Kräfte bündeln, Standort stärken: Diese Schlagworte platziert Primo Schär, der neue Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Basel, im bz-Interview gleich mehrfach. Es ist offensichtlich: Schär ist überzeugt von der geplanten Fusion von Universitätsspital Basel und Kantonsspital Baselland. Mit der Fusion steigt die Zahl klinischer Forschungsstudien, was deren Qualität erhöht. Davon wiederum profitieren die Patienten und die Universität gleichermassen, sagt Schär. Nur mit etwas hat der Dekan seine liebe Mühe: mit dem geplanten Namen des Grossspitals: «Universitätsspital Nordwest».

Herr Schär, die Spitalgruppe stösst vor allem in Basel-Stadt auf Skepsis. Herr und Frau Basler stellen sich die Frage, was das Fusionsprojekt ihnen und ihrem Kanton bringt. Warum sollten sie der Fusion zustimmen?

Primo Schär: Die Universität und das Unispital sind wichtige Komponenten dieser Stadt. Mit teilweise beschränkten Mitteln stehen wir im weltweiten Wettbewerb mit grossen Universitäten. Mit einer Fusion könnten wir Kräfte bündeln und so den Standort stärken, was der Stadt in ihrer Reputation und ihren Entwicklungsmöglichkeiten stark hilft.

Das war noch etwas abstrakt. Können Sie etwas konkreter erklären, was sich aus Sicht der Medizinischen Fakultät tatsächlich ändern würde?

Es geht wie gesagt darum, Kräfte zu bündeln. Unser Einzugsgebiet ist heute beschränkt, was sich auch auf unsere Lehre und Forschung auswirkt. Durch den Zusammenschluss des Universitätsspitals (USB) mit dem Kantonsspital Baselland (KSBL) könnte dieser Raum vergrössert werden. Natürlich würde sich nichts an der Zahl der Patienten ändern. Weil die Standards aber vereinheitlicht würden, hätten mehr Patienten Zugang zu klinischen Forschungsstudien, was wieder deren Qualität steigert und damit auch die Universität als Ganzes stärkt. Das ist für die Universität Basel massgeblich, weil wir in einem weltweiten Wettbewerb stehen. Die Spitalgruppe bietet eine grosse Chance, einen Schritt vorwärtszumachen.

Die Uni könnte also profitieren. Und Baselland mit seinen Spitälern?

Der Zusammenschluss bringt für beide Seiten die Möglichkeit, in einem grösseren Verbund koordinierter mit gebündelten Mitteln zu arbeiten. Das bringt Baselland genauso viel wie Basel-Stadt. Baselland hätte dann drei Spitäler, die eine starke Verbindung zur Universität hätten und Lehre wie Forschung besser in diese Prozesse einbeziehen könnten.

Die Uni ist unbestritten ein wichtiger Standortfaktor für die Region. Die Bevölkerung aber interessiert doch vor allem, wie der einzelne Patient von der Spitalfusion profitiert.

Es ist davon auszugehen, dass die Spitalgruppe die Patientenzahlen in den einzelnen Spezialbereichen erhöhen und so die Kompetenz steigern kann. Macht man das koordiniert, wird die Behandlungsqualität steigen. Das kommt letztlich dem Patienten zugute. Wenn er eine spezialisierte Behandlung hier in Basel erhält und nicht nach Zürich oder Lausanne fahren muss, ist das für ihn ein Vorteil.

Die Sicherung der Hochschulmedizin wäre doch auch mit punktuellen Partnerschaften möglich. Das Unispital hat es kürzlich mit der Zusammenarbeit mit dem Claraspital in der Viszeralchirurgie vorgemacht.

Solche Möglichkeiten gibt es. Will man aber alles auf einmal angehen, ist eine Fusion effizienter. Bei einzelnen Partnerschaften muss man die Regularien immer wieder neu etablieren, Verträge aushandeln, Prozesse definieren. Ist von Anfang an klar, dass alles zu einem grossen Ganzen vereint wird, sind diese Prozesse sehr viel einfacher. Gerade in der klinischen Forschung stellen Administrationen und Regularien oft die höchsten Hürden dar.

Der Gesundheitsraum Nordwestschweiz zählt nur 600 000 Einwohner und ist zudem abgeschlossen. Er sei zu klein, um in der Hochschulmedizin zu bestehen, sagen Beobachter.

Gerade deshalb müssen wir die Kräfte bündeln. Die Grösse definiert sich letztlich über Fallzahlen und Patientenzahlen für die Forschung. Am Raum können wir nichts ändern, aber wir können versuchen, ihn so optimal wie möglich zu nutzen. Und wenn wir alle Patienten zusammenführen, sind wir nicht mehr zu klein für Hochschulmedizin. Doch auch dann werden wir weiter kämpfen müssen. Es braucht den permanenten Effort. Aus universitärer Sicht würde die Spitalgruppe unser Potenzial bei der Hochschulmedizin aber klar verbessern.

Welche Nachteile hat die Spitalfusion?

Ich sehe keine unmittelbaren Nachteile, allerdings kleinere Risiken. Die Zusammenführung der Spitäler darf nicht alleine nach ökonomischen Kriterien und Ideen erfolgen. Der universitäre Gedanke, Grundsätze wie die Freiheit der Forschung, müssen mitgeführt werden. Es ist die Aufgabe der Fakultät, diese Gedanken einzubringen. Ich sehe eine gewisse Gefahr, dass in der Hektik dieser Aspekt etwas untergehen könnte.

