«Ich bin enttäuscht», sagt Maya Graf. «Noch immer argumentieren so viele Forscher wie vor 20 Jahren.» Die Baselbieter Grünen-Nationalrätin ärgert sich über einen offenen Brief des Vereins Forschung für Leben. Die Wissenschafter von Universitäten und der ETH warnen vor einem «De-facto-Verbot» von Tierversuchen mit Primaten. Aufgeschreckt worden sind sie von einer Motion, in der Graf ein Verbot von «belastenden Versuchen» an Primaten fordert.

Versuche an Affen, die Schmerzen und Ängste verursachen, sollen untersagt werden. Der Nationalrat wird sich in der eben gestarteten Herbstsession mit dem Vorstoss befassen.

Es gehe ihr nicht darum, Tierversuche grundsätzlich zu verbieten, sagt Graf. «Belastende Versuche an Primaten sind aber aus ethischen und wissenschaftlichen Gründen nicht mehr zeitgemäss.» Sie würden sehr viel Leid verursachen, ein Erkenntnisgewinn aber sei nicht feststellbar. Dagegen gebe es heute bessere Alternativen. Der Verein Forschung für Leben sieht das anders: Er befürchtet, dass die Annahme der Motion den medizinischen Fortschritt massiv behindern würde. Die Schweiz profitiere von den Errungenschaften der Grundlagenforschung mit Primaten. Dazu gehörten zum Beispiel Impfungen gegen Masern, Mumps und Röteln oder Kinderlähmung.

Graf kritisiert «Angstmacherei»

Bei einem Verbot befürchten die Wissenschafter Nachteile für den Forschungsstandort Schweiz: «Versuche mit Primaten sind in gewissen Bereichen der Immunologie und Hirnforschung schlicht unersetzbar.» Ein Verbot von Primaten-Versuchen lasse sich nur rechtfertigen, wenn die Bevölkerung bereit sei, auf neue Therapien und Medikamente zur Behandlung von Krankheiten wie Alzheimer, Parkinson, Querschnittlähmung, Krebs, Hepatitis und vielen anderen zu verzichten. «Wir würden völlig vom Fortschritt im Ausland abhängig werden, wenn die Forschung an Primaten in der Schweiz faktisch verboten würde», argumentiert Tierarzt und Vereinspräsident Michael Hottiger.

«Das ist reine Angstmacherei», wirft Nationalrätin Graf dem Verein vor. Ein Verbot dieser grausamen Affenversuche gefährde die biomedizinische Forschung und die Sicherheit der Medikamente in keiner Weise. Die meisten der erwähnten Fortschritte seien nicht auf Erkenntnisse aus Primaten-Versuchen zurückzuführen. «Noch immer werden Tausende Affen der Forschung geopfert, ohne dass daraus in den letzten Jahrzehnten neue Therapien oder Medikamente zur Behandlung von Krankheiten wie Alzheimer, Parkinson oder Krebs resultiert hätten.» Resultate der Versuche könnten nicht eins zu eins auf Menschen übertragen werden. Ausserdem gebe es heute unendlich viele Möglichkeiten, ganze Organismen und die Auswirkungen von Krankheiten an Computermodellen oder anderen Technologien zu studieren.

In keinem anderen Kanton werden mehr Tierversuche an Affen durchgeführt als in Basel-Stadt: Im vergangenen Jahr mussten 137 dieser Tiere herhalten. Das sind schweizweit 70 Prozent aller Versuche an Primaten. In den vergangenen 20 Jahren hatte der Stadtkanton stets die Spitzenposition inne. Damit soll schon bald Schluss sein. Die Organisation «Sentience Politics» will Primaten-Versuche in Basel-Stadt verbieten lassen. Am Montag ist dazu die Initiative «Grundrechte für Primaten» mit den dafür nötigen 3000 Unterschriften bei der Staatskanzlei eingereicht worden.

Basel-Stadt muss entscheiden

Die Initianten wollen, dass das Recht auf Leben sowie die körperliche und geistige Unversehrtheit von Primaten in der Kantonsverfassung festgeschrieben wird. Konsequenzen hätte das nicht nur für die Pharmariesen Roche und Novartis, sondern auch für den Basler Zolli. Bisher gaben sich die betroffenen Institutionen noch zurückhaltend. Der Zolli verweist auf das Schweizer Tierschutzgesetz, das eines der strengsten der Welt sei und den Tieren im Zoo genügend Schutz biete. Ähnlich tönt es von der Pharma: «Roche nimmt die öffentlichen Bedenken zu Tierversuchen in der medizinischen Forschung sehr ernst», versicherte der Konzern gegenüber der bz.

Auch der Bundesrat spricht sich gegen eine Gesetzesverschärfung aus. Die bestehenden Vorschriften zur Durchführung von Tierversuchen hätten sich bewährt, antwortete er auf Grafs Motion. An grossen Menschenaffen sind schmerzhafte Tierversuche in der Schweiz schon heute verboten. Für Versuche an anderen Primaten erachten die Eidgenössische Kommission für Tierversuche und die Eidgenössische Ethikkommission für die Biotechnologie im Ausserhumanbereich eine Güterabwägung für zulässig. «Bei einer solchen Güterabwägung gewinnt immer die Forschung», ist dagegen Nationalrätin Graf überzeugt. «Solche Versuche an diesen empfindsamen Lebewesen sind unhaltbar. Unseren Mitmenschen würden wir das nie zumuten.»