Die Mäuse, könnte man sinnbildlich sagen, platzen aus allen Käfigen. Die Metaphorik würde die Wissenschaftler ärgern und die Tierschützer freuen. Denn: Die Haltungsbedingungen von Versuchstieren, vorwiegend Mäusen, sind so gut wie nie zuvor. Die Anzahl der Mäuse in der Grundlagenforschung nimmt allerdings zu. Die Möglichkeit der genetischen Forschung lässt die Anzahl der Experimente mit Mäusen in die Höhe schnellen. Der Platzbedarf für Labors steigt.

Die Tierschützer beklagen eine gesetzlich verordnete Zweiklassengesellschaft in der Tierwelt: die Oberschicht der Haustiere, die Unterschicht der leidenden Versuchstiere. Obwohl sich der uralte Konflikt zwischen Wissenschaft und Tierschutz wohl kaum je überwinden lässt, hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan. Forscher und Tierschützer sitzen häufiger zusammen an einem Tisch.

Gelungen ist die Annäherung vor allem dank Leuten wie dem Basler Entwicklungsbiologen Rolf Zeller. Der Professor am Departement Biomedizin hat immer wieder öffentlich erklärt, warum Tierversuche aus seiner Sicht unumgänglich sind. Zeller sagt, ihn interessiere Wissenschaftspolitik und Kommunikation. Als er vor Jahren im Gespräch mit Studenten gemerkt habe, dass diese aus Furcht vor sozialer Repression ihren Freunden nicht sagen, dass sie mit Tieren arbeiten, sei ihm klar geworden: «Es ist an mir als Professor, Aufklärung über unsere Arbeit zu betreiben.»

Als Präsident der «Deklaration von Basel» setzt sich Zeller an vorderster Front für mehr Transparenz der Wissenschaft in Zusammenhang mit Tierversuchen ein. Die Bewegung entstand im Herbst 2010 an einer Tagung in Basel. Eine Gruppe von internationalen Spitzenforschern verabschiedete eine Erklärung, wonach sie sich künftig verstärkt für eine offene Kommunikation und die Einhaltung ethischer Prinzipien einsetzen wollen. Zeller war auch einer der Ersten, der die Türen seiner Versuchslabors für Journalisten öffnete. Die Tierstationen bleiben für die Öffentlichkeit von nun an nicht mehr im Verborgenen. Das gilt auch für die neue Tierstation auf dem Rosentalareal, welche die Uni soeben in Betrieb genommen hat.

Durch die Labors führen Christian Sengstag vom Stab Forschung des Vizerektorates sowie der leitende Tierpfleger. Für Besucher gilt, was für Forscher und Tierpfleger selbstverständlich ist: Das Tragen von Schutzanzügen, Hauben und Mundschutz ist obligatorisch. Gegenstände müssen vor dem Besuch des Labors dekontaminiert werden, um die Tiere vor Erregern zu schützen.

Die Mäuse mussten von ihrem alten Standort in der Nähe des Universitätsspitals in ein anderes Labor verlegt werden, weil die Erschütterungen, die durch den Neubau des Biozentrums auf dem ehemaligen Schällenmätteli-Areal verursacht werden, sie zu stark beeinträchtigen. Sengstag führt entlang der weissen Gänge in den ersten Raum der Tierstation. Bevor man die Mäuse sieht, riecht man sie. Der typische Geruch der Nager dringt in jede Ecke der Station. Das Stockwerk hat deshalb auch eine eigene Lüftung. Im Zuchtraum werden Maus-Kolonien für Versuche gezüchtet. Es hat Platz für rund 2500 Mäuse. Die Tiere werfen alle drei Wochen, die Tierpfleger entfernen die Jungtiere nach 21 Tagen von ihren Eltern. Die Forscher bestimmen, ob die Tiere danach für die weitere Fortpflanzung oder die Forschung eingesetzt werden.

Die Versuchstiere finden sich in anderen Räumen. Überall sieht es gleich aus. Tagsüber ist es hell, in der Nacht wird abgedunkelt. Wie auch die Zuchttiere werden die Versuchstiere täglich von Tierpflegern begutachtet. Ausserdem macht das Veterinäramt regelmässig unangemeldete Kontrollen. Die Tierpfleger sind genau darüber informiert, an welchen Krankheiten die Mäuse zu Versuchszwecken leiden oder welche Genmutationen die Tiere tragen. So wissen sie auch, ob ein Tier besonders stark leiden könnte. Trifft dies ein, informieren die Tierpfleger den Forscher; dieser prüft, ob das Tier eingeschläfert werden muss.

Die Forscher führen darüber Protokoll, wie stark die einzelnen Tiere im Rahmen ihres Versuches beeinträchtigt sind. Dazu teilen sie das Leiden der Tiere in die Schweregrad-Kategorien 0 bis 3 ein. Die Erhebung dient der Tierversuchsstatistik des Bundes. Darin ist auch erfasst, in welchen Kantonen wie viele Versuchstiere leben: In Basel-Stadt waren es 2012 rund 162 000, im Vorjahr knapp 191 000. Die Uni Basel hält rund 40 000 Versuchstiere an vier verschiedenen Standorten. Wo die anderen Standorte sind, geben die Verantwortlichen nicht bekannt. Auch die ETH, die an der Mattenstrasse ebenfalls Labors hat, macht nicht publik, wo genau sich ihr neues Maus-Zentrum mit Platz für 40 000 Mäuse auf dem Zürcher Hönggerberg befindet, das in diesem Jahr bezogen wird.

Eine Restangst vor gewaltbereiten Tierschutzaktivisten ist in der Wissenschaftsgemeinde noch immer vorhanden. Entwicklungsbiologe Zeller sagt: «Die Militanz ging zurück, aber Übergriffe kann man nie ganz ausschliessen.» Zeller ist froh, wurde er nie Opfer eines Anschlages wie jenem im Frühjahr in Mailand, bei dem Tierschützer eine Forschungsstation angriffen und Tiere in Schachteln abtransportierten. Zeller sagt: «Am schlimmsten finde ich, dass auf diese Weise den Tieren noch mehr Schaden zugefügt wird.» Eine Labormaus ausserhalb ihres gewohnten Umfeldes sei wie ein New Yorker, den man im Dschungel aussetze: «Die Überlebenschancen sind sehr gering.»

Trotz solcher Zwischenfälle zieht Zeller eine positive Bilanz seines Engagements. Der Einsatz habe sich gelohnt Dies zeige sich für ihn beispielsweise an Auftritten wie jenem vergangene Woche bei einer Tagung von «Animalfree research». Noch vor ein paar Jahren hätte er nicht geglaubt, dass es möglich sei, mit Vertretern dieser Tierschutz-Organisation ernsthaft über die Thematik zu diskutieren.

Ein Aspekt der Diskussionen betrifft natürlich auch die Möglichkeiten, wie Tierversuche künftig reduziert werden können. Aber, das wissen beide Parteien, so rasch wird das nicht gelingen.