suchen. Wenn wirklich Hetzschriften verteilt worden sein sollten, muss man mit der Härte des Gesetzes vorgehen.

Sind in solchen Momenten Institutionen wie der Runde Tisch der Religionen des Kantons nützlich?

Ja. Der Staat hat an dieser Stelle die Rolle einer Hebamme: Er kann helfen, dass die Religionen untereinander in einem friedlichen Dialog eintreten, hat aber keine Aufsichtsfunktion. Der Staat muss insgesamt neutral bleiben. Wenn es um Verletzung von Gesetzen geht, ist er natürlich gefordert.

Und wie geht es der jüdischen Gemeinschaft in Basel?

Es gibt ein gesellschaftliches Klima, in dem politische Debatten insbesondere über Israel sehr stark rückwirken auf die hiesigen jüdischen Gemeinden. Es ist leider wahr, dass jüdische Einrichtungen geschützt werden müssen. Die Synagoge in Basel hat Sicherheitsleute angestellt, auch in Zürich ist das so, in Deutschland sowieso. Es hat immer zu Festtagen gewisse Sicherheitsmassnahmen gegeben, aber das heutige Ausmass ist neu.

Womit hängt das zusammen?

In den 1990ern habe ich bemerkt, dass ein gewisser Konsens an Anstand und Respekt verloren gegangen ist. Ich will nicht sagen, dass die Mehrheit umgekippt ist. Aber immer mehr meiner jüdischen Freunde und Bekannten überlegen sich, ob sie sich in der Öffentlichkeit noch als Jude zu erkennen geben sollen. Das war vor 20 Jahren nicht der Fall.

Warum?

Es gibt eine gesellschaftliche Strömung, innerhalb derer es nicht mehr verboten ist, sich antisemitisch zu äussern. Das hängt wohl auch mit dem Generationenwechsel zusammen. Die unmittelbar nach Auschwitz Geborenen, für die war es verpönt, sich antisemitisch zu äussern. Und selbst wenn man israelkritisch war, hätte man nicht im Traum daran gedacht, Israel auf die Stufe von Naziverbrechern zu stellen. Heute hören Sie nicht selten die Aussage, «Die Israelis behandeln die Palästinenser so, wie die Nazis die Juden.» Das ist für mich erschreckend. Ich habe in den 1990er-Jahren einen berüchtigten Holocaustleugner angezeigt, der mich als Knecht von Juden bezichtigt hat. Er wurde nach dem Antirassismusgesetz betraft. Ich fürchte, heute würde ein solches Gesetz nicht mehr durchkommen.

Sie haben immer wieder Anzeige erhoben wegen Antisemitismus. Zuletzt haben Sie gegen das Heks Beschwerde geführt, nachdem sich das Hilfswerk per Inserat bei der Migros für den Bann von Produkten aus den besetzen Gebieten im Westjordanland bedankte.

Die Beschwerde gegen das Heks wurde abgelehnt. Aber ich habe den Eindruck, dass innerhalb der reformierten Kirche Bewegung in die Debatte kam, ob man sich weiterhin mit einer eigentlich karitativen Organisation politisch antiisraelisch engagieren will. Wissen Sie, ich muss nicht gewinnen. Aber auf meinem Grabstein sollte dann stehen «er ist dagegen gewesen.»