Sehen Sie weitere solche Risiken?

Ich könnte mir vorstellen, dass es bei der Neubesetzung von Professuren Diskussionen geben wird, wo Forschungsgruppen angesiedelt werden. Aber auch da denke ich: Wenn wir im neuen Spital eine gute Kultur pflegen und uns als Einheit verstehen, dann wird dieser Aspekt in den Hintergrund treten.

Welche negativen Konsequenzen hätte ein Nein zur Spitalgruppe?

Dann bleibt es beim Status quo. Man hat sich viele Gedanken darüber gemacht, wie die Fusion dazu dienen könnte, akademisch stärker zu werden. Ich habe den Eindruck, dass bei einem Nein viele Aktivitäten in Angriff genommen würden, die versuchen würden, auf anderen Wegen die Vorteile der Fusion dennoch zu leben.

Das klingt nicht so, als wäre ein Nein eine Katastrophe.

Ich fände es schade, wenn man diese Chance nicht packen würde. Wir sehen eindeutig ein Potenzial. Dieses wäre ohne Spitalgruppe nicht ohne weiteres zu entfalten.

Wäre das Standing der Medizinischen Fakultät dann gefährdet?

Nicht direkt. Die Medizinische Fakultät hat ein gutes Standing und ein gutes Profil in der Forschung. Aber wir sehen uns in Basel mit dem Flaschenhals der limitierten Grösse konfrontiert. Die Spitalfusion würde sicherstellen, dass wir strukturell wachsen und somit unser Standing halten können. Als grössere Einheit würden wir zudem sichtbarer im Hinblick auf mögliche weitere Zusammenschlüsse. Diese werden nötig sein, die Medizinische Fakultät darf sich nicht selber genügen. Bei einem Nein wäre dies alles viel schwieriger.

In der Finanzierung der Uni und von Leistungen in deren Umfeld gibt es zwischen Basel-Stadt und Baselland immer wieder Diskussionen. So bezahlt Basel-Stadt den Aufwand für Lehre und Forschung im Rahmen der gemeinwirtschaftlichen Leistungen für die Spitäler, ohne Beteiligung des Uni-Partners Baselland. Das sind 28 Millionen Franken – pro Jahr.

Wie diese gemeinwirtschaftlichen Leistungen finanziert werden, ist eine politische Frage. Längerfristig wäre mit Blick auf die partnerschaftliche Finanzierung der Uni eine ausgeglichenere Finanzierung dieser gemeinwirtschaftlichen Leistungen wünschenswert. Zugleich bin ich persönlich der Meinung, dass ein Seilziehen um Franken und Rappen zwischen Stadt und Land wenig bringt. Eine qualitativ hochstehende Universität und hochstehende Medizinische Fakultät ist im Interesse beider Kantone und bringt auch beiden etwas.

Warum werden gemeinwirtschaftliche Leistungen für Lehre und Forschung nicht aus dem Uni-Budget bezahlt?

Das müssten Sie die Rektorin fragen. Meines Wissens hat sie sich mit Hinweis auf das bereits sehr enge Uni-Budget ablehnend dazu geäussert.

Was halten Sie vom gewählten Namen «Universitätsspital Nordwest»?

Die Fakultät war nicht glücklich mit dieser Wahl, hat aber Verständnis dafür, dass die Namensfrage aus politischen Gründen so gelöst werden musste. Problematisch war, dass im Prozess der Namensbildung des neuen Spitals die Universität lange nicht eingebunden war. Die Medizinische Fakultät hat sich dann selber in die Diskussion eingebracht. Seither sind wir in der Ausgestaltung des Brandings stärker involviert. Das ist ein laufender Prozess, in den ich selber involviert bin. Nun geht das in eine Richtung, mit der die Medizinische Fakultät und die Uni zufrieden sein kann.

Sie hätten es am liebsten gehabt, wenn auch das neue Spital «Universitätsspital Basel» geheissen hätte.

Als Person ja. Das USB und das KSBL sehen sich in erster Linie als regionale Player und haben die Namenswahl darauf ausgerichtet. Die Universität versteht sich hingegen als internationaler Player. In der Forschung stehen wir mit der Medizinischen Fakultät im Wettstreit mit Boston und Schanghai. Deswegen fanden wir es schade, dass man vom Namen «Universitätsspital Basel» abgerückt ist. Das ist eine traditionelle und international bestens bekannte Marke. Wenn ich nach San Diego zu einem Vortrag fliege und dort sage, ich komme vom «University Hospital Basel», dann wissen alle, wo das ist. Der Name «University Hospital Northwest» funktioniert dort nicht. Das ist keine geografische Verortung, sondern eine Richtungsangabe. Ähnliches gilt für Konstrukte mit «beider Basel».

Sie sagen, die Gespräche gehen in eine gute Richtung. In welche?

Die Diskussionen drehen sich um das Sub-Branding, also um Zusätze. Der Fakultät ist es ein Anliegen, dass die «Universität Basel» klar sichtbar bleibt. In den aktuell diskutierten Modellen ist das so gegeben: Name und Logo der Uni werden auf dieser Ebene wieder erscheinen, Forschungsresultate werden weiterhin unter dem Namen Universität Basel publiziert werden. Es kann aber sein, dass «Universitätsspital Nordwest» ebenfalls genannt wird.