Auf welche Sprache liebkost man einen Hund? Türkisch, ganz klar. Die Sprache des Herzens. So milde hat die Diskussion an der 14. Ausgabe von «Basel im Gespräch» angefangen. Die offene Gesprächsrunde in der Elisabethenkirche hatte es sich dieses Mal zum Thema gesetzt, Leben und Integration von türkisch-stämmigen Schweizern besser zu verstehen. Mit dabei waren Yavuz Selim Tasoglu, Mitglied der Basler Muslim Kommission, Richterin Derya Sahin Tokay, Politikwissenschaftlerin Seyhan Bayraktar und Boxer Ünsal Arik.

Um Heimat sollte es gehen. Das Gefühl hin- und hergerissen zu sein zwischen dem Land seiner Vorfahren und dem Land, in dem man lebt. Dass es aber ein ganz anderes Thema war, das den Anwesenden aktuell unter den Nägeln brannte, zeigte sich schneller und deutlicher als gewünscht.

Auch keine ist eine Meinung

Hier angekommen, das fühlten sich nämlich alle Gesprächsteilnehmer. Ob als aktiv am politischen Leben beteiligte und interessierte Bürger, wie Bayraktar, als «primär Basler», wie Tasoglu, oder als Gast in einem fremden Land, in dem man sich lediglich an die kulturellen Regeln zu halten habe, um akzeptiert zu werden. Diese Haltung vertrat Boxer Ünsal Arik. Doch was er erst als persönliches Statement äusserte, enthielt politische Sprengkraft: Verpflichtet man sich immer auch gleich den kulturellen Werten eines Landes, dessen Freiheiten man geniesst? Natürlich ging es dabei nicht um irgendwelche Werte, sondern um den einen grossen Wert, der symbolisch für den politischen Konflikt in der Türkei steht: Die Demokratie.

Die Vorwürfe an den am Sonntag wiedergewählten türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan standen nicht nur implizit im Raum. Vom Selbstverständnis hier lebender Türken driftete das Gespräch schnell ab und wurde stattdessen zu einer Debatte um Flüchtlingsströme, Meinungsfreiheit und Kopftücher. Dass es in der Runde allerdings weder um türkische Innen- noch Aussenpolitik gehen sollte, darauf wiesen immer wieder die Aussagen Bayraktars hin: «Es geht gar nicht darum, Erdogan zu verteidigen, sondern darum anzuerkennen, dass Doppelbürger in Europa ihn gewählt haben. Auf ihnen herumzuhacken, reicht im Umgang nicht aus», meinte die Politikwissenschaftlerin. Es sei problematisch, dass sich selbst, wer schon seit 50 Jahren hier lebt oder gar hier geboren ist, noch für sein Wahlverhalten in der Türkei rechtfertigen müsse.

Genau diese Rechtfertigungsforderung war auch verantwortlich für einen der angespanntesten Momente des Abends. Yavuz Tasoglu nämlich wurde nicht eine problematische Aussage, sondern im Gegenteil das Fehlen einer rechtfertigenden Aussage zum gewünschten Zeitpunkt zum Verhängnis. Tasoglu, der sich als beruflicher und leidenschaftlicher Diplomat vorgestellt hatte, entzog sich eingangs rollenentsprechend der Debatte: «Ich wähle schon seit einiger Zeit nicht mehr in der Türkei. In diese schwarz-weisse Diskussion will ich mich gar nicht einlassen». Und befand sich schon mittendrin. «Ich habe noch nie so einen kultivierten AKP-Wähler gesehen wie Sie, Herr Tasoglu», meinte Ünsal Arik.

Das sei eine Form von verbaler Gewalt, so Bayraktar. Und tatsächlich war die Aggression im Raum spürbar, auch dann, wenn insistiert wurde, dass «andere Haltungen» zu tolerieren seien. Denn eine Haltung musste gar nicht erst eingenommen werden: «Auch keine Position ist eine Position» fasste ein Zwischenruf aus dem Publikum das eigentliche Problem zusammen.

Auslandswahlverbot?

Und gewisse Positionen könne man zumindest als Türke im Ausland nicht einnehmen. Dessen war sich Arik unter Beifall grosser Teile des Publikums sicher: «Wer hier sozialdemokratische Freiheiten geniesst, soll nicht darüber entscheiden können, ob diese der Bevölkerung eines anderen Landes erzogen werden.» Vom Ausland aus Erdogan wählen? Das sei ein Paradox. Ein Paradox, mit dem man leben müsse, meinte Bayraktar. Ein Wahlverbot für Auslandstürken sei schliesslich keine Lösung.

Dennoch wurde es von einigen am Mittwochabend eingefordert. Ein Verbot, aktiv am politischen Leben in der Türkei teilzunehmen, würde den Auslandstürken dabei helfen, sich auf ihre aktuellen Lebensumstände einzulassen und eine Spaltung der türkischen Community zu verhindern.

Dass eine solche Spaltung eine reale Gefahr ist, das zeigte der Verlauf des Gesprächs. Was als Plaudern über Fussball und kulturelle Differenzen begonnen hatte, wurde scheinbar unvermeidbar zu einer Debatte über Gut und Böse. «Bei bestem Willen», meinte schliesslich eine Stimme aus dem Publikum, «vom eigentlichen Gesprächsthema sind wir jetzt aber weit entfernt».